ReportageDer neue Kampf auf dem Ölmarkt

Seite: 2 von 4

Ein neuer swing producer

Das Schieferöl hat den klassischen Investitionszyklus auf den Kopf gestellt. Der war bisher lang, träge und teuer. Ölfelder mussten mühsam erschlossen werden, was Milliarden verschlang. Auch neue konventionelle Großprojekte in der Tiefsee oder in der Arktis folgen diesem Zyklus.

Ein einzelnes Bohrloch in Texas zu fracken kostet wenige Millionen Dollar. „Wenn Sie heute auf Ebay einen Bohrturm kaufen und eine Förderlizenz beantragen, können Sie in einem Monat loslegen“, sagt Spencer Dale, der Chefvolkswirt des Ölkonzerns BP. Wenn der Preis fällt, können Frackingfirmen ebenso leicht Projekte zurückstellen.

Als „swing producer“ bezeichnen Experten den zentralen Akteur auf dem Ölmarkt, der seine Förderung schnell anpassen und damit Preisschocks abfedern kann. In den 80er-Jahren hat Texas diese Rolle an Saudi-Arabien und die OPEC verloren. Dank des Schieferöl-Booms sind die USA dabei, ihre Vormachtstellung zurückzugewinnen, glauben US-Energieökonomen wie Philip Verleger, ein früherer Berater der Präsidenten Ford und Carter.

Auch Jim Henry hat festgestellt, dass die Ölwelt nicht mehr die gleiche ist, seitdem sie in Texas immer mehr von dem Stoff aus dem Boden pumpen. „Saudi-Arabien hat in der Vergangenheit sehr dabei geholfen, allzu wilde Preisschwankungen zu vermeiden“, sagt Henry. Diesmal sei alles anders. Die Saudis dächten nicht daran, Marktanteile an die Angreifer aus der Frackingbranche abzugeben, erzählt man sich in Midland. Deshalb hielten die Scheichs ihre Produktion hoch, obwohl das Überangebot den Preis drückt.

Im November hörte Henry, wie der saudische Ölminister Ali bin Ibrahim al-Naimi Produzenten wie ihm den Kampf ansagte. Da hatten die alten Ölmächte in der OPEC gerade in einer historischen Kehrtwende beschlossen, auf eine Förderkürzung zu verzichten – und damit alle überrumpelt. „Wenn der Preis fällt, dann fällt er“, sagte Al-Naimi. „Andere wird das bereits dann hart treffen, wenn wir noch gar nichts davon spüren.“

Von einer „Kriegserklärung“ an die neuen Wettbewerber sprachen Analysten damals. Bis Januar stürzte der Ölpreis um weitere 30 Dollar.

Drei Monate später steht Al-Naimi im dunkelgrauen Anzug an einem Pult mit dem Bundesadler, vor ihm sitzen Abgeordnete, Diplomaten und Ölmanager. Der Minister aus Riad ist der wichtigste Redner auf der Energiekonferenz eines außenpolitischen Thinktanks der Bundesregierung im Berliner Schloss Schönhausen. Seit 20 Jahren dient Al-Naimi dem saudischen Königshaus als Ölminister. Der 1,58 Meter kleine Mann war der König der alten Ölwelt.

Doch seit dem dramatischen Kurswechsel der Saudis muss Al-Naimi viel erklären. Der Minister muss die nervösen Märkte beruhigen, Gerüchte über eine amerikanisch-saudische Verschwörung gegen Russland und Iran zerstreuen. Und Analysten Kontra geben, die behaupten, mit dem Verzicht auf eine Förderkürzung habe sich das Kartell faktisch aufgelöst.

Der saudische Ölminister Ali Al-Naimi
Der saudische Ölminister Ali Al-Naimi zwingt die OPEC auf einen neuen Kurs – Foto: dpa

Es gebe viele „bizarre Theorien“ über die Motive der OPEC, sagt Al-Naimi in seinem schnarrenden Englisch. Diese seien alle falsch. „Wir haben einfach die historische Entscheidung getroffen, die Kräfte des Marktes wirken zu lassen.“ Dann folgt seine zentrale Botschaft: Es sei nicht die Aufgabe der arabischen Ölstaaten, „Anbieter mit höheren Kosten zu subventionieren“. Im Saal wissen alle sofort, wen Al-Naimi meint: die Amerikaner. In den Frackingrevieren kostet die Förderung mindestens zehnmal so viel wie in den Feldern unter der Wüste, in denen die Saudis für vier Dollar pro Fass produzieren können.

Dann ist Al-Naimi plötzlich verschwunden. Als er vom Podium zurücktritt, verliert er den Halt und kippt nach hinten in die Kulissen. Nicht einmal der graue Schopf des 80-Jährigen ist noch zu sehen. Entsetzte Rufe gehen durch den Saal. Ein Schwächeanfall? Eine Herzattacke? Der saudische Ölminister ist immer noch ein Mann, auf den alle an den Märkten schauen. Wäre Al-Naimi etwas passiert, würde die Meldung sofort um den Globus jagen und hektische Reaktionen auslösen. Aber schon kurz darauf taucht er wieder auf und setzt sich auf seinen Stuhl, als wäre nichts passiert. Das Bild symbolisiert ein wenig das neue Machtgefüge auf dem Ölmarkt: Saudi-Arabien ist noch da. Aber es ist etwas derangiert.

„Berichte über den Tod der OPEC sind übertrieben“, sagt BP-Chefökonom Dale. Noch immer sind die Saudis der größte Exporteur. Über die OPEC kontrollieren sie mehr als ein Drittel der globalen Ölproduktion. Das Kartell verfügt über den Großteil der nachgewiesenen Reserven, während niemand weiß, wie lange die US-Produktion noch wachsen kann.

Doch durch die Rückkehr der Amerikaner als Ölgroßmacht sind die Zeiten vorbei, in denen die Araber allein globale Krisen heraufbeschwören und Volkswirtschaften in Geiselhaft nehmen konnten. War die Angst vor Peak Oil, dem Überschreiten des Förderhöhepunkts, das Kennzeichen der alten Ölwelt, steht die Ölschwemme für die neue Zeit.

Auf bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag schätzt Dale das Überangebot – bei einem weltweiten Verbrauch von rund 93 Millionen Barrel. Und Großproduzenten wie der Irak, der Iran und Libyen, deren Industrie derzeit noch durch Bürgerkriege oder Sanktionen gelähmt ist, wollen ihre Förderung schon bald deutlich hochfahren. Dass der Rohstoff auf absehbare Zeit wieder an die 100-Dollar-Marke heranreicht, glaubt kaum jemand.