KolumneDer Münchhausen der Commerzbank

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen gelang vor langer Zeit das Kunststück, sich am eigenen Haarschopf aus einem Sumpf zu ziehen. Und das auch noch samt Pferd. Bei der Commerzbank versucht Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller seit Jahren vergeblich, den Trick des Lügenbarons zu wiederholen. Doch die zweitgrößte deutsche Privatbank kommt und kommt nicht aus der Krise heraus, so heftig Müller auch in seine eigenen Silberlocken greift.

Kein anderes Kreditinstitut schmort seit Jahren so im eigenen Saft wie die Commerzbank. Müller selbst verbrachte seine gesamte Berufslaufbahn in der Bank, diente 18 Jahre als Vorstand und Chef, bevor er 2008 bruchlos ins Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden wechselte. Nicht anders sieht es im Vorstand der Bank aus: Der neue Vorstandschef Martin Zielke arbeitet seit 14 Jahren für die Commerzbank. Und die übrigen sechs Vorstände brachten im Durchschnitt fast zwölf Jahre in der angeschlagenen Bank zu. Als einziger Newcomer gilt CFO Stephan Engels – der nun aber auch schon seit vier Jahren sein Glück in Frankfurt versucht.

Die Vorstände und Aufsichtsräte probierten in den letzten Jahren immer neue Organisationsmodelle und Strategien aus, die nach kurzer Euphorie in der Erfolglosigkeit endeten. Die Gesichter, die stetig Neues für die Bank verkündeten, blieben dabei immer die alten.

Die Commerzbank braucht Impulse von außen

Daran ändert sich auch künftig nichts. Der 73-jährige Müller will bis 2018 weiter werkeln wie bisher. Seine Nachfolge im Aufsichtsratsvorsitz tritt dann ein anderer altgedienter und über weite Strecken erfolgloser Commerzbanker an, wie seit letzter Woche feststeht: Der frühere Vorstand Stefan Schmittmann, der sieben Jahre lang das eher glücklose Risikomanagement der Commerzbank verwaltete und erst Ende 2015 aus seinem Amt ausgeschieden war. Ein qualifizierter Kandidat von außen war angeblich für den mäßig dotierten Job nicht zu gewinnen.

Doch genau das wäre bitter nötig für die Commerzbank. Sowohl im Aufsichtsrat als auch im Vorstand des Kreditinstituts fehlen Anstöße von außen. Etwas wirklich Neues fällt der Frankfurter Spitzenriege einfach nicht mehr ein. Die jüngsten Ideen für eine Reorganisation der Bank, die aus dem Vorstand nach außen tröpfeln, verraten vor allem eines: Ratlosigkeit. So soll die so genannte Mittelstandsbank, die einst als großer Hoffnungsträger der Commerzbank galt, möglicherweise wieder in mehrere Teile zerlegt werden. Nach vorn heißt also bei dem Kreditinstitut, wenn es wirklich so kommt, wieder einmal zurück zum Status quo ante. Innovation sieht irgendwie anders aus.

Wird die Aufteilung des Geschäfts mit Unternehmenskunden die Probleme der Bank lösen und den stetigen Fall der Aktie aufhalten? Eher gelingt es Klaus-Peter Müller mit einem Pferd durch die offenen Fenster einer fahrenden Kutsche zu springen oder auf einer Kanonenkugel zu reiten wie einst der Baron von Münchhausen.

 

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