BatterieherstellerDer Minuspol bei Varta

Der Schriftzug des Batterieherstellers Varta ist an einem Gebäude am Hauptsitz befestigt
Varta schreibt eine Erfolgsgeschichte, wenn da die juristischen Probleme des Aufsichtsratschefs nicht wärendpa

Als der schwäbische Mikrobatteriehersteller Varta im März seine Bilanz präsentierte, sparte der Finanzchef nicht an historischen Vergleichen. 2018 sei „das erfolgreichste Jahr in der jüngeren Geschichte von Varta“ gewesen, sagte er. Auch 2019 erwarte der Vorstand „deutlich zweistellige“ Wachstumsraten bei Umsatz und Ergebnis. Die operative Marge werde auf über 20 Prozent steigen – erstmals in der Firmengeschichte.

Rekordzahlen wie diese sind ganz nach dem Geschmack von Michael Tojner, Vartas Haupteigentümer. Früher jonglierte der Österreicher als bekanntester Venture-Capital-Investor seines Landes mit Dutzenden Start-ups und Firmenbeteiligungen. Damals nannte man ihn „Mister 300 Prozent“, weil er stets sein Geld vervielfachen wollte – etwa bei der Beteiligung am Wettanbieter Bwin, den Tojner mit an die Börse brachte. Heute herrscht er über ein Milliardenreich aus Industrieunternehmen und Immobilien.

Auch bei seinem wichtigsten Investment in Deutschland scheint der 53-Jährige mit Doktortiteln in BWL und Jura den richtigen Riecher gehabt zu haben. Als er 2007 Vartas hoch verschuldete Mikrobatteriesparte von der Industriellendynastie Quandt kaufte, betrug sein Eigenkapitaleinsatz 30 Mio. Euro. Seit dem Börsengang 2017 hat sich der Aktienkurs verdoppelt. Tojners 65-Prozent-Anteil ist heute fast 1 Mrd. Euro wert. Gerade ist der Weltmarktführer für Hörgerätebatterien in den SDax aufgestiegen. Nun wird das Unternehmen die Sparte für Haushaltsbatterien, die es noch vor Tojners Einstieg angestoßen hat, für rund 100 Mio. Euro vom US-Wettbewerber Energizer zurückkaufen. Eine Erfolgsgeschichte.

Hierzulande weitgehend unbemerkt, kämpft Tojner jedoch in seinem Heimatland mit großen juristischen Problemen: Der Multiunternehmer steht im Zentrum eines Ermittlungsverfahrens, das die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen ihn und sein Umfeld führt – unter anderem wegen Geschäften mit Sozialwohnungen, bei denen der Staat um viele Millionen betrogen worden sein soll. Im Fall einer Verurteilung droht Tojner eine mehrjährige Haftstrafe.

Tojner weist alle Vorwürfe als „vollkommen substanzlos“ zurück und wehrt sich mit einer Gegenklage. Aber schon die Ermittlungen könnten nicht nur für ihn zu einem Problem werden, sondern auch für Varta. Zwar gibt es in dem Verfahren keinerlei Bezug zu dem Konzern, der sich aktuell um eine Milliardenförderung der Bundesregierung für E-Auto-Batterien bewirbt. Doch bei Varta amtiert Tojner bis heute als Chef des Aufsichtsrats. Langwierige Ermittlungen oder gar ein Gerichtsverfahren könnten Folgen für das Mandat haben. Zudem zählt zu den Beschuldigten auch ein Anwalt Tojners, der ebenfalls im Varta-Aufsichtsrat sitzt – und sein Mandat zur Hauptversammlung im Mai nun vorzeitig niederlegt.

Keine Angst vor Grauzonen

Kaum jemand in Deutschland kannte Tojner, als er mit seiner Industrieholding Montana Tech Components Varta 2007 kaufte. Damals hatten die Alteigentümer – die Deutsche Bank und die Familie Quandt – die Traditionsfirma aus Ellwangen bereits filetiert. Die beiden Sparten für Auto- beziehungsweise Haushaltsbatterien wurden an US-Konzerne verkauft. An Tojner ging das Geschäft mit Mikrobatterien.

Varta-Chef Herbert Schein erzählt, dass der neue Eigentümer und er sofort das gleiche Ziel hatten: „Wir machen Varta wieder stark und investieren in Technologie.“ Seither hat Tojner laut eigener Aussage mehr als 250 Mio. Euro in die Firma gesteckt. Im Herbst 2017 folgte die Rückkehr an die Börse – „einer der erfolgreichsten Börsengänge der letzten zwei Jahre in Deutschland“, wie Commerzbank-Analyst Stephan Klepp sagt.

Varta-Aufsichtsratschef Michael Tojner
Varta-Aufsichtsratschef Michael Tojner (Foto: dpa)

In seiner Heimat gilt Tojner als einer jener Unternehmer, für die das Attribut „schillernd“ erfunden wurde. Seine erste Million in Schilling machte er als Student mit einem Eisverkauf am Schloss Schönbrunn. 1998 gründete er die Beteiligungsfirma Global Equity Partners und kaufte sich bei mehr als 50 Firmen ein, die er aggressiv auf Wachstum trimmte. Die Erlöse aus Verkäufen und Börsengängen investierte er in Immobilien und seine Montana-Tech-Gruppe, in der der Milliardär seine Industriefirmen bündelt.

Bei seinem Aufstieg aus dem Nichts hat Tojner ein Image geprägt, das sich bis heute hält: als einer, der juristische Grauzonen nicht scheut. Heimische Medien nennen ihn einen „Grenzgänger“. Schon vor den aktuellen Ermittlungen interessierte sich die Staatsanwaltschaft für Geschäfte von Tojner und Vertrauten, die teils wie Handlanger wirken. Bislang aber ist ihm nie etwas strafrechtlich Relevantes nachgewiesen worden. „Tojner lässt sich nicht so schnell in die Enge treiben“, sagt ein Insider der Wiener Wirtschaftsszene. „Der wird nicht nervös, wenn man ihm mit rechtlichen Mitteln kommt.“ Tojner selbst hat sich einmal bescheinigt, er sei schon als 20-Jähriger ein „ausgefuchster“ Unternehmer gewesen. Mehr Feinde als Freunde zu haben ist er gewohnt.

Noch nie aber musste sich Tojner an so vielen Fronten gegen Vorwürfe staatlicher Stellen verteidigen wie derzeit. Im Fall der Deals mit Sozialwohnungen, durch die Investoren zum Schnäppchenpreis an die Objekte kamen, stellte das Land Burgenland Strafanzeige. In einem weiteren Fall, in dem es um Tojners Versuch geht, die Kontrolle bei einer milliardenschweren Industriestiftung zu übernehmen, war es die Finanzmarktaufsicht. In beiden Fällen läuft ein Ermittlungsverfahren, wie die Wirtschaftsstaatsanwaltschaft bestätigt – einerseits wegen des Verdachts des schweren Betrugs, der Untreue und Bilanzfälschung, andererseits wegen des Verdachts der versuchten Anstiftung zur Untreue.

Die Affäre um Sozialwohnungen, der politisch brisantere Fall, wurde im Sommer 2018 bekannt. Damals stießen die Wiener Grünen auf staatlich geförderte Wohnungen, die an Touristen vermietet wurden – für ein Vielfaches des ursprünglichen gesetzlichen Höchstpreises. In der Folge kam eine Kette von fragwürdigen Transaktionen bei zwei gemeinnützigen Baugesellschaften mit zusammen mehr als 1000 Wohnungen ans Licht. Ihre Namen: Riedenhof und Gesfö. Eigentümer – von Riedenhof ab 2011, von Gesfö ab 2013 – war ein Unternehmer mit engen Kontakten zu Tojner. Später stieg auch Tojners Schwager als Miteigner ein. Tojners langjähriger Anwalt, der noch im Varta-Kontrollgremium sitzt, übernahm bei beiden Firmen den Aufsichtsratsvorsitz.

2015 verlegten Riedenhof und Gesfö ihren Sitz ins Burgenland und ließen sich von der Landesregierung den Gemeinnützigkeitsstatus aberkennen – was zuvor anderswo abgelehnt worden war. Ohne diesen Status lassen sich Wohnungen besser verkaufen, weil Auflagen wegfallen. Als Ausgleich sieht das Gesetz eine Abschlagzahlung an den Staat vor, die die Wertsteigerungen der geförderten Immobilien abschöpfen soll. Die Höhe der Zahlung, die auf Basis der Firmenbilanzen festgesetzt wurde: 17 Mio. Euro. Laut Grund- und Firmenbuchdaten verkauften die Bauträger direkt nach der Aberkennung 832 Wohnungen – für 21,5 Mio. Euro. Käufer: zwei frisch gegründete Firmen eines Anwalts aus Baden bei Wien.

Acht Monate später reichten diese Firmen einen Teil der gekauften Objekte weiter: Für nur 252 Wohnungen kassierten sie nun 25 Mio. Euro. Allein eine Immobilie in Wien, von der Gesfö zuvor für 2 Mio. Euro verkauft, brachte acht Monate später über 11 Mio. Euro. 2018 schluckte Tojners Immobilienholding Wertinvest dann die Muttergesellschaft von Riedenhof und Gesfö, bei der noch ein Rest des ursprünglichen Bestands lag. Zudem übernahm Wertinvest 95 Prozent einer weiteren Immobilienfirma des Anwalts aus Baden, der auch bei einem anderen Sozialwohnungsskandal eine Rolle spielte.

Bis zu 40 Mio. Euro Schaden

Der Vorwurf, den die Regierung des Burgenlandes heute erhebt: Riedenhof und Gesfö hätten den Wert ihrer Immobilien falsch bilanziert, um die Ausgleichszahlung an das Land zu drücken. Den Schaden für den Steuerzahler beziffert ein Gutachten auf bis zu 40 Mio. Euro. Noch bevor der neue Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) Ende Februar das Amt übernahm, reichte er Anzeige ein – auch gegen Tojner, den er für einen Strippenzieher der Deals hält.

Tojner selbst weist jede Mitverantwortung zurück. Die Vorwürfe seien „vollkommen substanzlos und beruhen teils auf einer politisch motivierten Kampagne beziehungsweise auf Eigeninteressen“, erklärte er auf Anfrage. Tojners Verteidigung baut im Wesentlichen darauf, dass er weder direkt noch indirekt Gesellschafter war, als den Bauträgern die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde. Dem Landeshauptmann Doskozil wirft Tojner „massive Kredit- und Rufschädigung“ vor und stellte Anzeige wegen Verleumdung. Gegen das Land geht er mit einer Amtshaftungsklage vor.

Bei Tojners deutschem Konzern spielen diese Kämpfe bislang keine Rolle. Vartas Geschäfte laufen bestens – vor allem dank einer besonders leistungsstarken Lithium-Ionen-Knopfzelle, die reißenden Absatz bei Herstellern von Kopfhörern und Headsets für Smartphones findet. 2020 will Konzernchef Schein davon mehr als 60 Millionen Stück verkaufen – dreimal so viele wie 2018. Auch in anderen Bereichen verfolgt Varta große Pläne. Neben der Übernahme des Geschäfts mit Haushaltsbatterien der Marke Varta könnte der Batterieproduzent im Fall eines Förderzuschlags der Bundesregierung bald auch in den Markt für E-Auto-Batterien einsteigen.

Varta Aktie

Varta Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RTWelche Rolle aber Aufsichtsratschef Tojner langfristig spielt, hängt nicht zuletzt an den Entwicklungen in Österreich. Zwar schreibt das deutsche Aktienrecht nicht vor, dass Aufsichtsräte für die Dauer von Ermittlungsverfahren ihr Mandat ruhen lassen müssen. Geht es um einen Mehrheitsgesellschafter, der zugleich Chefkontrolleur ist, könne dieser Schritt aber sinnvoll sein, sagt Andreas Lotze, Partner der Essener Kanzlei Aulinger: Ein Ermittlungsverfahren und eine drohende Verurteilung könnten „Konsequenzen für die Handlungsfähigkeit eines Unternehmens“ haben.

Tojner will dagegen von möglichen Folgen der Ermittlungen nichts wissen: „Der Kapitalmarkt ist professionell genug, keine Vorverurteilungen auf Basis politisch motivierter, medial breitgetretener Aktionen durchzuführen.“ Die Frage wird sein, ob am Ende tatsächlich nur der Kapitalmarkt über den Ausgang entscheidet – oder aber die Behörden.