Business as UsualWenn Männer sich für die Familie entscheiden

Auch Männer müssen immer häufiger auf Karriere verzichten, wenn sie mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen
Auch Männer müssen immer häufiger auf Karriere verzichten, wenn sie mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen
© Getty Images

Als Jasper seine heutige Frau kennenlernte, steckten beide noch im Studium. Sie angehende Architektin, er Wirtschaftsingenieur. Unausgesprochen war immer klar, dass er in die Industrie und Karriere machen wollte. Geheiratet wurde mit Ende 20, und es dauerte nicht lang, da kam der erste Nachwuchs. Jasper übernahm gern die Rolle des Verdieners, sie blieb zu Hause – ganz klassisches Rollenmodell. Und obwohl sie beide genau das gewollt hatten, entwickelte sich ihre Familie ganz anders als gedacht.

Entscheidung hat langfristige Auswirkung auf Karriere

Sie zog es nach jedem Kind schnell zurück in den Job, er genoss es zu Hause mit den Kindern. Beim dritten Spross hatten sie es raus, und er entschied sich, länger Elternzeit zu nehmen. Nur sein Abteilungsleiter hatte überhaupt kein Verständnis für Jaspers Ankündigung und entzog ihm umgehend sein wichtigstes Projekt. Er müsse sich langfristig auf den Erfolg verlassen können, und das sei mit jemandem, dem die Familie so offensichtlich wichtiger ist, nicht sichergestellt. Jedem Versuch, das Thema in Ruhe zu besprechen, ging sein Chef aus dem Weg. Jasper resignierte. Und freute sich auf die Zeit mit den Kindern.

Was Jasper aber komplett unterschätzt hatte: welch langfristige Auswirkung diese Entscheidung auf seine Karriere haben sollte. Als er zurückkam, war es, als würde ihm ein Makel anhaften. Er blieb irgendwie draußen, und das, was er vorher geleistet hatte, interessierte nicht mehr: Er war nach einem Traineeprogramm in den Konzern eingestiegen, hatte nach wenigen Jahre erste große Entwicklungsprojekte geleitet und bald auch ein Team von acht Leuten. Offiziell behielt er nach seiner Rückkehr Status und Gehaltsgruppe. Eine Teamleitung aber wollte man ihm nicht mehr anvertrauen

Capital 04/2017
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Jeder kennt mindestens drei ähnliche Geschichten aus dem eigenen Umfeld – meist jedoch mit einer weiblichen Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas von einem Mann gehört habe. Jasper hat mehr als drei Jahre gebraucht, um wieder auf den Platz zurückzufinden, den er vor den Kindern eingenommen hatte: Er ist wieder Teamleiter und mag seinen Job. Er hat auf dem langen Weg zurück aber auch zu spüren bekommen, dass er in diesem Konzern keine Karriere mehr machen wird.

Gibt es eine Moral von der Geschicht? Natürlich könnte man ein großes Fass aufmachen und über die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie klagen. Von Wut getrieben hat auch Jasper leidenschaftlich für mehr Gleichberechtigung im Konzern gekämpft – weil er merkte, dass er exakt denselben Preis bezahlte, den auch jede berufstätige Mutter zahlen muss. Dann aber wurde ihm klar, dass er diese Entscheidung trotzdem jederzeit wieder so treffen würde. Seitdem ist die Wut verraucht. Sich als Mann bewusst für die Familie und gegen Karriere entscheiden zu können ist auch eine Form von Emanzipation.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


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