HedgefondsDer Mann vor dem die Dax-Vorstände zittern

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Allianz mit Kleinaktionären

Allerdings schien Elliott vielen Anlegern von edlen Motiven geleitet, als der Fonds 2003 das erste Mal in Deutschland auf den Plan trat. Es ging um den Shampoo-Hersteller Wella. Der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble hatte dort die Mehrheit übernommen. Er wollte die restlichen Aktionäre herauskaufen, um durchregieren zu können. Elliott reichte der Preis nicht. Mit der Deka focht der Fonds für eine höhere Abfindung – und reüssierte zur Freude vieler Kleinaktionäre.

Die Taktik änderte sich in den folgenden Jahren kaum: Lief in Deutschland die Übernahme eines kleinen oder mittelgroßen börsennotierten Unternehmens, kauften die Amerikaner Aktien und erklärten, dass der Preis für die Minderheitsaktionäre zu niedrig sei – so lief es bei der Zeitarbeitsfirma Adecco, beim Anlagenbauer Gea und bei der Übernahme von Celesio durch den US-Pharmakonzern McKesson. Zwischendurch mischte Elliott im Krimi um die gescheiterte Übernahme von VW durch Porsche mit. Elliott unterscheidet sich von anderen Akteuren hierzulande durch die Kombination aus juristischer Langmut, tiefen Taschen und Entschlossenheit.

Die Taktik änderte sich erst vor zwei Jahren: Als der Energiekon­zern Fortum den deutschen Kraftwerksbetreiber Uniper schlucken wollte, stieg Elliot 2017 ein und forderte nicht nur mehr Geld, sondern auch eine andere Kapitalstruktur. Beim Maschinenbauer Gea stieg Elliott mit drei Prozent ein, ebenfalls 2017 – und ließ gar die Chefs austauschen und drückte Einschnitte durch. „Ihr neues Vorgehen besteht darin, in die Strategie einzugreifen und das Management zu verändern“, sagt ein Investmentbanker.

Inzwischen sind sie im Dax angekommen. Thyssenkrupp hat sich ihren Zielen ergeben, aber vor allem weil der schwedische Fi­nanz­inves­tor Cevian schon lange Druck in die gleiche Richtung gemacht hat. Finanziell hat sich das dortige Engagement vermutlich nicht gelohnt, Glücklich scheinen die Kontrollfreaks aus New York mit dem Ergebnis jedenfalls nicht. Sie senden Signale, man sei in Essen längst wieder auf dem Rückzug – wahrscheinlich nicht mit hohem Gewinn.

Bei SAP machte sich Elliott offenbar zunutze, dass CEO McDermott und Aufsichtsrat Plattner nicht immer das Gleiche wollten. McDermott konnte sich laut Beteiligten aggressive Renditeziele vorstellen, Plattner mahnte zur Vorsicht. Dann kam der neue Investor und sprang McDermotts Seite bei. Aber fünf Monate später verkündete der CEO seinen Abschied. Ob die neuen Konzernchefs den aggressiven Kurs fortsetzen, ist offen. Elliott kann es womöglich egal sein. Der Investor dürfte mit ordentlichen Kursgewinnen ausgestiegen sein.

Bei Bayer halten die Elliott-Leute erst einmal still. Wenn sich die Lage bei den vielen Monsanto-Klagen gegen den deutschen Konzern gelichtet hat, dann könnten Singers Leute die Schlacht neu eröffnen: eine Aufspaltung fordern, die man in Elliott-Kreisen bereits durchgerechnet hat.

Selbst ein Getriebener

Dass die größten Unternehmen Ziele geworden sind, belegt, wie die Amerikaner inzwischen selbst zum Handeln gedrängt sind. Der Fonds hat massiv Investorengelder aufgesaugt: Kümmerte sich Elliott vor zehn Jahren noch um 16 Mrd. Dollar, sind es heute bereits 39,8 Milliarden. Vor zwei Jahren – als Singer um Geld warb – sammelte er mehr als fünf Milliarden ein. Binnen einem Tag. „Auch Elliott hat einen gewissen Anlagedruck“, sagt ein Banker. Elliott macht Vorstände zu Getriebenen, aber in gewisser Weise ist der Fonds selbst Getriebener. „Sie mussten sich breiter aufstellen“, erklärt ein Insider.

Offiziell sprechen Elliott-Vertreter nicht über ihr Deutschland-Engagement. Redet man mit Leuten, die für den Fonds arbeiten, beschreiben sie ihn als Katalysator. Viele hiesige Topmanager lebten noch in den Zeiten der Deutschland AG. Elliott übernimmt in dieser Erzählung die Rolle, Managern den Geist der neuen Zeit einzubimsen – eine Lektion der Globalisierung auf die harte Art.

Fest steht, dass die Dax-Firmen heute von anderen Anteilseignern abhängen: Es sind globale Vermögensverwalter, Staatsfonds aus allen Richtungen, Pensionskassen. Vor allem dominieren im Dax immer stärker Indexfonds, die das Kapital ihrer Anleger streng nach den Vorgaben der großen Börsenindizes investieren und sich ansonsten nicht einmischen. So wächst das Gewicht von Mini-Investoren wie der Aktivisten. Ein Fonds, der nur wenige Prozent einer Firma hat, kann so große Macht entwickeln. Dazu haben sie ihre Kommunikation perfektioniert. „Deutsche Manager führen noch immer keinen echten Dialog mit den Aktionären“, sagt Lazard-Mann Thomas. „Die Aktivisten wissen genau, wie man das macht.“

Das Ergebnis ist tatsächlich geeignet, das Selbstverständnis unserer Top-Unternehmen infrage zu stellen. Wenn Elliott erst da ist und auf Börsenwert, Abspaltungen, Tempo drückt, dann wird oft auch offenbar, wie sehr das Gerede von Langfristigkeit in vielen Unternehmen nur eine Schutzbehauptung ist. Das Beispiel Thyssenkrupp etwa zeigt: Elliott erschüttert nicht den rheinischen Kapitalismus – Elliott zeigt, wie erschüttert dieser schon ist.

Nicht von ungefähr fällt der Name Siemens, wenn es um Elliotts nächstes Ziel geht. „Wenn die Jungs erst einmal drin sind, ist alles zu spät“, fürchtet ein Siemens-Aufsichtsrat. Als Einfallstor könnte sich das Gehabe von Joe Kaeser erweisen. „Die Elliott-Boys lieben es, wenn ein Unternehmenschef abhebt“, mahnt ein Siemens-Aufsichtsrat. Der sich abzeichnende Machtkampf Kaesers mit seinem Nachfolger in spe Roland Busch könnte das Material liefern, auf das Elliott wartet.

Die Lazard-Banker haben einen klaren Rat für verängstigte Dax-Chefs: Sie müssten lernen, wie Elliott zu denken, wenn sie Elliott nicht zum Opfer fallen wollen. Die Bedrohung, so viel steht fest, wird so rasch nicht wieder weichen.