HedgefondsDer Mann vor dem die Dax-Vorstände zittern

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Man hielt sich für immun

Als in den USA und Großbritannien die Welle längst rollte, schaute man sich das Geschehen in höheren Etagen des Dax immer noch an wie ein Pferderennen am Sonntagnachmittag. In Deutschland, so glaubten viele, waren die Grundfesten des rheinischen Kapitalismus intakt: starke Großaktionäre, oft Familien; gewachsene Partnerschaften mit heimischen institutionellen Investoren; mächtige Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten; gefestigte Vorstandschefs und ein managementfreundliches Anlegerrecht. Die sogenannte Deutschland AG war zwar schon längst Vergangenheit. Aber die Strukturen, die dieser Pakt geschaffen hatte, schienen stabil.

Und dann war da der kulturelle Unterschied: US-Firmen, so hieß es, seien nur zur Mehrung des Börsenwerts da. Dort zähle der Shareholder-Value, hier der Stakeholder-Ansatz. Demnach dienen Firmen der langfristigen Wertschöpfung sowie Beschäftigten, Kunden, Gesellschaft. „Bis vor Kurzem dachten viele deutschen Manager und Aufsichtsräte, sie seien dagegen immun“, sagt Rich Thomas über die Aktivisten. Thomas ist als Leiter des Shareholder Advisory bei der Investmentbank Lazard für Aktivisten zuständig. Er könne sich vor Anfragen von Dax-Managern kaum retten, berichtet er. „Erst seit Kurzem beginnen sie zu realisieren, dass es jedes Unternehmen treffen kann“, sagt der Banker.

Es gibt viele Aktivisten, doch keiner ist so stark wie Elliott: Nach Lazard-Zahlen hat der Fonds 2019 bis Ende September 8,4 Mrd. Dollar in Angriffe gesteckt – fast ein Viertel des weltweit aktivistisch
eingesetzten Kapitals. „Sie ragen eindeutig heraus“, sagt Thomas, „niemand sonst investiert so viel Geld, niemand sonst hat sich so dem Aktivismus als zentraler Strategie verschrieben.“ Zudem trete niemand derart aggressiv auf.

Erfolg macht erfolgreicher: Elliott sammelt mehr und mehr Geld und nährt sich an dem Schrecken, den man andernorts gesät hat. Daher können es sich die Manager leisten, größte Firmen zu attackieren. Nicht nur Bayer, auch den Telekomgiganten AT&T in den USA. Dort stellten sie die milliardenschwere Übernahme der Warner-Filmstudios infrage. Firmen zerschlagen, weil die Teile mehr wert seien als das Ganze – das ist die wiederkehrende Logik

Zerstörer oder Wohltäter? Man muss wissen, woher Elliott kommt, wenn man sich dieser Frage nähern will. Der Fonds ist kein anonymes Finanzkonstrukt, sondern das Meisterstück eines Mannes, den die Nachrichtenagentur Bloomberg „den meistgefürchteten Investor der Welt“ nennt. Paul Singer, Jahrgang 1944, studierte Psychologie und Recht. Beides sind bis heute seine Werkzeuge.

Reich mit armen Ländern

Als Singer die Firma 1977 gründete, begann er mit normalen Aktiengeschäften. Aber das reichte ihm bald nicht mehr. Die ersten Schlagzeilen machte er, indem er Staatsanleihen von Pleitestaaten übernahm, meist spottbillig nach Zahlungsausfall: Kongo, Peru, Argentinien. Dann ging er vor wie ein unbarmherziges Inkassounternehmen: Mit allen juristischen Mitteln setzte er den Ländern so lange zu, bis sie ihm viel mehr Geld gaben als anderen Gläubigern, nur um ihn loszuwerden. Politiker und Entwicklungshelfer warfen Singer vor, am Leid der darbenden Bevölkerungen zu verdienen. Singer inszenierte sich als Kämpfer gegen Misswirtschaft und Korruption.

Stoff für Legenden und Lehrbücher liefert bis heute Singers 15 Jahre währender Kampf mit Argentinien, an dessen Ende er Berichten zufolge den Argentiniern 2,4 Mrd. Dollar abpresste, ein Plus von 1 270 Prozent gegenüber dem, was er für die Schrottanleihen bezahlt hatte.

Immer wieder haben Singers Aktivitäten politische Erdbeben ausgelöst, zuletzt in Südkorea: Elliotts Versuch, eine Neuordnung bei Samsung zu blockieren, scheiterte zwar. In der Folge stürzte aber das Management, und Aufsichtsratsvize Lee Jae-yong wanderte ebenso ins Gefängnis wie Staatspräsidentin Park Geun-hye. Sie hatten sich im Zuge der Elliott-Abwehr in Schmiergeldzahlungen verwickelt. Inzwischen zerrt Singer Südkoreas Regierung vor Gericht, um auch in dieser Sache noch einen Schnitt zu machen.

Singer, der als Rockmusikfan schon mal Brachialgitarrero Meat Loaf auf der Bühne begleiten darf, ist erklärtermaßen ein politischer Kopf: einer der größten Spender der US-Republikaner. Bei der Präsidentschaftswahl 2016 unterstützte er lange Donald Trumps Gegner, inzwischen aber schmückt sich Trump mit Singer (mehr als andersherum).

Gleichzeitig kämpft der Finanzmagnat seit dem Outing seines Sohns Andrew aktiv für die Schwulenehe, das macht ihn auch für liberale Kreise anschlussfähig. Das Wichtigste scheint, dass er auf der Seite der Erfolgreichen steht. Beziehungsweise: Wer Erfolg haben will, sollte sich auf seine Seite stellen – und das Geld in seine Fonds stecken.

Deren Bilanz ist beeindruckend: Nur in drei von 43 Jahren haben die Elliott-Fonds keine Gewinne geschrieben. Die durchschnittliche Jahresrendite liegt über 13 Prozent, zuletzt allerdings deutlich darunter.

Der Fall Arconic ist typisch für die Art, wie Singer und seine Leute Geschäfte machen. Ex-CEO Kleinfeld sagt, die Aufteilung des von ihm geleiteten Aluherstellers Alcoa zu Alcoa und Arconic sei bereits beschlossene Sache gewesen, als sich Elliott 2017 als Aktionär zu erkennen gab. Dennoch hätte sich der Fonds als Motor der Veränderung inszeniert. Regelmäßig hätten die Fondsvertreter – gern Freitagnachmittag – zentimeterdicke Stapel voller Forderungen und Vorwürfe eingeliefert. Wobei nicht alle Forderungen verkehrt gewesen seien, sagt Kleinfeld.

Bald pochten sie auf drei Verwaltungsratssitze. Ungewöhnlich für einen Finanzinvestor mit wenigen Prozent, aber die anderen Verwaltungsräte glaubten, die Singer-Mannschaft dadurch besänftigen zu können. Von da an sei es nur noch um Eskalation gegangen, erinnert sich Kleinfeld. „Sie wollten das Unternehmen mit wenigen Prozentpunkten komplett steuern, verlangten die Kontrolle, und das haben sie auch klargemacht“, erinnert sich Kleinfeld. Elliott schickte ein Video an Verwaltungsräte und Investoren, das ganz auf Kleinfeld fokussiert war. Es stellte einen Zusammenhang her zu der Korruptionsaffäre bei Kleinfelds vormaliger Station Siemens, obwohl es dort nie einen Vorwurf gegeben hatte. Über einem anderen Elliott-Papier stand: „Dr Kleinfeld’s House of Governance Horrors“.

Kleinfeld berichtet seit Langem auch über private Nachstellungen. Männer, die sich als Privatermittler ausgegeben hätten, hätten seine Nachbarn ausgefragt und im Müll gewühlt. Elliott bestreitet, mit diesen Praktiken zu tun zu haben. Am Ende sah sich Kleinfeld so zermürbt, dass er seinerseits einen Brief an Singer schrieb, in dem er glaubte, diesen mit ähnlichen Waffen zu schlagen. Da­rin machte der CEO Andeutungen, er wisse etwas über Privatvergnügungen des Fußballfans Singer zur Zeit der WM 2006 in Deutschland. Nach eigenen Angaben hatte Kleinfeld damals den Kampf schon verloren. Elliott betrachtete das Schreiben als Erpressungsversuch, Kleinfeld verließ seinen Posten. Elliott ist bis heute Arconic-Großaktionär, die Aktie geriet zunächst unter Druck. Die Aktion war öffentlichkeitswirksam, ob sie aber ein geschäftlicher Erfolg war, ist unklar.

Kleinfeld, heute als Investor und Berater des saudischen Kronprinzen tätig, zieht ein Fazit, das er auch seinen alarmierten Anrufern aus deutschen Management-Etagen mitgibt: „Teil von Elliotts Playbook ist es, den Aufsichtsrat zu spalten und einen Keil zwischen Board und Management zu treiben“, sagt er. „Dabei erstellen sie Psychogramme von allen Mitgliedern.“