HedgefondsDer Mann vor dem die Dax-Vorstände zittern

Elliott arbeitet sich Stück für Stück in die deutsche Wirtschaft vorIllustration: Gregory Gilbert-Lodge

Es war ein Tag im Oktober, als eine dürre Meldung der Nachrichtenagentur Reuters das Management des Chemiekonzerns Bayer in Alarmstimmung versetzte. Der berüchtigte Hedgefonds Elliott sei bereits seit einem Jahr Bayer-Aktionär, meldete die Agentur unter Berufung auf anonyme Quellen.

Der Moment konnte kritischer kaum sein: Soeben hatte der Vorstand harte Einschnitte angekündigt, die Aktie war abgerauscht, die Risiken nach dem Kauf von Monsanto schienen immer unkalkulierbarer. Der Einstieg des Hedgefonds war „penibel geplant und perfekt getimt“, erinnert sich ein Bayer-Topmanager. Sie steckten tief im Schlamassel.

Und jetzt noch Elliott. Elliott, die Angstmacher. Die Zerschlager. Elliott: die, die kommen – und bald darauf muss der Konzernchef gehen. Gegründet und angeführt von Paul Singer. Singer, der Unerbittliche.

So ungefähr lässt sich der Ruf des Neu-Aktionärs zusammenfassen. Er hat ihn lange vor Bayer begründet und stets gepflegt. Erst in den USA, nun auch in Deutschland. Bei Bayer, Thyssen, SAP. Stück für Stück arbeitet sich Singer in die Herzkammer der deutschen Wirtschaft vor. Viele deutsche Manager fragen sich, ob es sie womöglich als Nächstes trifft. Die Antwort darauf, so viel kann Capital nach Gesprächen mit Elliott-Opfern und -Kennern, mit Finanzpartnern und Mitarbeitern des Fonds sagen, lautet: Ja, wenn Vorstände und Aufsichtsräte es zulassen. Es liegt ganz bei ihnen – die vermeintliche Übermacht von Elliott gründet allzu oft auf ihrer Schwäche.

Ein Anruf mit Wirkung

Kaum war die Bayer-Beteiligung bekannt, machten die neuen Investoren Druck: Sie wollten einen Termin bei Konzernchef Werner Baumann und Finanzchef Wolfgang Nickl. Und sie hatten ihre Vorstellungen und hatten allem Anschein nach minutiös Informationen gesammelt: Ein vor Jahren im Unfrieden ausgeschiedener Vorstand etwa wunderte sich über einen Anruf, Monate, bevor der Einstieg bekannt wurde: Der „Rechercheur“ erklärte, er arbeite für Investoren, berichtet der Ex-Vorstand. Der Anrufer habe einen sachlichen und gut informierten Fragenkatalog abgearbeitet. Am Ende habe er gefragt: „Wie beurteilen Sie das Management von Bayer?“ Insbesondere das Verhältnis von Aufsichtsratschef Werner Wenning und CEO Baumann habe ihn interessiert. In diesem Kontext fiel nach Angaben des Ex-Bayer-Manns auch die Frage: „Sind Ihnen persönliche Verfehlungen des Auf­sichts­rats­chefs bekannt?“

Nachdem Elliotts Einstieg öffentlich war, erkundigte sich der ehemalige Vorstand, wie er berichtet, noch einmal bei dem wissbegierigen Rechercheur: Ob etwa der neue Aktionär aus den USA hinter den neugierigen Fragen stecke? Er arbeite für verschiedene Hedgefonds, habe der Gesprächspartner mehrdeutig geantwortet, darunter auch Elliott. Auf Elliott-Seite will man heute glauben machen, allein an geschäftlichen Informationen interessiert zu sein.

Das Telefonat war nicht das einzige. Die Kunde von den Nachforschungen erreichte bald den Vorstand, was wohl ein wesentlicher Zweck der Anrufe war. Bayer reagierte zunächst frostig, was sich nach Wahrnehmung der Elliott-Seite erst nach der Hauptversammlung in diesem Frühjahr geändert hat. Gleichwohl beschäftigt Elliott praktisch permanent die Konzernführung in Leverkusen – obwohl es sich nur um einen mittelkleinen Investor handelt, der nicht einmal die meldepflichtigen drei Prozent Aktienanteil erreicht. Aber er hat eben einen Ruf.

In den vergangenen 20 Monaten ist Elliott mit voller Wucht im Dax angekommen: Beim kriselnden Industriekonzern Thyssenkrupp setzte sich Elliott fest, verlangte Einsparungen, personelle Konsequenzen. Bald nahmen Konzernchef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner Reißaus.

Alle im Dax haben Angst

Bei SAP sah es harmonischer aus: Elliott meldete im April, der Fonds halte beim Softwarekonzern knapp ein Prozent. Noch am gleichen Tag flößte SAP-Chef Bill McDermott seinem Laden ein empfindliches Sparprogramm ein – das wiederum von Elliott begrüßt wurde. McDermott war trotzdem bald weg – manch einer glaubt, dass Firmengründer Hasso Plattner der Kuschelkurs seines CEO mit den Angreifern nicht behagt hat.

Nun zittern Deutschlands wichtigste Unternehmen davor, wer als Nächstes dran ist. „Wir alle haben Angst vor denen“, sagt ein Aufsichtsratschef aus den Dax 30. Panisch erkundigen sich deutsche Manager bei Berufenen, wie sie sich wappnen könnten. Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld berichtet, er bekomme fast im Wochentakt Anrufe, und zwar nicht nur aus seiner alten Heimat.

Kleinfeld hat als CEO des US-Industriekonzerns Arconic nachhaltige Erfahrungen gemacht. Seinem Abgang dort ging ein schmutziger Schlagabtausch mit Elliott und Singer voraus. Heute hat der einstige Shootingstar der deutschen Wirtschaft eine gefestigte Meinung über die Strategie von Singers Leuten: „Angst verbreiten, Kasse machen, weiterziehen – darum geht es ihnen.“

Investoren wie Elliott werden auch Aktivisten genannt, weil sie mit aggressivem Gehabe und hohem Quäl­potenzial in Aktiengesellschaften einsteigen. Anschließend zwingen sie diese zu hohen Ausschüttungen oder zu Maßnahmen, die kurzfristig den Aktienkurs treiben: Zerschlagung, Sparorgien, Strategie über den Haufen werfen. Und kein aktivistischer Investor geht dabei so rabiat vor wie Elliott. Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel schlägt sogar Töne an wie bei einem Staatsfeind: „Heuschrecken in Form der Elliotts fressen die Grundlagen unseres wirtschaftlichen und sozialen Erfolges auf.“

Die Elliott-Leute hingegen attestieren sich über allen Renditehunger hinaus eine wohltätige Funktion: Sie seien eine Art Fitnesstrainertruppe, die das schläfrig gewordene deutsche Management auf Trab bringe. Aber auch manch einheimischer Akteur kann ihnen etwas abgewinnen. „Ich verteufele solche Aktivisten nicht, sie sind Marktteilnehmer, mit denen man umgehen muss, und eine Fortentwicklung des Kapitalmarkts“, sagt Ingo Speich von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka. Die Unterlagen und Daten, die von Elliott & Co. kommen, würden oft „helfen, unseren Forderungen gegenüber dem Unternehmen Nachdruck zu verleihen“, sagt Speich.