Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

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In seinem Wohnzimmerkamin ­verbrennt der Kaufmann Anton ­Fugger einen Schuldschein von ­Kaiser Karl V. – als Geste der Großzügigkeit.
In seinem Wohnzimmerkamin ­verbrennt der Kaufmann Anton ­Fugger einen Schuldschein von ­Kaiser Karl V. – als Geste der Großzügigkeit.

Karl hat das Geld nicht – aber handelt es sich nicht um eine gute Investition? Der Herzog wendet sich dorthin, wo die Milliarden zu kriegen sind: an Jakob Fugger. In den vergangenen Jahren hat sich der Augsburger Kaufmann vom Handel mit Gewürzen, Seiden und Wollgewändern stärker aufs Geldgeschäft verlegt. Nun hat er die Chance, zum Verbündeten des mächtigen Herrschers aufzusteigen. Doch Jakob zögert – vielleicht weil er ahnt, wie viele schlaflose Nächte ihn dieser Kunde noch kosten wird. Das Geschäft aber ist zu verlockend. In Florenz, bei den Medici, hat der Schwabe als Lehrjunge gesehen, wie lukrativ das Bankgewerbe sein kann.

Er schlägt ein in den Pakt und stellt über eine halbe Million Gulden bereit. Auch die Welser, das Nürnberger Handelshaus, sind mit von der Partie, dazu Finanziers aus Genua und Florenz. Am 28. Juni 1519 wird Karl V. zum deutschen König und künftigen römischen Kaiser gewählt. Seine Gesandten nehmen die Wahlurne mit den Stimmzetteln entgegen. Erst danach rücken sie die Wechsel in der vereinbarten Höhe heraus: insgesamt 852 589 Gulden und 56 Kreuzer.

Mit diesem Moment verschmelzen der Staat und seine Finanziers zur Schicksalsgemeinschaft, auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert. In steter Regelmäßigkeit werden erst Karl und dann sein Sohn Philipp ihren Finanzbedarf mit immer teureren Krediten decken. Und immer tiefer werden die Bankiers in den Strudel aus satten Gewinnen und desaströsen Pleiten geraten.

Philipp braucht Geld für seine Kriege

Für Jakob Fugger soll das böse Erwachen schon bald kommen. Bereits 1523 muss der Gläubiger das erste Mal mahnen. Der Süddeutsche ist ein fröhlicher, freundlicher Mann, aber er ist auch ein stolzer Bürger, der kein Blatt vor den Mund nimmt. „Es ist auch wissentlich und liegt am Tage“, schreibt er an Karl, „dass Eure Kaiserliche Majestät die römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen.“ Dringend bittet er um eine Anzahlung. Der Herr zeigt Einsicht – aber bevor noch der erste Kredit getilgt ist, zieht er den Fugger zu neuen Anleihen heran. Die Finanziers beschaffen dem Kaiser Geld, wann immer er in den Krieg zieht. Sie finanzieren seinen Feldzug gegen die Türken. Sie sorgen für Liquides, als sich Karl 1530 nach Italien aufmacht. 1535 geben die Fugger ihm einen Kredit von über einer halben Million Dukaten, im Jahr darauf kommen noch mal 300.000 Dukaten dazu. Zum Vergleich: Das Haushaltsvolumen der spanischen Krone beläuft sich auf etwa 10 Mio. Dukaten jährlich.

Nie in Karls Regentschaft reichen die Einnahmen, um die Ausgaben zu decken, und so wird es auch beim Sohn sein. Irgendwann ist das Geld am mächtigsten Hofe Europas so knapp, dass Philipp nicht einmal mehr die Kleiderrechnung seiner beiden Schwestern zahlen kann. Doch es sind nicht der königliche Prunk, die Bankette und Hochzeiten, die Narren und Jagden, die den Haushalt tief ins Minus reißen. Es sind die Kriege.

„Der Sieg wird an den gehen, der den letzten Escudo besitzt“, stellt ein spanischer Admiral in einer der vielen Schlachten fest. Das Militär der europäischen Mächte verschlingt damals in normalen Zeiten schon drei Viertel der Staatseinnahmen, wenn Kämpfe ausbrechen, noch weit mehr. Und eigentlich ist das die Normalität. Anders als sein Vater, der „Reisekönig“, wird Philipp seine Truppen vom Schreibtisch aus lenken. Doch unter seiner Ägide geht es ebenso kriegerisch zu wie unter Karl V. Praktisch in jedem seiner fast 50 Herrscherjahre wird er in Kämpfe verwickelt sein. Philipps militärische Bilanz wird „ein Mix aus kostspieligen Siegen und desaströsen Niederlagen“ – so resümieren die Wissenschaftler Hans-Joachim Voth von der Universität Pompeu Fabra und sein Kollege Mauricio Drelichman von der University of British Columbia. Sie haben in mehreren Studien das Finanzgebaren des spanischen Königs aufgearbeitet und ein Buch daraus gemacht. Der Titel: „Kredite an den Schuldner aus der Hölle“.

Aus ihren Untertanen pressen die Könige so viel Escudos wie irgend möglich. Kurz nach Karls Abreise 1543 erreicht Philipp eine Bitte seines Vaters: „Sei ein guter Sohn und besorg mir so viel Geld, wie ich verlange, und wenn möglich mehr. Es geht um mein und dein Schicksal.“ Philipp ruft gehorsam die Cortes ein, die Ständeversammlung aus Vertretern der Städte und des Adels, und ringt ihr eine weitere Tranche an „außerordentlichen“ Geldern ab: 100.000 Dukaten als Kredit für drei Jahre, mit sofortiger Auszahlung der ganzen Summe. Die Vertreter jammern und klagen, schließlich geben sie nach. Wie noch so viele Male. Das wohlhabende Kastilien wird gemolken wie eine Cashcow.