Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

König Philipp II. auf einem Gemälde von Tizian
Der König ist ein zugeknöpfter Charakter, der keine Gefühle zeigt. Der tiefgläubige Katholik ist überzeugt, dass er Rechenschaft nur einem schulde: Gott (Gemälde von Tizian)Gemeinfrei

Lange vorher hat er gewusst, was auf ihn zukommt. Nun ist es so weit, und der 16-Jährige hat keine Angst. Oder wenn doch, dann zeigt er es nicht. Gefühle ziemen sich nicht für einen Herrscher. Und Philipp II. herrscht nun. Sein Vater, der mächtige Kaiser Karl V., hat ihm die Regentschaft über Spanien übertragen. Philipp ist entschlossen, sich zu bewähren. Der Vater soll stolz auf ihn sein.

Es ist das Jahr 1543. Der Aufstieg der Habsburger zur globalen Supermacht ist weit fortgeschritten. Seitdem der eher unbedeutende Graf Rudolf von der Schweizer Habichtsburg 1273 zum römisch-deutschen König gewählt wurde, hat die Familie ihre Macht zielstrebig ausgebaut: mit Gewalt, käuflichen Erwerbungen, Hochzeiten und Erbschaften. Philipp wird zunächst nur den spanischen Teil des Reiches regieren – aber es ist ein Reich, in dem die Sonne nie untergeht. Es spannt sich von der Iberischen Halbinsel, den Niederlanden und Italien über den Globus bis nach Amerika. Später kommen die Philippinen und die portugiesischen Territorien in Brasilien, Afrika, Indien und Ostasien dazu.

Philipp begleitet den abreisenden Vater noch auf dem Ritt von Madrid zur Stadt Alcalá de Henares. Der nutzt auch die letzten Stunden, um dem künftigen Stellvertreter im Königreich Spanien eine seiner Lektionen über die Praxis und Schwierigkeiten des Regierens zu erteilen. Später, auf dem Schiff, bringt der Kaiser seine Instruktionen für den Thronfolger zu Papier. Er empfiehlt ihm, sich vor Schmeichlern zu hüten und vor zu viel Sex. Und er rät: Erfülle immer deine finanziellen Verpflichtungen.

Doch 1557, kurz nach seiner offiziellen Inthronisation als Nachfolger des Vaters, erklärt Philipp den ersten Staatsbankrott Spaniens. Es wird nicht der letzte sein. Das Land steigt zum Rekordpleitier der Geschichte auf. Sechs Mal innerhalb eines Jahrhunderts stellt es die Zahlungen ein: 1557, 1575, 1596, 1607, 1627, 1647. Die Wissenschaft hat dafür inzwischen einen eigenen Begriff geprägt: Serienpleiten. Philipp findet unzählige Nachahmer in Monarchien ebenso wie in Demokratien. Ein derartiges Finanzgebaren wird „zur Norm in allen Regionen der Welt“, schreiben die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem voluminösen Werk „Dieses Mal ist alles anders“, in dem sie „Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ aufarbeiten.

Was war geschehen? Und was können die Regierungen und Finanzmärkte der Gegenwart vom Reich der Habsburger lernen?

Am Anfang stand eine Erkenntnis, die für Philipp II. so frustrierend war wie für die Euro-Retter der Neuzeit: Die Saat der Katastrophe wird gesät, lange bevor das Desaster reift. Als der frühere griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou 2009 ins Amt kam, hatte sein Land Jahre der Misswirtschaft hinter sich. So war es auch dem jungen, ehrgeizigen Thronfolger Spaniens ergangen. Philipp musste nach dem Amtsantritt den Bankrott ausrufen. Doch ausgerechnet sein fürsorglicher Vater hatte ihm die zerrütteten Staatsfinanzen hinterlassen.

Angefangen hatte der Schlendrian schon fast 40 Jahre zuvor. 1519 stirbt Maximilian I. von Habsburg, römisch-deutscher König, Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Karl, damals Herzog von Burgund und König von Spanien, ist wild entschlossen, den Thron zu besteigen. Unbedingt. Schon zwei Jahre zuvor hat er sich 100 000 Gulden geliehen, um für seine Sache zu werben – belehrt vom Großvater Maximilian, dass „mindestens das Vier- bis Fünffache“ nötig sein wird. Am Ende aber wird die Thronbesteigung noch viel, viel teurer. Es kostet Unsummen, die Stimmen der Kurfürsten zu kaufen. Der Kuhhandel wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Mit den guten Absichten des künftigen Kaisers wollen sich die misstrauischen Fürsten nicht abspeisen lassen. Sie verlangen Bares oder erstklassige Sicherheiten.