ReportageDer Kampf der Kinder für Kinderarbeit

Kinderarbeit in Bolivien
„Du musst immer auf der Hut sein“, sagt Rodrigo Medrano, der in den Kneipen von La Paz Zigaretten verkauft. „Die Leute sind oft aggressiv.“ In einer guten Nacht verdient der 15-Jährige umgerechnet 6 Euro

„Bolivien erlaubt Kinderarbeit“ – Schlagzeilen dieser Art ging vergangene Woche um die Welt. Das Parlament in La Paz billigte ein Gesetz, nach dem Kinder ab 10 Jahren unter bestimmten Bedingungen legal arbeiten dürfen. Der linksgerichtete Präsident Evo Morales muss das Gesetz noch unterzeichnen, er hat sich in der Vergangenheit aber für eine Legalisierung der Kinderarbeit unter 14 Jahren ausgesprochen. In der April-Ausgabe von Capital stellten wir eine Kindergewerkschaft in Bolivien vor. Sie kämpft nicht gegen Kinderarbeit, sondern dafür. Jetzt hat sie ihre Ziele erreicht. Capital-Autor Andrzej Rybak hat sich den Alltag der jungen Gewerkschafter in Bolivien und ihren Kampf für mehr Rechte angesehen.

Wenn sich die Nacht über La Paz legt, fängt für Rodrigo Medrano die Arbeit an. Der Junge packt seine Hosentaschen mit den Kaugummi- und Zigarettenschachteln voll, die er billig auf dem Markt gekauft hat, zieht die Kapuze seines Pullis tief ins Gesicht und beginnt, die dunklen Gassen der bolivianischen Hauptstadt zu durchstreifen. Sein Ziel sind die namenlosen Tanzlokale und billigen Kaschemmen, die allein an dem roten Schild der lokalen Biermarke zu erkennen sind.

Schon im Eingang der ersten Spelunke schlägt ihm der Geruch von Bier, Rauch und Pisse entgegen. Der Kellner kennt den Jungen und winkt ihn herein. Die meisten Gäste sind betrunken, einige schlafen zurückgelehnt auf ihren Stühlen, die anderen schreien, in der Hoffnung, die Musik zu übertönen. Unter dem Gewicht der leeren Bierflaschen biegen sich die Tische beinahe. Farbiges Neonlicht schafft billige Puffatmosphäre.

Kinderarbeit in Bolivien
Je mehr in den Lokalen getrunken wird, desto freigebiger sind Rodrigos Kunden

Rodrigo tritt an jeden Tisch, meist streckt er seine Waren wortlos den Leuten entgegen. Manche winken ihn verärgert weg oder geben ihm einen Schubs. Doch einige greifen zu. Der Junge steckt das Geld ein, zündet dem Käufer die Zigarette an und verschwindet.

„Du musst immer auf der Hut sein“, sagt der 15-Jährige. „Die Leute sind oft aggressiv.“ Einmal wurde er verprügelt, und man hat ihm sein ganzes Geld abgenommen. „Aber in den Kneipen verdiene ich deutlich mehr, als wenn ich Süßigkeiten auf der Straße verkaufe“, sagt Rodrigo. Er kassiert einen Boliviano für zwei Zigaretten, das sind 10 Centavos Gewinn pro Kippe. In einer guten Nacht macht er 60 Boliviano Gewinn, etwa sechs Euro.

„Wahl zwischen Hunger oder Arbeit“

Auf arbeitende Kinder wie ihn trifft man überall in Bolivien. Sie verkaufen auf Märkten, putzen Schuhe, helfen bei der Ernte, kassieren in Minibussen, besorgen den Haushalt, bewachen Viehherden. Rund 850.000 Kinderarbeiter gibt es in dem ärmsten Land Südamerikas, schätzt das Arbeitsministerium. Bei nur zehn Millionen Einwohnern. Wahrscheinlich liegt die Zahl sogar höher.

Zwar hat Bolivien, wie die meisten anderen Länder der Welt, die internationalen Abkommen gegen Kinderarbeit unterzeichnet. Doch für viele Familien ist die Arbeit der Kinder überlebenswichtig. In den Armenvierteln von La Paz, Cochabamba oder Potosí kann ein großer Teil der Eltern seinen Nachwuchs nicht ernähren. Viele Kinder, wenige Jobs, niedrige Löhne, und oft vertrinken die Väter ihren Verdienst, statt Essen zu kaufen. Fast jedes vierte Kind in Bolivien ist unterernährt. „Viele von uns haben nur die Wahl zwischen Hunger oder Arbeit“, sagt Rodrigo.

Rodrigos Vater soff und schlug ihn. Er floh zu einer Tante, die ihn aber nicht auch noch durchfüttern konnte. Also fing er mit sieben an, Süßigkeiten zu verkaufen. Später goss er Blumen auf dem Friedhof, schob Schubkarren mit Waren auf dem Markt, lebte eine Weile auf der Straße und schnüffelte Klebstoff, um Kälte und Hunger zu vergessen. „Manchmal habe ich auch Leute ausgeraubt“, gibt er zu. Um überhaupt arbeiten zu dürfen, musste er oft Schutzgeld zahlen, manchmal auch an die Polizei. Sein Lohn hing von der Laune der Erwachsenen ab, und die war meistens schlecht. Aber beschweren konnte er sich bei niemandem. Kinderarbeit war ja illegal.

Vor gut vier Jahren hat sich Rodrigo darum der Kindergewerkschaft Unatsbo angeschlossen, der Vereinigung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Boliviens. Unatsbo ist nicht die erste Kindergewerkschaft Südamerikas, aber sie gehört zu den stärksten. Die Mitgliederzahl liegt irgendwo zwischen 2000 und 4000; es gibt keine Mitgliederlisten, keine Beiträge. Wer will, kann kommen und sich beteiligen – nur über 18 Jahre alt dürfen Mitglieder nicht sein. Es gibt ein paar ehrenamtliche Helfer und nur selten ein wenig Förderung aus dem Ausland. Ansonsten sind die Kinder bei ihrem Kampf auf sich allein gestellt. Denn Unatsbo kämpft nicht gegen Kinderarbeit. Sondern dafür.