KolumneDer größte Krisengewinner heißt Amazon

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Der Eppendorfer Baum im Hamburger Norden gehört zu den kleinen, aber sehr feinen Shoppingstraßen der Stadt. An vielen Läden kleben seit dem Beginn der Corona-Krise kleine Zettel: „Wir mussten leider schließen. Aber sie können Online bei uns bestellen.“ Ähnlich machen es Baumärkte, Lebensmittelhändler oder Warenhäuser. Doch funktionieren dürfte das leider kaum: Wer sich erst jetzt darauf besinnt, seinen Kunden Lieferdienste zu offerieren, kommt in der Regel zu spät. Nur die etablierten Onlinehändler machen in diesen Tagen das große Krisengeschäft – allen voran Amazon.

Der amerikanische Versandriese profitiert von seinem äußerst breiten Angebot und der großen Strahlkraft seiner Weltmarke. Während die Wirtschaft überall einbricht und Millionen von Beschäftigten in der ganzen Welt in Kurzarbeit oder sogar in Arbeitslosigkeit fallen, wächst der Umsatz von Amazon gewaltig und die Zahl der Angestellten steigt stetig. Strategisch noch wichtiger: Der Konzern dringt auf neue Felder vor, die bisher noch nicht zu seinen Stärken gehörten.

Das beste Beispiel dafür ist Amazon Fresh: In Deutschland war das Angebot, sich frische Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen, kein Renner. Bisher gibt es den Service nur in drei Ballungsräumen: Berlin, Hamburg und München. Nun aber explodiert die Nachfrage – zum Beispiel in Hamburg, wo man lange Wartefristen in Kauf nehmen muss. Man kann aber vermuten: Amazon dürfte die Chance nutzen, sein Lebensmittelangebot schnell ausbauen und neue Kunden gewinnen. Und wer sich erst einmal an die Lieferung gewöhnt hat, dürfte sie auch künftig nutzen – vielleicht nicht mehr so stark wie in der jetzigen Krise, aber immerhin doch stärker als früher.

Die Amazon-Aktie schlägt sich besser als der Markt

Vernichtet Amazon damit weitere Teile des deutschen Einzelhandels? Man kann die Gefahr nicht ausschließen, sollte aber doch genauer hinschauen. In Hamburg am Eppendorfer Baum dürfte zwar einzelnen Geschäften tatsächlich die Luft ausgehen, wenn die Schließung noch viele Wochen anhält. Die Mieten erdrücken viele Läden ohnehin – und das nicht nur in Hamburg, sondern in vielen sogenannten 1a-Lagen in den Großstädten. Trotzdem muss man dort nicht mit anhaltendem Leerstand rechnen. Die gehobenen Kunden dürften auch künftig gern in kleinen Boutiquen und speziellen Läden einkaufen. Ganz anders sieht die Lage in Randlagen aus, wo die Geschäfte schon vor der Krise um ihre Existenz fürchten mussten, weil sie weder besondere Waren noch ein besonderes Einkaufserlebnis zu bieten haben. Dort heißt der Gewinner wahrscheinlich endgültig Amazon.

Die Aktie des Handelsriesen spiegelt diese Erwartung wider. Seit dem Beginn des großen Finanzcrashs Ende Februar ist sie nur halb so stark gefallen wie der gesamte Markt. Und auch die Schwankungsbreite bei der Amazon-Aktie war deutlich geringer als bei fast allen anderen großen Werten in den USA. Obwohl die Bewertung der Papiere vor der Corona-Krise schwindelnde Höhen erreicht hatte, ist die Verkaufsbereitschaft bei den Aktionären offenbar gering. Wer eine Aktie besitzt und in diesen Tagen gleichzeitig selbst immer mehr bei Amazon bestellt, dürfte wohl auch künftig nicht an einen Verkauf denken.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.