ReportageDer digitale Lenin hinter der Blockchain

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Die Banken könnten gewaltige Kosten sparen

Als erste Bank sprang die UBS auf. Im April verkündete das Institut die Gründung eines Blockchain-Forschungslabors im Londoner Hochhaus Level 39, einem glitzernden Prestigebau in den Docks. Man experimentiere dort mit Ethereum, erklärt UBS-Cheftechnologe Stephan Murer. Die Blockchain sei ein moderner Tresor – und extrem skalierbar in der Anwendung.

Eines der ersten Projekte auf Grundlage von Ethereum war die Erstellung von „Smart Bonds“. Zudem erwägt die Bank, eine Handelsplattform für Aktien zu bauen, die auf einer eigenen Blockchain basiert.

„Es besteht Potenzial, die Blockchain in Bereichen einzusetzen, in denen sich zwei Partner nicht trauen und die Bank die Absicherung übernimmt“, sagte Murer. „Wie im Trade-Financing. Stellen Sie sich Containershipments vor, bei denen sich die Container, gekoppelt an einen Smart Contract, erst öffnen, wenn eine Zahlung eingegangen ist.“ Denkbar sei auch die Ersetzung komplizierter Clearingstellen. Nicht nur Murer wirkt euphorisiert. Die Banken könnten gewaltige Kosten sparen.

An einem Tag im Herbst sitzt Vitalik Buterin in der Schweizer Botschaft in London. Der Botschafter, eine elegante Erscheinung mit Michael-Caine-Brille, eröffnet den Abend: Heute gehe es um eine „potenziell revolutionäre Technologie“, an der in Zug gearbeitet werde, „im sogenannten Crypto Valley“.

Buterin, in schwarzen Turnschuhen und weißem T-Shirt, ist Hauptgast und wurde in der Mitte des Panels platziert. Zu seiner Linken die Spitzen der Bitcoin-Welt, rechts die Forschungsleiter von UBS und Bank of England. Vor ihm im Botschaftssaal aus dunklem Granit und Holz über 100 Gäste in Anzügen, aufgelockert durch das eine oder andere Deuxpièces. Finanzsektor, Führungsebene. Banken, Versicherer, Anleger, Beratungsfirmen.

Die Stimmung ist aufgeregt. Am Vortag wurde die Gründung des Blockchain-Verbundes bekannt, der mittlerweile zwei Dutzend der weltgrößten Banken vereint. Die Institute stecken in der Zwickmühle: Wenn sie die Technik ignorieren oder gar dagegen ankämpfen, könnten sie hinweggefegt werden. Wenn sie sie nutzen, könnten sie gigantische Kosten sparen – würden sich aber auch von innen auflösen.

Unblutige Revolution

Vitalik Buterin bewegt die Lippen, als flüstere er sich etwas zu. Unter den Zuhörern ist eine junge Frau, ihr Blick folgt jeder seiner Bewegungen. Sie ist nur gekommen, um ihn zu sehen. „Vitalik ist aus einer anderen Welt“, sagt sie. „Ein Alien. Oder eher ein Mensch, der aus der Zukunft gekommen ist. Um zu helfen.“

Gebannte Ruhe, als Buterin sein Projekt erläutert. Er spricht über die Dezentralisierung des Finanzsystems. Die Unabhängigkeit von einzelnen Akteuren und auch von staatlichen Zugriffen auf das neue Netzwerk. Neutralität heißt das in seiner Sprache.

Ein UBS-Vertreter sagt später, man versuche, die Kraft der Blockchain zum eigenen Vorteil zu nutzen. Ganze Geschäftsbereiche könnten automatisiert werden. Der Emissär der Bank of England spricht aus, was viele denken: Die Blockchain verändere alles. Die Bankenwelt werde sich so stark wandeln wie nie in den letzten 400 Jahren.

Nach dem Vortrag fast bizarre Szenen: Es bilden sich Trauben um Buterin, hohe Angestellte von der Fondsgesellschaft Fidelity und von Barclays stehen neben ihm, schauen ihn an wie einen Guru.

Warum werben sie ihn nicht einfach ab? Wenn man ihnen die Frage stellt, fallen Kinnladen runter. Daran haben sie noch gar nicht gedacht. Buterin scheint zu unerreichbar. Als die Veranstaltung vorbei ist, verzieht Vitalik sich hinter eine der Säulen. Er tippt etwas auf Mandarin in seinen riesigen Bildschirm. Kommt wieder hervor. Er sieht jetzt glücklich aus. Die zweite russische Revolution wird unblutig sein.

Die Reportage über Vitalik Buterin ist in Capital 01/2016 erschienen. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.