ReportageDer digitale Lenin hinter der Blockchain

Seite: 4 von 5

Ethereum wird geboren

Doch es gibt ein Problem: Buterin sieht, wie hochtalentierte Programmierer sich abmühen, mit Satoshi Nakamotos Blockchain einfachste Verträge zu programmieren. Er erkennt, dass es Zeit ist, ein Sakrileg zu begehen: Eine neue Blockchain muss geschaffen werden – ein leicht zu bedienendes, dezentrales Register für alles. Und vor allem eines, das leistungsfähiger ist – so wie einst Windows das Betriebssystem DOS ablöste.

Buterin verfasst ein Konzeptpapier, eine Mischung aus Politik, Spieltheorie und Mathematik, und tauft seine Vision „Ethereum“, nach Aristoteles’ Idee vom Äther als einem allgegenwärtigen fünften Element. Auch seine Blockchain soll allgegenwärtig sein und auf allen teilnehmenden Rechnern laufen. Ein Weltcomputer!

Er schickt die Idee an enge Bekannte, in wenigen Wochen hat er eine Nerd-Armee aus hochkarätigen Programmierern beisammen. Viele Mitglieder seines Teams haben steile internationale Karrieren hinter sich.

Die Arbeitsplätze der Revoluzzer – auf dem Flatscreen steht „Ethereum“, der Name des neuen Codes
Die Arbeitsplätze der Revoluzzer – auf dem Flatscreen steht „Ethereum“, der Name des neuen Codes – Foto: Peter Tillessen

Während viele in der Bitcoin-Szene Buterin als Abtrünnigen sahen, wird bald das Silicon Valley aufmerksam. Als erster Peter Thiel, reich geworden mit Investments in Paypal und Facebook. Er hat eine Stiftung gegründet, die Stipendien an digital Hochbegabte vergibt. Bis dahin hatte Buterin noch nie reales Geld verdient. Jetzt erhält er von Thiels Stiftung 100.000 Dollar.

Investoren beginnen, ihn als Wunderkind zu sehen. Alsbald verkündet Buterin, er wolle mittels Crowdfunding Geld sammeln – „für eine dezentralisierte Publikationsplattform mit nutzergenerierten digitalen Verträgen und einer Turing-vollständigen Programmiersprache“. Mit diesem Schwurbel-Pitch stellte er einen Weltrekord im Crowdfunding auf: 18 Mio. Dollar in vier Wochen. Kurze Zeit später gewinnt er den World Technology Award, zu dem Partner wie „Fortune“, „Time“, Nasdaq und Cisco gehören.

Vitalik Buterin, gerade 20 geworden, hat das Silicon Valley erobert. Für ihn ist es erst der Anfang.

Etwa zu dieser Zeit beauftragt er seinen langjährigen Freund Mihai Alisie, den besten Standort für einen Firmensitz zu finden. Digitalwährungen, zu denen Ethereum technisch gehört, sind rechtlich heikles Neuland. Sind sie hochregulierte Währungen? Anlageformen? Eigentumsgegenstände wie ein Haus?

Ende Januar 2014 landet Mihai Alisie auf dem Flughafen Zürich-Kloten. Das Ziel ist die Stadt Zug, in der bereits einige Bitcoin-Unternehmen arbeiteten: Die Gesetzgebung scheint unkomplizierter als anderswo, lokale Politiker lassen mit sich reden. Der Empfang sei warm gewesen, erinnert sich Alisie. Innerhalb eines Monats hat er eine GmbH gegründet mit Sitz in Baar.

Was treibt diesen Vitalik Buterin an? Will er nicht auch eines Tages eine Familie gründen? Buterin fährt sich durchs struppige Haar. „Eher nicht. Ich finde es besser, meine Ideen weiterzugeben als mein Erbgut. Wenn 10.000 Leute meinen Blog lesen, dann ist das doch, als hätte ich 10.000 Kinder.“

Für Banker ist er ein Guru

Dann kehrt er zurück zum Wesentlichen: „Als wir hier die Firma gründeten, dachte ich, wir seien kurz davor, unsere Blockchain zu vollenden.“ In Wahrheit stand noch viel Programmierarbeit bevor. Und der Weg durch die Institutionen. Es wurde für ein paar Monate still um ihn.

Anfang dieses Jahres kamen plötzlich Anfragen von Samsung und IBM. Sie würden seine Software gern ausprobieren. Dann meldete sich das World Wide Web Consortium W3C, ein mächtiges Netzgremium: Man wolle Ethereum in die „Globale Kommission für Zahlungssysteme“ aufnehmen – eine Kommission, in der Google, Telekom, Apple und zahlreiche Großbanken vertreten sind.

Letztere hatten gerade erst begonnen zu verstehen, dass die seltsame neue Speichertechnologie wohl der Grund dafür war, dass aus einem Codehaufen namens Bitcoin, trotz des Widerstandes von Staaten und Banken, in wenigen Jahren ein milliardenschweres Geldsystem geworden war. Und Ethereum, dämmerte es ihnen, war eine Weiterentwicklung dieser seltsamen Technologie.