ReportageDer digitale Lenin hinter der Blockchain

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Die Blockchain als weltweites dezentrales Buchhaltungssystem wurde Ende 2008 erfunden, von einem mysteriösen Schöpfer, der sich als Satoshi Nakamoto ausgab, dessen Identität aber bis heute unklar ist. In einem neunseitigen PDF veröffentlichte er die Grundlagen – und tauchte nie wieder auf.

Um Bitcoins zu erwerben, begann Buterin 2011 für einen Fachblog zu schreiben, der fünf Bitcoins je Artikel zahlte, was damals umgerechnet einem Stundenlohn von etwa einem Dollar entsprach. Die Schreiberei war optimal, um sich weiter einzuarbeiten.

Bitcoin war als Attacke auf das Finanzsystem angelegt, das zeigte schon der Zeitpunkt, zu dem Satoshi Nakamoto die virtuelle Währung einführte: kurz nach Beginn der Finanzkrise. Die Bitcoin-Gemeinde wuchs damals schnell, zog aber nicht nur Idealisten, Libertäre und Anarchisten an, die von einem neuen Geldsystem träumten, sondern auch Kriminelle, Spekulanten und Hacker.

Wie die Gemeinde wuchs auch der Wert von Vitaliks Bitcoins, und auch sein Einfluss stieg. Immer wenn er ein paar Bitcoins verdient hatte, durchströmte ihn das Glücksgefühl, an einer neuen Welt mitzubauen: einer Welt, frei von den zentralen Hütern des Geldes.

V wie Vitalik

2012, mit 18 Jahren, ist er in der Szene bereits eine führende Stimme. Mit Freunden gründet er das „Bitcoin Magazine“. Auf das Cover der ersten Ausgabe setzt er die Maske des englischen Revolutionärs Guy Fawkes, jene Maske, die auch von den Mitgliedern des Hackernetzwerks Anonymous verwendet wird.

Vitalik Buterin geht auf der Terrasse hin und her. Plötzlich macht er halt und schaut dem Besucher ausnahmsweise in die Augen: „Später habe ich zufällig durch Wikileaks erfahren, dass unser Magazin in einem Bericht des italienischen Geheimdienstes auftauchte.“ Jetzt lacht er tatsächlich.

Bald wird Buterin klar, dass man mit der Blockchain noch mehr machen könnte als Geld. So, wie sie bisher genutzt wurde, war die Blockchain ein digitaler Tresor, in den man Bitcoins steckte. Im Prinzip konnte dieses System aber für jede Art von Wert verwendet werden, egal ob Auto, Haus oder Aktie. Ein dezentrales Verzeichnis für sämtliche Vermögenswerte mit einer sicheren Möglichkeit, diese Werte zu transferieren: Könnte man damit nicht jede Art von Bürokratie abschaffen, die solche Vorgänge erfasst? Grundbuchämter, Notare, ganze Behörden?

„Dass wirklich etwas daraus werden könnte, sah ich auf meiner ersten Bitcoin-Konferenz 2013 in Seattle“, erzählt er und nähert sich dem Besucher bis auf einen Meter. „Da waren richtige Menschen aus Fleisch und Blut, die alle einen ähnlichen Traum hatten.“ Menschen aus Fleisch und Blut. Das hat ihn beeindruckt. Wenn er sich freut, sieht er aus wie ein viereckiger Smiley.

Im Sommer desselben Jahres dann der Schock: Edward Snowden enthüllt, wie die NSA das Internet unterwandert hat. Vitalik Buterin fühlt sich betrogen von seinem besten Freund, dem Internet. Der Kampf für ein freies Netz wird zu einer persönlichen Sache. Kurze Zeit später schmeißt er das Informatikstudium an der renommierten University of Waterloo in Kanada (die Eltern emigrierten von Russland nach Kanada, als er sechs Jahre alt war). Der 19-Jährige geht mit seinem Ersparten auf eine halbjährige Weltreise. Um die Revolution voranzutreiben.

In Tel Aviv begegnet er Software-Entwicklern, die bereits an der Verwirklichung seines Traums arbeiten: Sie entwickeln selbstausführende Verträge, Smart Contracts, die ohne Rechtsabteilungen funktionieren, weil ihre Ausführung durch die Blockchain kontrolliert wird.