ReportageDer digitale Lenin hinter der Blockchain

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World-of-Warcraft-Dilemma

Wenn er spricht, klingt er wie Siri, die Computerstimme des iPhones. Seine hellblauen Augen wandern hin und her, als würde er gerade von einem Bildschirm ablesen. Er ist im Netz aufgewachsen. Schon mit zehn programmierte er in der Computersprache C++. Mit niemandem teilt er mehr als mit dem Internet. Niemandem hat er sich so sehr anvertraut. Das Netz hat ihm Mandarin beigebracht, das braucht er jetzt häufig auf seinen Reisen nach China. Auch Deutsch. „Aber das spreche ich nur selten mit Menschen“, sagt er.

In der realen Welt wirkt er schüchtern, bei Gesprächen hält er Abstand von ein bis zwei Metern. In der Welt der Bits aber ist er ein digitaler Lenin. Nur im Netz, sagt Buterin, habe er Menschen gefunden, die es in Diskussionen mit ihm aufnehmen konnten. So ausufernd sind viele seiner Posts, voll wiederkehrender Fachbegriffe, dass Spötter einen Algorithmus programmierten, der ähnlich klingende Reden verfasst. „Etherische Verse“ nennen sie das.

Wer verstehen will, wie Buterin zu einem der führenden Blockchain-Köpfe wurde, muss vier Jahre zurückschauen, als er 17 Jahre alt ist. Damals erzählt ihm sein Vater, ein Software-Unternehmer, von der digitalen Währung Bitcoin. Als er im Internet davon liest, beginnt er, die Sache ernst zu nehmen.

Capital 01/2016
Die aktuelle Capital

Wie viele seiner Generation ist Vitalik ein World-of-Warcraft-Spieler. Ein netzbasiertes Kampfspiel, bei dem man Waffen und Rüstungen kaufen muss. Was ihn vor ein Problem stellt, das vielen minderjährigen Gamern bekannt ist: Wie sollte er ohne eigenes Geld an die Waffen herankommen? Ein bisschen Bargeld hat er ja, aber kein Zahlungsmittel, das er im Netz einsetzen kann. Keine Kreditkarte, kein Konto. Ein Schicksal, das er mit einem ziemlich großen Teil der Weltbevölkerung teilt. Allein in den USA, dem Kreditkartenland, besitzen etwa zehn Millionen Haushalte kein Bankkonto.

„Zahlungssysteme haben viel mit Freiheit zu tun“, sagt Buterin. „Ich habe früh angefangen, anarchistische Literatur zu lesen. Sozialistische Anarchisten wie Bakunin und Kropotkin, aber auch radikal marktliberale wie Ayn Rand.“ Besonders packt ihn der Streit zwischen dem linken Marktkritiker Pierre­Joseph Proudhon und dem Ökonomen Frédéric Bastiat, der freie Marktpreise als Ausdruck göttlichen Wirkens sah. Eine Kernfrage der Debatte war die Rolle des Geldes: Wenn Geld Macht ist und Politik die Organisation der Macht, dann regiert derjenige, der die Geldströme lenkt. „Auch darum fand ich Zahlungssysteme im Internet interessant.“

Diese Zahlungssysteme im Netz sind auch heute noch eher unterentwickelt, Geldtransfers unsicher. Und jeder muss immer eine Menge Informationen preisgeben, Kartennummer, Name und Adresse, an Unbekannte. Braucht man all diese Informationen? Auf einen Geldschein muss man ja auch nicht seine Adresse schreiben.

Vertrauensmangel im Netz

Buterin findet das nicht nur widersinnig, ihn stört, dass man dafür auch noch zahlen soll. Bei jeder Zahlung mit einer Kreditkarte agieren im Hintergrund mehrere Firmen, verlangen Sicherungscodes und Verifizierungen – und dafür lassen sie sich bezahlen. Für das fehlende Vertrauen. Ein gewaltiger Vertrauensmangel im Netz, so befindet der damals 17-Jährige, ist der Grund für die komplizierten Vorgänge und somit für all die Gebühren – ein milliardenschweres Geschäft. Und die Grundlage für Unternehmen wie Visa, Mastercard oder Paypal. „An dem Tag, als ich mir Bitcoin zum ersten Mal genauer ansah“, sagt Buterin, „verstand ich, dass Zahlungen ohne Mittelsmänner möglich sind.“

Er erkennt, dass eine andere Welt möglich ist. Bitcoin-Überweisungen sind fast kostenlos. Die Gebühren sind mikroskopisch, egal wie hoch die Summe ist und wohin sie geht. Zudem muss man nur die anonyme Empfängeradresse aus Zahlen und Buchstaben plus den Absender eingeben. Als würde man eine E-Mail verschicken: 30 Bitcoins von XY an ZW am 22.11.2015 um 17.05 Uhr.

Buterin richtet sich an seinem Geländer auf, dreht seinen großen Kopf Richtung Berge. Es ist ein sonderbares Haus, in dem er mit seinen Mitstreitern wohnt, weil alles so sauber und leer ist. Keine Pizzaschachteln, keine Batterien von Red Bull und Cola wie in Hollywood-Filmen, kein schmutziges Geschirr. Selbst auf dem Wohnstockwerk, alles clean, ein einsamer handgeschriebener Zettel hängt an der Wand: Hier kein Geschirr abstellen.

In dem Haus der Blockchain-Programmierer sieht es nicht aus wie im Film – alles ist ordentlich
In dem Haus der Blockchain-Programmierer sieht es nicht aus wie im Film – alles ist ordentlich – Foto: Peter Tillessen

Dieses Haus ist kein Zuhause, sondern reine Notwendigkeit für Menschen, die gar keinen Ort brauchen in dieser Welt, die immer irgendwie Durchreisende sind.

Vor einigen Jahren also installiert sich Vitalik Buterin die Bitcoin-Software. Um Bitcoin zu nutzen, speichert jeder Nutzer zuerst die komplette Geschichte aller je getätigten Bitcoin-Zahlungen. Jeder Computer, der Bitcoin nutzt, unterhält somit ein allumfassendes, von allen einsehbares Kontobuch. Derzeit ist es 45 Gigabyte groß. „Die Idee von Bitcoin ist extrem einfach“, sagt Buterin, „ein Kontobuch für alle.“ Er kann genau sehen, auf welchem Nummernkonto welche Summen liegen – und wohin sie fließen.

Vitalik ist Teil geworden einer gewaltigen Bitcoin-Bank, betrieben von allen Nutzern. Genau darin liegt die Idee zur Umgehung der Finanzunternehmen. Mit diesem globalen Kontobuch kann nichts passieren, keine Fälschung, weil ja auf jedem Rechner eine aktuelle Kopie des Buches liegt. Alle paar Minuten werden alle neuen Überweisungen weltweit verzeichnet und allen Rechnern zugespielt. In komprimierter Form, als sogenannte Blocks. So entsteht im Lauf der Zeit eine Kette von Beweisen – die Blockchain. Würde ein Computer gehackt oder versuchte jemand zu betrügen, es gäbe Millionen Beweise in der Blockchain. Nur deshalb funktioniert das Bitcoin-System. Blocks mit Bitcoin-Transaktionen sind wie an einer Kette aufgereihte Perlen.