KolumneDer Denkfehler der Diesel-Debatte

Demonstration gegen das Dieselfahrverbot in Stuttgart
Demonstration gegen das Dieselfahrverbot in Stuttgartdpa

Die Diskussionen um die Dieselfahrverbote – sie kommen … und gehen aber irgendwie nicht wieder. Im Gegenteil: Sie erleben in fröhlicher Regelmäßigkeit nahezu täglich eine Wiedergeburt. Jetzt demonstrieren in Stuttgart auch schon Menschen mit gelben Westen, mon dieu …

Obwohl – das Schwierigste an diesen ganzen Debatten ist doch die beständig mitschwingende moralische Komponente. Schließlich geht’s hier um den Klimaschutz. Und den Umweltschutz. Und die Zukunft unseres Planeten. Sobald sich jemand eine differenzierende Betrachtung erlaubt, drehen sich die Köpfe und das Geschrei geht los: „Du willst unseren Planeten zerstören!“

Um eins gleich vorweg zu nehmen: Nein, genau wie Sie will ich unseren Planeten auf keinen Fall zerstören. Wäre ja idiotisch, so als Bewohner desselben. Und dennoch bzw. genau deshalb: Differenzieren möchte ich in jedem Falle.

Die Moralkeule schlägt zu

Denn das größte Dilemma, in dem sich Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Medien – kurz: diejenigen, die sich an dieser moralischen Debatte beteiligen – befinden, ist die Tatsache, dass sie die falsche Diskussion führen. Dass sie sich an Details wie dem Diesel festhalten, weil er gerade im Trend und durch den großen Skandal um Volkswagen sowieso im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit steht.

Ich kann der politischen Führung nicht vorwerfen, dass sie sich an den moralischen Mainstream koppelt. Zum einen will sie logischerweise wiedergewählt werden und muss daher sehr genau schauen, was das Volk bewegt und will. Und zum anderen ist es natürlich einfacher, sich ideologischen Ansichten und moralischen Maßnahmen zu unterwerfen.

Aber war’s das schon? Liegen unsere Interessen nicht eigentlich höher? Also, meine schon.

Ganz schön abgehoben

Und in guter Vollmer-Manier möchte ich Ihnen dazu eine Geschichte erzählen: Ich bin vor einigen Jahren von einem Vortrag zurückgereist – aus Sofia über München nach Hannover. Das war der Tag, an dem der Orkan Kyrill über Europa tobte. Ich wusste das aber nicht, weil ich keine Nachrichten geguckt hatte. Beim Anflug auf München merkte ich: „Okay, bisschen heftiger.“

Und dann stieg ich aus: Quasi alle Flüge von und nach München waren annulliert, alle Autos verliehen und alle Hotels ausgebucht. Auf der Abfluganzeige aber stand, dass mein Flug nach Hannover „planmäßig“ abheben würde. Nun stand ich also da und fragte mich: „Soll ich das wirklich machen? Soll ich es riskieren, bei diesen Verhältnissen in den Flieger zu steigen?“

Ich habe mich getraut. Ich stieg ein und zum ersten Mal in meiner langjährigen Karriere als Vielflieger stand statt des Stewards der Kapitän selbst im Gang. Er sagte uns: „Sie sind jetzt an Bord und alles wird gut, denn am Boden ist alles viel schlimmer als in der Luft. Der Start wird ein bisschen unruhig, in der Luft geht’s gerade und bei der Landung… na ja… – wissen Sie, ich habe auch zwei Kinder und will auch nach Hause.“ Sie können sich vorstellen, dass uns allen angst und bange war.

Interessant …

Aber da ich in der Lage bin, diese Zeilen zu schreiben, können Sie sich ebenso gut vorstellen, dass am Ende alles gut ging. Der Flug war natürlich lange nicht so schlimm, wie wir es uns vorgestellt hatten. Was mich beruhigt hat, war meine Erkenntnis über den Kapitän: Der hat ja auch ein ganz originäres Interesse und würde also das Risiko nicht eingehen, wenn er der Sache nicht trauen würde.

So ist es beim Diesel und der Fahrverbotsdebatte auch: Ich habe auch drei Kinder und somit einen guten Grund, dass ich mir wünsche, dass sie und meine Kindeskinder einen lebenswerten Planeten haben. Wir können die Moral aus dem Gespräch also gänzlich rauslassen. Weil ich ein originäres Interesse habe – genau wie Sie auch.

Moralisch wertvoll

Ja, wir dürfen uns alle besser verhalten, weniger fliegen, weniger Kreuzfahrtschiff fahren, auf dem Wochenmarkt einkaufen statt bei Amazon. Ich gebe jedem Menschen die Hand, der jetzt einschreiten und sagen möchte: „Aber wir müssen doch irgendwas tun!“ Ja, auf jeden Fall – ich bin dabei. Wo kann ich mein Kürzel setzen?

Aber die Sache ist zu komplex, als dass wir sie mit solch einem Detail wie einem Diesel-Fahrverbot lösen könnten. Ich leugne den Klimawandel nicht – aber wie das alles zusammenhängt, weiß niemand so richtig und auch die Wissenschaft ist sich nicht einig. In Deutschland steigen die Energiekosten, während sie sonst überall sinken. Das liegt daran, dass wir nicht in effiziente Energie investieren, sondern in ideologische, moralisch vertretbare. Hauptsache, wir stoßen weniger oder am besten gar kein CO2 mehr aus.

Und … die Lösung?

Wir als Land aber zeigen: Wir tun da ganz viel (Erneuerbare-Energien-Gesetz, Atomausstieg etc.), halten aber unsere eigenen Absichten nicht ein. Wir verpassen nach unseren eigenen Maßstäben unsere selbstgesteckten Ziele. Hilft es also, wenn wir an einer Stelle was ändern? Nein.

Der Eindruck, der entsteht, ist jener, dass der Diesel immer dreckiger wird. Obwohl das Gegenteil der Fall ist: Der Diesel wird immer sauberer – nur die Auflagen immer härter. Und mal so ganz unter uns: Jeder trendige Schwedenofen produziert mehr Dreck als ein Diesel.

Die richtige Idee wäre daher, den Blick von diesen Trivialitäten abzuwenden und die Empörung sein zu lassen. Denn die Moral hindert uns am klaren Denken. Mit ihr können wir die Probleme zwar erkennen, aber nicht lösen.

Hoch hinaus

Wenn wir auf der aktuellen Ebene weiter debattieren, schlagen wir uns nur gegenseitig die Köpfe ein. Das spaltet das Land in jene, die Diesel fahren, und diejenigen, die selbst aufs Fliegen verzichten. Denn dann will immer eine Seite der anderen vorschreiben, was richtig ist. Es bringt nichts, noch lauter fürs Dieselfahrverbot zu schreien – die anderen werden noch lauter schreien für den Diesel.

Uns allen liegt daran, dass es der Umwelt in Zukunft besser geht. Aber unsere Lösung für die Klimaproblematik ist halt noch nicht da. Und um ehrlich zu sein: Ich weiß auch nicht, wie wir die Umwelt retten. Meine „Lösung“ liegt höher. Ich möchte die Debatte gerne auf das große Ganze lenken, damit wir die Rahmenbedingungen schaffen und technologische Wege finden. Damit wir Rahmenbedingungen schaffen, die mehr Innovationen ermöglichen. Denn nur mit Verhaltensveränderungen – in unserem im Weltmaßstab betrachtet sehr kleinem Land – werden wir das nicht hinbekommen. Es braucht technische Lösungen, viele sogar.

In diesem Sinne: Lassen Sie uns doch ab jetzt einfach die wirksame Diskussion führen, auch wenn wir nicht soviel Gesinnungsapplaus dafür abbekommen.