KolumneDer Bahn-Wahn

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung aus dem Jahr 1904 regelt bis heute jedes kleinste Schräubchen im Waggon – und definiert sogar, was ein Zug überhaupt ist: „Züge sind die auf die freie Strecke übergehenden, aus Regelfahrzeugen bestehenden, durch Maschinenkraft bewegten Einheiten und einzeln fahrende Triebfahrzeuge“. Nur eines bleibt in dem Milliarden-Unternehmen völlig ungeklärt, keine Verordnung schreibt es vor: Was ein Manager mitbringen muss, um an die Spitze der Bahn zu gelangen.

Diese Frage bekommt durch den mehr oder weniger erzwungenen Rücktritt von Bahn-Vorstand Volker Kefer eine plötzliche Brisanz. Bahn-Chef Rüdiger Grube wird in diesem August 65 und braucht einen Nachfolger, wenn sein Vertrag 2017 ausläuft. Und bisher galt sein Stellvertreter Kefer als natürlicher Nachfolger, obwohl der ehemalige Siemens-Manager auch schon im 61. Lebensjahr steht. Überhaupt reisen in der Bahn-Spitze bereits sehr viele Manager mit der Seniorenkarte: Personalchef Ulrich Weber zählt 66 Jahre, Aufsichtsratschef Utz-Helmuth Felcht 70. Deshalb muss nun bald ein neues Personaltableau her – nur wie soll es aussehen?

Die Politik mischt mit

Bei einem normalen Konzern mit 40 Mrd. Euro Umsatz und 300.000 Beschäftigten wäre das Prozedere klar: Der Aufsichtsratschef schickt einen renommierten Headhunter auf die Suche nach einem Vorstand mit Logistikverstand und nachgewiesenen Erfolgen in einem anderen Konzern. Gleichzeitig müssen die besten Leute, die bereits im Unternehmen arbeiten, zum Beauty-Contest antreten.

Weil die Bahn aber die Bahn ist, und ein Staatskonzern ein Staatskonzern, läuft das Verfahren ganz anders. Mehrere Minister mischen mit, Parteizentralen sichten politische Präferenzen, die Kanzlerin behält sich ein Veto vor – und Aufsichtsratschef Felcht darf allenfalls einen bescheidene Vorschlag machen, wenn überhaupt. Ein Personalberater kommt nur dann zum Einsatz, wenn man dem ganzen Verfahren wenigstens einen Anschein von Professionalität geben will. Die Kriterien für die künftige Zusammensetzung der Bahn-Spitze aber sind in Wahrheit andere. So ist es bei allen Entscheidungen über die Schiene – der ganz normale Bahn-Wahn.

Pofalla wäre der völlig falsche Mann

Damit wächst die Gefahr einer völlig falschen Weichenstellung. Das byzantinische Auswahlverfahren könnte einen Mann in den Chefsessel der Bahn spülen, der für diesen Job in keinerlei Weise qualifiziert ist: Ronald Pofalla. Der ehemaligen Merkel-Berater und Kanzleramtsminister amtiert seit 2015 als Vorstand der Bahn, zuständige für „Wirtschaft, Recht und Regulierung“, also hauptsächlich für die Lobbyarbeit des Konzerns. Und viele politische Begleiter der Bahn behaupten, die guten Verbindungen zum Kanzleramt und den Berliner Ministerien seien ebenso wichtig für einen Bahn-Chef wie seine Management-Fähigkeiten.

In Wahrheit sind sie es aber nicht – und eben deshalb wäre Pofalla der völlig falsche Mann. Die Führung der Bahn gehört zu den kompliziertesten Jobs, die es in der deutschen Wirtschaft gibt. Pofalla fehlt so gut wie alles dafür: Der CDU-Mann versteht nichts von Betriebswirtschaft, nichts von Logistik und nichts von operativer Steuerung eines Konzerns. Man darf schon jetzt die Prognose wagen, was bei einer Berufung des Merkel-Vertrauten passiert: Die Bahn wird zum zweiten Fall Bilfinger. Bei dem hessischen Bau- und Dienstleistungskonzern kam der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch mit großen Aplomb – und ging als noch größerer Versager.

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