ReportageDepot - Mission Wachstum

Das Logistikzentrum von Depot in der unterfränkischen Provinz
Das Logistikzentrum von Depot in der unterfränkischen Provinz. Das architektonische Motto lautete: „Aus dem Kleinen entsteht das Große“
© Katrin Binner

Der Stress ist gerade vorbei, da fängt er schon wieder an. Christian Gries braucht Ideen. Ideen für Christbaumkugeln und Tischdeko. Gries sitzt im Clubsessel seines Büros und grübelt. Es geht um Weihnachten 2016, er muss den Geschmack seiner Kunden vorhersehen. Auf dem Glastisch vor ihm liegen Farbtafeln, die Trendforscher weltweit für ihn zusammenstellen. „Kupfer ist für uns vorbei“, sagt Gries. Das sei momentan im Trend, genau wie Silber. Er zieht einen goldenen Farbfächer aus dem Stapel. „Gold kommt wieder. Aber das puristische, nicht das prunkvolle.“

Hier im unterfränkischen Niedernberg wird entschieden, was sich die Deutschen in einem Jahr an den Christbaum hängen. Gries ist so etwas wie der Chefdekorateur des Landes, seine Firma Gries Deco Company, bekannt unter dem Label „Depot“, ist ein Reich des Schönen und Nutzlosen: Mehr als 400 Läden hat er schon in Deutschland, Österreich und in der Schweiz.

Grafik: verlustreiches Wachstum

Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen seine Erlöse um mehr als 130 Prozent gesteigert und auf fast 400 Mio. Euro katapultiert. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich mehr als verdoppelt, genauso die Zahl der Läden – und das, obwohl es dem Rest der Branche eher mies geht: Der Umsatz von Konkurrenten wie Butlers oder Nanu-Nana, die ebenfalls Teelichte, Müslischüsseln und Handtücher anbieten, stagniert. Strauss Innovation, ein anderer Konkurrent, ist pleite.

Und auch Depot hat in den vergangenen Jahren außer viel Krimskrams vor allem gigantische Verluste angehäuft. Was also unterscheidet Gries von der Konkurrenz?

Die erste Antwort ist schon von weitem gut zu sehen: 40 Meter hoch, 160 Meter breit, eine Fassade aus hell- und dunkelgrauen Rechtecken, Gries’ ganzer Stolz. „Hochregallager, 50 Meter bis zur Decke, alles automatisch, und eine Sprinkleranlage, die pro Sekunde eine Badewanne füllen könnte“, erklärt Gries. Seine Chelsea Boots klackern über den Boden der Halle, der mit Gänseblümchen und grüner Wiese bedruckt ist.

Ein Zentrum für Expansion

Auf 150.000 Quadratmetern lagert das gesamte Sortiment. Vom weißen Teller „Pure Bone China“ bis zu den Raumdüften der Konzerneigenmarke ipuro. 130 Mio. Euro hat der Koloss auf der grünen Wiese unweit des Firmensitzes gekostet. Es ist die „Plattform für die Expansion“, ohne das Logistikzentrum käme die Wachstumsmaschine ins Stocken.

Aus eigener Kraft hätte Gries die Investition nie stemmen können. Das hat er früh erkannt – und sich deshalb etwas getraut, was für die meisten Mittelständler und Familienunternehmer ein Tabu ist: Er hat sich einen Teilhaber gesucht, der wie er an sein Produkt glaubt und bereit ist, dafür ins Risiko zu gehen.

Gries zeigt auf ein Gefährt, das wie ein Gabelstapler ohne Gabel aussieht und automatisch durch die Halle fährt. Auf dem Display steht „2x 118-A“. Ein roter Laserpointer leuchtet auf zwei Kartons im Regal. Der Chef bückt sich, greift die beiden Pakete („Flaschenanhänger Wonderful Times, 20 Stück“) und packt sie auf das Gefährt. Das rauscht los und kommt 30 Meter weiter zum Stehen.

Depot-Chef Christian Gries (44) im „Kreativ-Lab“
Depot-Chef Christian Gries (44) im „Kreativ-Lab“, wo die Einrichtungstrends entstehen. Auch er selbst legt Wert auf Stil, in Jeans wurde er noch nie gesehen
© Katrin Binner

„Toll, oder?“, sagt Gries und spurtet weiter. Im Laufen sagt er: „Ich kann nicht langsam. Ich brauche Anspannung, erst dann macht’s mir Spaß. Nine to five macht mich verrückt.“ Der 44-Jährige, Glatze, Stoppelbart und dunkelgrauer Tweed-Dreiteiler mit offenem Hemd, brennt für das Dekorative. Wenn er seine Arme ausstreckt, rutscht ein silberner Armreif aus dem Ärmel.

Die Anfänge waren dagegen alles andere als stylish oder dynamisch. Sein Großvater gründete das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg, produzierte künstliche Früchte als Deko für Obst- und Kräuterschnäpse. Gries’ Eltern übernahmen den Betrieb und vergrößerten das Sortiment. So kamen der Christbaumschmuck und die Gestecke – aber nicht für End-, sondern für Großkunden, für Floristen und Warenhäuser. Christian machte in der Zeit eine Ausbildung zum Industriekaufmann.

Doch irgendwann fingen die Kunden an, die Deko-Kreationen aus Unterfranken selbst in Asien produzieren zu lassen. Der Umsatz der Familienfirma sackte ab, von 20 Mio. Mark blieben noch sieben. Das Unternehmen stürzte in die Krise. „So einen schnellen Umsatzeinbruch kannst du mit 300 Beschäftigten gar nicht überleben“, sagt Gries.

Nach der Lehre Anfang der 90er-Jahre stieg er ins Unternehmen ein. Eigentlich wollte er studieren, aber das ließ er sein. Als Erstes machte er das, was die einstigen Großkunden auch machten: Er verkaufte direkt an die Hausfrau. Er trennte einen Teil des Lagers ab und schrieb über das Tor „Fabrikverkauf“. Das lief hervorragend, schon bald dachte Gries wieder an Expansion.

Es folgten erste eigene Filialen. Mehr als 20 Läden sollten es jedoch nicht werden, das konnte er aus dem eigenen Geschäft und mit Banken finanzieren. Aber Gries spürte, dass noch mehr möglich wäre, wenn er das Kapital hätte. Vor bald 15 Jahren machte er sich auf die Suche nach einem Investor – ein Tabubruch für viele Familienunternehmen.