GastkommentarDatenschutz: Mein Gesicht gehört mir

Die neuen Datenschutzregeln sorgt für Aufregung bei Fotografen
Die neuen Datenschutzregeln sorgt für Aufregung bei Fotografendpa

Katzenjammer bei vielen (semi-)professionellen Fotografen: Nächste Woche tritt die DSGVO in Kraft. Sie soll EU-Bewohner und ihre persönlichen Daten schützen, vor dem Zugriff von Silicon-Valley-Datenkraken und staatlichen Überwachungsapparaten.

Wer Kinder hat, kennt das Thema: das Recht am eigenen Bild. Bevor Fotos der Kindergartengruppe oder vom Klassenfest auf die Homepage, die Facebook-Seite gestellt oder in der Whatsapp-Gruppe geteilt werden dürfen, ist eine Einwilligung erforderlich. Die DSGVO definiert nun ausdrücklich auch erkennbare Fotos von Menschen als „personenbezogene Daten“. Das ist sinnvoll, schließlich lassen sich Gesichter auch in Menschenmengen gut identifizieren und an jedem Foto kann man einiges ablesen, auch „Metadaten“ wie Datum und Uhrzeit der Aufnahme oder der Ort (per GPS-Koordinate). So lässt sich nachvollziehen, welche abgebildete Person wann an welchem Ort zugegen war — das sind schützenswerte persönliche Daten.

Damit gelten für Fotografen, sofern sie mit ihren Aufnahmen nicht journalistisch oder nur rein privat hantieren, die gleichen Pflichten wie für Unternehmen, die beispielsweise Kundendaten verarbeiten. Letztere durchpflügen bereits seit Monaten ihre Prozesse im Kundendienst, um sämtliche neuen Aufbewahrungs- und Auskunftspflichten nach DSGVO zu beherzigen. Werden diese Pflichten vernachlässigt, stehen nun drakonische Strafen im Raum, ein wichtiger Unterschied zur bisherigen Praxis des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG).

Big Data kann Teil der Lösung sein

Droht Fotografen also nun ein Bürokratiemonster? Hier und da wird bereits angekündigt, künftig „nur noch Bäume“ abzulichten. Müssen sie Anwälte bezahlen, um seitenlange, rechtsfeste Einwilligungserklärungen zu erarbeiten und zu verteilen, und zwar an alle Personen, die auch nur potenziell im Bild sein könnten — Gäste beim Standesamt, Zuschauer auf der Tribüne beim Sport? Müssen sie künftig, wie transnationale Unternehmen auch, übrigens nicht nur europäische, auf Anfragen beliebiger EU-Anwohner reagieren („Welche Bilder besitzen Sie, auf denen ich als Person erkenntlich bin?“) und auf jedes Ersuchen reagieren („Bitte weisen Sie mir nach, dass Sie alle Bilder auf denen ich als Person erkenntlich bin, gelöscht haben!“).

Die Big-Data-Technologie, die dem Gesetzgeber hier Anlass zur Sorge um die bürgerliche Privatsphäre gibt, kann jedoch auch Teil der Lösung werden — sie ist nicht nur Teil des Problems. Was wäre, wenn Fotografen eine Software einsetzten, die Personen im Bild mit öffentlichen Profilinformationen abgleicht und mittels künstlicher Intelligenz erkennt? Einen entsprechenden Online-Service könnten Datenriesen wie Microsoft oder Amazon anbieten — und was spricht dagegen, dass hier mal ein europäisches Start-up-Unternehmen den Weltmarkt aufmischt mit praktischer Unterstützung für Persönlichkeitsrechte „made in Europe”? Ergebnisse kämen quasi in Echtzeit und ein solcher Identifikationsdienst dürfte je Foto nicht mehr als einige Cent kosten. Das Resultat wäre dann zum Beispiel: „Die im Hintergrund abgebildete Person, dritte von links, ist mit 96-prozentiger Wahrscheinlichkeit Jochen Adler.“

Klingt verrückt? Ist es nicht! Sogar Amateur-Fotoprogramme, etwa von Google oder Apple, bieten heute solche Funktionen für den Hausgebrauch, zur Organisation eigener Aufnahmen. Und erinnern sie sich noch, wie im Internet lustige Spielchen kursierten, mit denen Sie anhand Ihres hochgeladenen Selfies oder Ihres Facebook-Profilbilds Auswertungen erhalten konnten, zu Ihrem „geschätzten Alter“ oder Ihren Charaktereigenschaften? Solche algorithmischen Spielchen erfreuen sich großer Beliebtheit, werden in sozialen Netzwerken munter Freunden empfohlen — und befeuern die massenhafte Sammlung von „Trainingsdaten“ für künstliche Intelligenzen. Fotos, mit denen sich Menschen identifizieren ließen, finden sich öffentlich gleich tausendfach; eine Person, von der kein brauchbares Foto im Internet existiert, müsste schon arg zurückgezogen leben.

Chance auf einen innovativen neuen Vertriebsweg

Eine Horrorvision also? Nein, umgekehrt: Eigentlich müsste — und könnte! — man alle Nutzer, die ihre Selfies dem Trainingsdatensatz zur Verfügung gestellt haben, an den Profiten eines solches Dienstes sogar beteiligen. Und als mündiger „digitaler Bürger“ wünsche ich mir geradezu so einen Algorithmus, der mich darüber aufklärt, sobald ich in irgendeinem Fotoarchiv auftauche, das nicht rein privat ist; und zwar nur mich, und mich zuerst. Vielleicht finde ich den Schnappschuss ja so gelungen, dass ich ihn selbst verwenden möchte? Oder ich finde ihn so unvorteilhaft oder kompromittierend, dass ich wünsche, er möge direkt wieder verschwinden? Beides wäre mein gutes Recht.

Ein solcher Algorithmus wäre übrigens genau der gleiche, der den Polizeibehörden mitteilt, sobald ein mit Haftbefehl gesuchter Terrorist an einem Berliner U-Bahnhof auftaucht — hierzulande bereits in Erprobung, in China wohl längst Gang und Gäbe und klar erklärtes Ziel staatlicher Überwachung.

Also: Mein Gesicht gehört mir! Wenn schon globale Datenbanken und Algorithmen entstehen, die meine Visage zuverlässig identifizieren können, jederzeit und überall, dann will ich diese Technologie wenigstens so eingesetzt wissen, dass sie auch meinen Interessen dient — und nicht nur denen von Geheimdiensten und Innenministern.

Die viel geschmähte DSGVO bietet nicht nur uns Bürgern ein Recht auf mehr Datensouveränität, sondern auch den Fotografen eine Chance auf einen innovativen neuen Vertriebsweg — und Europa einen echten Standortvorteil im globalen technologischen Wettrüsten, im Einklang mit unseren gesellschaftlichen Normen und ethischen Werten. Wetten, dass…?