BankenDas Volksbank-Geheimnis

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Filialen lohnen sich

Wenn Rainer Bouss in Neumünster über seine Volksbank spricht, dann meint man, er käme aus einer anderen Zeit. Die Niedrigzinsen? Die Regulierung? Die Digitalisierung? Der knochenharte Wettbewerb? Jaja, natürlich spürt er das. Aber irgendwie auch nicht so richtig.

Bouss erzählt die Geschichte eines Geschäftskunden, einer kleinen Speditionsfirma, die mit der Zeit immer größer wurde und inzwischen rund 550 Mitarbeiter beschäftigt. „Wir haben das Unternehmen von Anfang an begleitet, auch in den schwierigen Phasen. Wenn die jetzt wegen eines neuen Kredits anfragen, dann wird natürlich um die Konditionen gefeilscht“, sagt er. „Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die gleich weiterziehen, nur weil ein anderes Angebot vielleicht einen Tick günstiger ausfällt. Sondern da wird die gemeinsame Historie honoriert. Man weiß, was man aneinander hat.“

Sparkassen vs. Volksbanken

Dann erzählt auch Kollege Dejewski eine Geschichte – die eines Filialleiters, dem ein Kunde neulich beiläufig erzählte, dass das Haus seiner Mutter verkauft würde. „Natürlich bleibt der Filialchef in so einem Fall nicht untätig, sondern meldet sich in der Immobilienabteilung und fragt: ,Wäre das nicht was für euch?‘“ Was Dejewski damit sagen will: „Unsere 19 Filialen sind die Grundpfeiler des Geschäftsmodells. Klar bekomme ich mit, dass viele Banken momentan planen, Filialen zu schließen. Unser Weg aber ist das nicht. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass sich vernünftig geführte Filialen auch in Zukunft sehr wirtschaftlich werden betreiben lassen.“

Frankfurt, die Dependance von Bain, einer Beraterfirma, die als Costcutter berüchtigt ist. Die jüngste Bain-Studie zum deutschen Bankenmarkt folgt dem Motto „Sieben Hebel zur Kosteneinsparung“. Man würde erwarten, dass Dirk Vater, der Bankenexperte von Bain, erst einmal schimpft auf die Volks- und Raiffeisenbanken mit ihrem scheinbar viel zu teuren Filialnetz. Stattdessen sagt er: „Unsere Studien zeigen seit Jahren, dass der Genossenschaftssektor unter dem Strich gut dasteht. Vermutlich hat das damit zu tun, dass die Kunden zugleich auch Eigentümer sind. Das bringt eine höhere Loyalität mit sich – und zeigt sich letztlich in den Ergebnissen.“

Vater ist nicht allein mit dieser Einschätzung. Wenn man sich unter Bankenfachleuten umhört, findet man selbst nach langer Suche kaum einen, der schlecht über die Genossenschaftsinstitute reden würde. Im Gegenteil: Von außen mögen die Volksbanken zwar altbacken wirken mit ihren putzigen Zweigstellen, ihren beschaulichen „Was uns antreibt“-Werbespots und ihrem orange-blauen 60er-Jahre-Logo. Aber der äußere Eindruck täusche, sagen die Experten. In Wirklichkeit seien die Genossen viel effizienter aufgestellt als die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.

Trotz Dauerkrise leistet sich der Sparkassenverbund zum Beispiel noch immer sieben eigenständige, teils defizitäre Landesbanken. Dagegen verständigte sich der Genossenschaftssektor kürzlich darauf, seine ohnehin nur noch zwei Spitzeninstitute – die DZ und die WGZ Bank – nun auch noch zu verschmelzen. Dem Schritt waren mehrere vergebliche Fusionsversuche vorausgegangen. Am Ende kam die Einigung aber relativ geräuschlos zustande. Niemand stellte den Sinn infrage, niemand blockierte – und niemand quasselte. Bei den Sparkassen wäre das undenkbar.

Konsolidierung auf breiter Flur

Die Zeit, in der sich Genossenschafts- und Sparkassensektor zu gabeln anfingen, lässt sich heute genau bestimmen. In den frühen Nullerjahren beginnt bei den Landesbanken die Champagner-Ära, personifiziert durch Jürgen Sengera und Thomas Fischer, die beiden Möchtegern-Großbanker der WestLB. Anders bei den Genossen: Dort hält die Demut Einzug, nachdem eines ihrer damaligen Spitzeninstitute, die DG Bank, in den 90er-Jahren zusammengebrochen war. „Die Genossen haben damals eine Kehrtwende vollzogen, einschließlich eines gelebten Kulturwandels“, sagt Dirk Müller-Tronnier, Bankenchef bei Ernst & Young. „Wenn bei der DZ Bank zur damaligen Zeit ein internes Meeting stattfand, dann standen nicht mal Kekse und Getränke auf dem Tisch.“

Vor allem aber startet der Genossenschaftssektor damals auf breiter Flur eine Konsolidierung – ein Schritt, vor dem die Sparkassen seit Jahren zurückschrecken. Der öffentlich-rechtliche Finanzsektor ist bis heute ein undurchdringliches Gestrüpp aus nebeneinander herlaufenden oder gar miteinander konkurrierenden Teilgesellschaften. Dagegen gibt es bei den Genossen deutschlandweit nur noch eine Bausparkasse (die Schwäbisch Hall), nur noch einen Versicherer (die R+V) und nur noch eine Fondsgesellschaft (die Union Investment).

Sparkassen vs. Volksbanken: Jahresüberschuss

„Am Beispiel der Union Investment lässt sich sehr schön illustrieren, wie sich die Konsolidierung im genossenschaftlichen Bankensektor erfolgreich entwickelt“, sagt Heinz Hilgert, ehemaliger Vizechef der DZ Bank und Ex-Chefaufseher der Union. „Ursprünglich war die Union Investment ein eher unbedeutender Anbieter, der den Genossen zudem nicht einmal komplett gehörte.“ Dann habe man die fehlenden Anteile zurückgekauft – und sämtliche Asset-Management-Geschäfte im Genossenschaftssektor auf die Union konzentriert. „So entstand eine der erfolgreichsten Fondsgesellschaften überhaupt am deutschen Markt.“

Als Resultat dieser Strategie verfügt die genossenschaftliche Finanzgruppe heute über eine ausgeklügelte Architektur. Den Ortsbanken gehört die DZ Bank. Und an der wiederum hängen die Schwäbisch Hall, die R+V und die Union Investment. Bekommt eines der bundesweit 18 Millionen Mitglieder in der Filiale einen Fonds oder eine Versicherung angeboten, dann handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen Fonds der Union oder eine Versicherung der R+V. So verdient die Finanzgruppe quasi doppelt: am Produkt. Und an den Provisionen.

Natürlich gibt es auch bei den Genossen – wie bei den Sparkassen – Filz und Fehler. Bei mancher kleinen Volksbank haben seit Jahrzehnten dieselben lokalen Sippschaften das Sagen. Da haben Pfründe schon mal Vorrang vor dem Profit. Und auch wenn der Sektor von großen Schieflagen verschont bleibt, kleine finden sich durchaus. Vor ein paar Jahren verbrannte die VR Leasing mit fragwürdigen Osteuropa-Geschäften eine dreistellige Millionensumme. Selbst Dirk Dejewski und Rainer Bouss, die Banker aus Neumünster, wissen eine Misserfolgsgeschichte zu erzählen: Ende der 90er-Jahre verspekulierte sich die benachbarte Segeberger Volksbank mit fragwürdigen Kreditdeals. Die Folge: Neumünster musste Segeberg auffangen.

Trotz solcher Einzelfälle sind die Genossen ihrer öffentlich-rechtlichen Konkurrenz immer wieder voraus. Zum Beispiel bei den Ausschüttungen: Von den Gewinnen vieler Sparkassen hat sozusagen niemand etwas – außer den Sparkassen selbst. Die meisten Institute schütten ihre Überschüsse nicht aus. In Düsseldorf streiten Stadt und Sparkasse deswegen jetzt sogar vor Gericht. Die Volks- und Raiffeisenbanken dagegen beteiligen ihre Genossen – in der Regel sind die Kunden auch die Anteilseigner – an den Gewinnen. Die Rendite liegt trotz Zins- und Branchenkrise vielerorts bei mehr als fünf Prozent.