TechnologieDas sind die Pioniere der Blockchain-Revolution

Was lässt sich mit diesen Blockchains alles anstellen? Capital illustriert erste Anwendungen
Was lässt sich mit diesen Blockchains alles anstellen? Capital illustriert erste AnwendungenTim Lahan

Moritz von Bonin ist nicht gerade der Typ, den man sich unter einem Vertreter des mittleren Managements beim Staatskonzern Deutsche Bahn vorstellt. Gelernter Tischler, studierter Wirtschaftsingenieur, im Nebenberuf Inhaber einer Imkerei mit 26 Bienenvölkern, bei der Bahn nur auf einer Dreiviertelstelle beschäftigt.

Andererseits geht von Bonin auch keiner ganz gewöhnlichen Arbeit nach. „Head of Blockchain“ würde auf seiner Visitenkarte stehen, wenn er denn eine mitgebracht hätte zum Termin im Frankfurter Silberturm der Deutschen Bahn. Mit 25 Leuten setzt er Projekte um, in denen die Technik hinter der Kryptowährung Bitcoin dem Unternehmen helfen soll. „Wir machen Corporate Blockchain“, erklärt von Bonin in einem fensterlosen Raum im 27. Stock, auf dessen Konferenztisch sich Kabelgewirr türmt. Was heißt das denn, Herr von Bonin? „Wir schauen, wie wir mit Blockchain Prozesse besser und transparenter machen können.“

Mit Blockchain lässt sich jeder Austausch organisieren, der digital abbildbar ist

Die gehypte Technologie, die nach Ansicht ihrer Fans für die nächste digitale Revolution verantwortlich sein und so ziemlich jedes Geschäftsmodell ins Wanken bringen soll, sie wird hier auf recht banale Art eingesetzt: um Abläufe im Unternehmen zu beschleunigen. Seit Herbst 2016 beschäftigt sich von Bonins Team damit, 120 Einsatzmöglichkeiten hat es durchgespielt, eine Handvoll davon umgesetzt. Eine Anwendung im Energiebereich ist seit einem Jahr in Betrieb. So weit ist kaum ein Unternehmen in Deutschland – allein ist die Bahn mit ihren Versuchen jedoch nicht.

Ein E-Auto, das den Ladevorgang mit der Zapfsäule automatisch abrechnet: eine Anwendung der Kryptowährung IOTA, mit der Bosch und VW arbeiten
Ein E-Auto, das den Ladevorgang mit der Zapfsäule automatisch abrechnet: eine Anwendung der Kryptowährung IOTA, mit der Bosch und VW arbeiten

Während die Öffentlichkeit sich noch über die wahnwitzigen Kursausschläge von Bitcoin wundert und nicht recht weiß, wie das alles eigentlich funktioniert, hat sich die Technologie dahinter längst von ihrer prominentesten Anwendung emanzipiert. Denn per Blockchain kann man nicht nur den weitgehend reibungslosen Betrieb eines digitalen Geldsystems garantieren – mit ihr lässt sich im Prinzip jeder denkbare Austausch organisieren, der irgendwie digital abbildbar ist. Was auch bedeutet: Nicht nur Banken und Finanzdienstleister beschäftigen sich damit, sondern Unternehmen aller möglichen Branchen.

Überall im Land erproben IT-Abteilungen und Innovationslabors den Einsatz der Technologie, schieben Feldversuche und Pilotprojekte an. Unternehmen schließen sich zu Konsortien zusammen, um Standards zu vereinbaren und gemeinsame Anwendungen zu testen. Fachkonferenzen finden im Wochentakt statt. Selbst die Politik horcht auf: Sechsmal taucht der Begriff Blockchain im Koalitionsvertrag auf, hat der frisch gegründete Bundesverband Blockchain stolz mitgezählt.

Um die Ketten wird ganz schön viel Lärm gemacht. Wie weit aber ist die Revolution wirklich? Wo kann es noch hingehen? Und was genau lässt sich damit überhaupt anfangen? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Sicher verkettet

Einer, der mittendrin steckt und trotzdem die nötige Distanz wahren kann, ist Philipp Sandner, BWL-Professor an der Frankfurt School of Finance & Management und Leiter des dortigen Blockchain-Zentrums. „Potenzial und Verheißung sind riesig“, sagt Sandner. Aber: „Wir sind in einem frühen Test- und Experimentierstadium, es gibt viele Pläne, Ideen und Prototypen.“ Echte Anwendungen sind rar.

Dabei ist die Technik gar nicht so neu. Die erste Blockchain skizzierte 2008 der unbekannte Bitcoin-Erfinder, der sich hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto verbirgt. Er wollte eine digitale Währung schaffen – aber ohne eine zentrale Aufsicht. Dabei stand er vor dem sogenannten Double-Spend-Problem: Wie stellt man ohne Zentralverwaltung sicher, dass niemand seinen Bestand vermehrt oder mehrfach ausgibt?