Analyse Das Özil-Business

Nicht nur Bundestrainer Joachim Löw und Mesut Özil hatten über Jahre ein enges Verhältnis – sondern auch ihre Berater
Nicht nur Bundestrainer Joachim Löw und Mesut Özil hatten über Jahre ein enges Verhältnis – sondern auch ihre Berater
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Der 37-jährige Wirtschaftsjurist Erkut Sögüt gilt als enger Vertrauter des Ex-Nationalspielers – und als Mann hinter dessen knallharter Rücktritterklärung. Auch bei Özils Geschäften spielt der Anwalt aus London eine entscheidende Rolle

Für Mesut Özil war das Business hinter dem Fußball lange eine Familienangelegenheit. Am Anfang seiner Karriere ließ er seine Geschäfte zu einem großen Teil von seinem Vater Mustafa erledigen. Als er sich 2013 mit ihm überwarf, übernahm sein älterer Bruder Mutlu den Posten als Geschäftsführer der Özil Marketing GmbH, einer Firma, die sich um die Vermarktung des Arsenal-Profis kümmert – so wie es bei den großen und einkommensstarken Stars der Branche heute üblich ist.

Doch in den vergangenen Jahren entwickelte sich für Özil mit der Zeit ein anderer Vertrauter zum wichtigsten Strippenzieher: Erkut Sögüt, ein promovierter Wirtschaftsjurist mit Lizenz als Spielerberater, 1980 in Hannover geboren, Sohn türkischer Einwanderer wie sein wichtigster Klient. Titel seiner Promotion: „Die Überprüfbarkeit von Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters“.

Sögüt gilt als Mastermind hinter der dreiteiligen Erklärung, mit der Özil seine Karriere in der Nationalmannschaft am Sonntag mit einem lauten Rums beendet hat. Auch das Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, aus dem nun nahezu eine Staatsaffäre geworden ist, soll über den in London lebenden Berater eingefädelt worden sein. Wie viele Spielerberater, die Capital vor einiger Zeit für eine große Geschichte über die Branche getroffen hat , versteht Sögüt seinen Job nicht nur als den eines Agenten, der Transfers abwickelt – sondern als Rundumbetreuer. Bei seinen Spielern stehe er „24 Stunden zur Verfügung, was immer die brauchen“, sagte der Jurist vergangenes Jahr in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung . „Ich sage immer, Spieler zu beraten ist wie eine Gehirnoperation, jede Operation ist anders.“

Spielerberater mit Promotion: Erkut Sögüt (Mitte, in Schwarz) gilt als Mesut Özils wichtigster Strippenzieher
Spielerberater mit Promotion: Erkut Sögüt (Mitte, in Schwarz) gilt als Mesut Özils wichtigster Strippenzieher (Foto: dpa)
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Welche Rolle Sögüt für Özil und seine Geschäfte spielt, zeigt auch ein Blick auf die Unternehmen in Deutschland und Großbritannien, bei denen der Fußballprofi involviert ist. Laut britischem Firmenregister ist der Wirtschaftsanwalt Geschäftsführer der Sheldon Sports Group Limited, einer im März 2017 in London registrierten Sportfirma, die Özil zu 100 Prozent kontrolliert. Die Ratinger Özil Marketing GmbH des Alleingesellschafters Mesut Özil, für die Özils Bruder Mutlu und sein Cousin tätig sind, listet Sögüt als Mitarbeiter auf – unter „Rechtsanwalt und lizenzierter Spielerberater“.

Darüber hinaus fungiert der Berater neben den beiden Özil-Brüdern als Treuhänder der Ozil Charitable Foundation – einer Stiftung, die laut offiziellen Dokumenten im Finanzjahr bis März 2017 weder Einkünfte hatte noch Ausgaben tätigte. Für das Jahr davor werden Einnahmen und Ausgaben von knapp 500.000 Pfund angegeben.

Das Netzwerk des Masterminds hinter Özil ist zudem ein Beispiel für die Querverbindungen und Seilschaften, wie sie für die Fußballbranche üblich sind. Seine ersten Schritte in der Szene machte Sögüt bei dem Hannoveraner Berater Harun Arslan und dessen Unternehmen ARP Sportmanagement International, das zwischenzeitlich auch eine Firmentochter in der Türkei unterhielt. Arslans prominentester Klient, für den er seit vielen Jahren die Verträge verhandelt: Bundestrainer Joachim Löw.

Mit Löw verbindet Özil ein enges Verhältnis. Einige Jahre lang vertrauten beide bei ihrer Außendarstellung auf den gleichen PR-Agenten. Bis zuletzt hielt der Coach seinem Mittelfeldstar trotz vielfältiger Kritik an den sportlichen Leistungen in wichtigen Spielen die Treue. Durch die Affäre und Özils Attacken gegen die DFB-Spitze ist auch das Verhältnis der beiden nun einem heftigen Stresstest ausgesetzt.

Ruft man die Website der Agentur ARP auf, stößt man auf ein Video, in dem Löw in den höchsten Tönen von seinem Berater schwärmt. Etwas weiter unten findet sich neben anderen Mitarbeitern ein Foto von Sögüt, der als „Team UK“ vorgestellt wird. Trotz der Kooperation, so heißt es nun, wollen Arslan und Löw vorab nichts von dem knallharten Rundumschlag gewusst haben, der am Sonntag unter Özils Name veröffentlicht wurde. Von einem „Alleingang“ der Londoner ist die Rede.

Friends and Family: Das Business-Netzwerk von Ex-Nationalspieler Mesut Özil (Grafik: Jonas Bickelmann)
Friends and Family: Das Business-Netzwerk von Ex-Nationalspieler Mesut Özil (Grafik: Jonas Bickelmann)

Und noch ein prominenter Name taucht im Netzwerk von Sögüt und Arslan auf. Ilhan Gündogan, der Onkel und langjährige Berater von Nationalspieler Ilkay Gündogan, der bei dem PR-Termin mit Erdogan im Mai ebenfalls anwesend war, wird auf der Website von ARP Sportmanagement als Mitarbeiter „Team Germany“ geführt.

Zugleich ist Ilhan Gündogan auch Geschäftspartner des Özil-Vertrauten Sögüt. Beide gründeten Anfang 2017 die Londoner Vermarktungsfirma Equipe Sports Group Ltd., an der sie als Geschäftsführer je 50 Prozent der Anteile halten. Fußballprofi Gündogan selbst ist seit seinem Wechsel zu Manchester City im Sommer 2016 Eigentümer und Geschäftsführer einer Londoner Firma namens Day Rising Limited.

Über eine andere angebliche Sögüt-Firma lassen sich dagegen keinerlei Informationen finden. In vielen Berichten über die Erdogan-Özil-Affäre ist die Rede von einer Beratungsagentur namens Family & Football, zu deren Klienten unter anderem Özil, Gündogan sowie Özils Arsenal-Kollege Shkodran Mustafi zählten. Doch weder im britischen Firmenregister noch im deutschen Handelsregister ist eine solche Firma angemeldet. Auch eine Website von Family & Football sucht man vergebens.

Im Fußballportal Goal.com meldete sich Özils Agent Sögüt am Montag zu Wort , um die scharfe Kritik von FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß an den sportlichen Leistungen seines Klienten genau so scharf zurückzuweisen. Zu seiner eigenen Rolle in der ganzen Angelegenheit sagte Sögüt bis heute nichts.

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