FinanzevolutionSind Technologiekonzerne eine Bedrohung für Banken?

Die großen Tech-Konzerne Google, Apple, Facebook und Amazon
Die großen Tech-Konzerne Google, Apple, Facebook und AmazonGetty Images

Wir Menschen verleihen Gegenständen und Sachverhalten Bedeutung, indem wir sie mit Geschichten aufladen. Das liegt daran, dass unser Gehirn Geschichten nicht nur mag, sondern braucht. Neurobiologen sagen, dass unser Gehirn Informationen nicht als Fakten in Nullen und Einsen speichert, sondern als neuronale Reize in Bildern und Geschichten.

Es gibt Geschichten, die werden mit einer Theorie fundiert und können belegt werden. Das nennt man Wissenschaft. Es gibt aber in der Realität viele Narrative, von denen bestimmte Gruppen glauben, dass sie so eintreten müssen als sei ihr Ergebnis unausweichlich. Eine dieser unausweichlichen Geschichten ist die Erzählung von der Bedrohung des klassischen Finanzsektors durch fünf große US-Unternehmen: Google, Amazon, Facebook, Apple und PayPal zusammen GAFAP genannt. Sie sollen mit ihrer Innovationskraft die Existenzberechtigung der etablierten Geldinstitute in Frage stellen.

Mit Fakten lässt sich an dieser Geschichte bisher nur belegen, dass diese Unternehmen mittlerweile mit verschiedenen Services aktiv im Finanzsektor sind. Der Blogger und Banker Tobias Baumgarten hat eine Infografik mit den Finanzdienstleistungsaktivitäten der GAFAPs erstellt. Diese Aktivitäten umfassten ursprünglich nur die Abwicklung von Zahlungen, schrittweise wird aber das Spektrum erweitert.

Ob diese Aktivitäten die Existenzberechtigung der Geldinstitute in Frage stellen, ist eine schwer belegbare Bewertung. Wer Kampfrhetorik mag, der kann die “Bedrohung” von Marktteilnehmern durch neue Anbieter in jede marktwirtschaftliche Aktivität hineindeuten. Allerdings weiß heute kaum jemand, ob die in der Tabelle zusammengestellten Aktivitäten für die fünf US-Unternehmen isoliert betrachtet attraktiv sind. Für Google, Amazon, Facebook und Apple dürften sich Finanzdienstleistungen bisher kaum finanziell lohnen. Sie sind eher ergänzende Dienstleistungen, um Kunden in den eigenen Ökosystemen zu halten.

Einzig das als reiner Finanzdienstleister aufgestellte PayPal verdient ausgezeichnet an seinen Zahlungsdienstleistungen. Dies wird unterstrichen durch den Börsenwert von PayPal, der etwa dreimal so hoch wie der Marktwert der Deutschen Bank ist. Das ursprünglich als Online-Bezahldienst gestartete PayPal erweitert ständig seinen Leistungsumfang. So unterliegen mittlerweile Guthaben dort der Einlagensicherung. Eine Debitkarte, so berichtet das Wall Street Journal, könne dazu verwendet werden, Bargeld an Automaten abzuheben und Einzahlungen zu erhalten, z.B. durch die Möglichkeit, einen Papierscheck per Foto einzuzahlen oder durch Lohnüberweisungen des Arbeitgebers.

Besonders interessiert schaut die Finanzbranche auf Amazon. Das als Onlinebuchhandel gestartete US-Unternehmen hat sich längst zum Technologiekonzern entwickelt und drängt ebenfalls immer stärker in die Finanzdienstleistungswelt. Schon seit Jahren kann man von dem Unternehmen eine Kreditkarte erhalten, es hat mit AmazonPay einen eigenen Zahlungsdienst und vergibt Kredite an kleine Firmen. Das US-Unternehmen aus Seattle soll außerdem Gespräche mit den US-Banken JP Morgan Chase und Capital One führen, um ein Konto für jüngere Nutzer zu entwickeln, die bisher keine eigene Kreditkarte haben. Ungewiss ist, ob es ein solches Modell auch nach Deutschland schafft. Ausgeschlossen ist das nicht, denn ein günstiges Girokonto-Modell würde in die Amazon-Prime-Strategie passen, mit der man mit Zusatzleistungen Kunden an das eigene Ökosystem binden will. Fachleute erwarten außerdem, dass Amazon seinen Sprachassistenten Alexa künftig dazu nutzen könnte, Zahlungen an andere Personen per Sprachbefehl zu leiten.

Bisher rundet Amazon mit Finanz- und Versicherungsdienstleistungen nur die Kerndienstleistungen im eigenen Ökosystem ab. Ob daraus ein “Frontalangriff” wird, wie sich das manche zu wünschen scheinen, ist offen. Ich halte dies für eher unwahrscheinlich, denn Amazon versucht derzeit über seine Tochter Amazon Web Services (AWS) dem Finanzsektor seine Cloudservices (siehe dazu diese Informationsseite von AWS) schmackhaft zu machen. AWS hat sich in den letzten Jahren zum wichtigsten Geschäftszweig von Amazon entwickelt. Unwahrscheinlich, dass man sich dieses Geschäft durch den aggressiven Ausbau eigener Finanzdienstleistungen kaputt machen möchte.

Noch zu selten werden dagegen in Deutschland die Geschichten der BATs erzählt. Hinter diesem Akronym verbergen sich keine Fledermäuse, sondern die asiatischen Technologiekonzerne Baidu, Ant Financial und Tencent Technology. Diese drei Unternehmen haben sich in China zu bedeutenden Mitspielern am Markt für Finanzdienstleistungen entwickelt. Sie erweitern beharrlich ihren Radar, der längst nicht nur China erfasst, und kooperieren mit internationalen Unternehmen und akquirieren Beteiligungen. Das machen sie nach eigenen Angaben nur, um ihren chinesischen Kunden weltweit den gleichen Service wie in der Heimat zu bieten. Man kann das glauben, muss es aber nicht. Die Beteiligung von Tencent Technologie zusammen mit der Allianz Versicherung am deutschen Vorzeige Fintech N26 dient sicher nicht nur der eigenen Kundschaft, die mal für einen Besuch in Deutschland vorübergehend ein Konto benötigen. Und auch Robert Kapito, Präsident des Finanzriesen Blackrock, warnt vor chinesischen “Fintech-Attacken auf etablierte Finanzdienstleister” (Handelsblatt).

Ralf Keuper wies in seinem Fachblog Bankstil darauf hin, dass Alibaba bereits mit Alipay in Europa vertreten sei, wobei das Angebot bisher tatsächlich nur für Heimatkunden nutzbar ist. Tencent Technologies bietet innerhalb des Messenger Dienstes WeChat neben einer intensiv genutzten Mobile Payment Lösung viele weiterer Finanzservices. WeChat soll allein 520 Millionen Nutzer haben. Hier werde spekuliert, so Keuper, ob und wann WeChat in Deutschland aufschlägt. Baidu, das chinesische Pendant zu Google habe vor einigen Monaten zusammen mit der China Citi Bank die AIBank gegründet. Keuper erwartet, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis Baidu in Europa tätig werde.

Das mittlerweile größte Fintech-Unternehmen der Welt aber heißt Ant Financial und ist eine Auskopplung aus dem chinesischen Online-Handelsriesen Alibaba. Das Unternehmen soll nach Medienberichten eine Finanzierungsrunde über neun Milliarden Dollar vorbereiten, die den Unternehmenswert auf etwa 150 Milliarden US-Dollar hochschrauben würde. Allein die ausgereichten Konsumentenkredite sollen nach Informationen der Fachwebseite PaymentsSource 95 Milliarden US-Dollar betragen, bei einer aktuellen Wachstumsrate, die laut Berechnungen der Datenspezialialisten von Barkow Consult 75% pro Jahr beträgt. Auf die weltweiten Investitionsaktivitäten der asiatischen Finanzameise hatte ich im vergangenen und vorvergangenen Jahr hingewiesen. Im Januar scheiterte allerdings die Übernahmen des US Unternehmens Moneygram. Moneygram gehört gemeinsam mit Western Union zu den größten Unternehmen, die international Zahlungen insbesondere von Migranten in andere Länder durchführen (Fachleute sprechen hier von remittance payments). Der US-Ausschuss für Auslandsinvestitionen (CFIUS) hatte Bedenken angemeldet.

Wer übrigens glaubt, die Finanzameise belässt es beim reinen Geschäft mit Endkunden, der sollte sich diese Meldung der South China Morning Post. anschauen Danach begibt ein Tochterunternehmen von Ant Financial erstmals ein mit Händlerkrediten unterlegtes Wertpapier (in Fachkreisen als Asset Backed Securities bezeichnet). Diese Händlerkredite erhalten kleine und mittelständische Unternehmen zur Vorfinanzierung ihrer Leistungen für große Unternehmen über die B2B-ECommerce-Plattformen wie Alibaba Group Holding’s Tmall and Taobao Marketplace. Das könnte man schon fast als Einstieg in das Investmentbanking bezeichnen.

Wenn ich zum Einstieg geschrieben habe, wir Menschen verleihen Gegenständen und Sachverhalten Bedeutung durch Geschichten, dann wird an den Beispielen deutlich, dass wir bei den Aktivitäten der Technologiekonzerne nicht von Märchen sprechen. Allerdings folgt daraus keineswegs zwingend eine Bedrohung.