KolumneDas kommende China Desaster

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Daimler, VW und BMW überbieten sich gegenwärtig mit Milliardenprojekten in China. Alle bauen neue Fabriken für eine neue Generation von Elektroautos. Aber auch die chinesischen Hersteller rasten und ruhen nicht auf diesem Feld. Sie sind den deutschen Premiumherstellern sogar eine Nase voraus. Ausgelöst hat diesen Investitionsboom die Regierung in Beijing, die ganz auf Elektromobilität setzt, um ihr wachsendes Umweltproblem in den großen Städten in den Griff zu bekommen. Wir erleben ein klassisches Beispiel für staatliche Industriepolitik: Die Führer der KP Chinas wollen eine Wende auf dem Automarkt erzwingen. Die Frage ist nur, ob der chinesische Konsument auch mitmacht.

Viele chinesische Experten erwarten nach 2020 ein Überangebot an Elektroautos in China, dem keine ausreichende Nachfrage entspricht. Die deutschen Hersteller und ihre Konkurrenten sind dabei, wenn nicht alle Anzeichen täuschen, ziemlich große Überkapazitäten aufzubauen. Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder exportieren sie ihre Elektroautos aus China in die übrige Welt – oder sie liefern sich selbst einem ruinösen Kampf um Marktanteile im Reich der Mitte aus. Wahrscheinlich dürfte beides gleichzeitig passieren. Aber einige Wettbewerber werden dabei auf der Strecke bleiben. Ihnen droht ein großes China-Desaster.

Auch Chinesen sind skeptische gegenüber E-Autos

In der chinesischen Wirtschaft gibt es ein großes Paradoxon: Die KP Chinas steuert immer noch sehr stark die gesamte Angebotsseite der Volkswirtschaft. Aber die chinesischen Konsumenten lassen sich nicht mehr so leicht manipulieren. In nur zwei Generationen hat sich im Reich der Mitte so etwas wie eine aufgeklärte und selbstbewusste Gemeinschaft von jungen Verbrauchern gebildet, mit der man rechnen muss. Und viele von diesen Konsumenten sind ähnlich skeptisch gegenüber Elektroautos wie die Deutschen.

Die Fragen, die chinesische Autokäufer stellen, unterscheiden sich im Detail von denen in Deutschland. In China geht es weniger um die beschränkte Reichweite von Elektrofahrzeugen, die in Deutschland immer noch das Hauptargument gegen sie ist. Die chinesischen Fahrer bewegen sich meist ohnehin nur in den städtischen Ballungsräumen. Es geht ihnen vielmehr um den hohen Preis von Elektroautos und um die Infrastruktur: Wo sollen in den großen Hochhaussiedlungen all die Ladestationen Platz finden, an die man abends sein Auto anschließt? Wahrscheinlich braucht man neue, innovative Lösungen für dieses Problem. Aber bisher fehlen sie. Und deshalb lahmt die Nachfrage nach Elektroautos in China.

Letztlich hoffen die vielen ausländischen Hersteller in China deshalb auf genau das, was sie in Europa so heftig bekämpfen: Staatliche Zwangsmaßnahmen wie Fahrverbote für Benzin- und Dieselwagen in den großen Innenstädten. Dann bleibt den Verbrauchern keine Wahl – und den Herstellern vielleicht doch ein Desaster erspart.