PandemieDas große Rennen um den Corona-Impfstoff

Eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff der Firma Curevac
Eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff der Firma Curevac imago images / ULMER Pressebildagentur

Ein Altbau im Herzen von München, Sierk Poettings Homeoffice. Wie Millionen andere hängt der Finanzchef von Biontech seit Monaten zu Hause fest. Sein Arbeitgeber sitzt eigentlich in Mainz, und früher wäre der Manager ohnehin zwischen China, den USA und Deutschland hin- und hergejettet, hätte über Verträge und Investitionen verhandelt.

Seit dem Lockdown aber koordiniert er die Weltrettung per Videokonferenz, von morgens sechs bis abends 23 Uhr. In Asien fängt sein Tag an, in den USA hört er auf. „Es funktioniert faszinierend gut“, sagt Poetting. Einer seiner Homeoffice-Coups bisher: ein Deal mit Singapurs Staatsfonds Temasek Ende Juni; 250 Mio. US-Dollar frisches Kapital für die Entwicklung eines Impfstoffs, der vor Corona schützen soll.

Um die Forschung weiter voranzutreiben hat Biontech zuletzt auch seine eigenen Mittel ausgebaut. Mit der Platzierung von US-Hinterlegungsscheinen (ADS) sammelte das Unternehmen Ende Juli rund 512 Mio. US-Dollar an der Börse ein.

Das Mainzer Biotechunternehmen gehört zu den großen Hoffnungen beim Kampf gegen Corona. Mit als die Ersten weltweit stürzten sich die Forscher in das wohl dramatischste Rennen der Geschichte. Ein Wettlauf auf Leben und Tod, an dem die ganze Welt teilnimmt.

Seit Jahresanfang haben sich weltweit mehr als 17 Millionen Menschen mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert, mehr als 600.000 sind daran gestorben, so die Zahlen der WHO Ende Juli. In einigen Ländern schnellen die Infektionszahlen gerade erst in die Höhe, in den USA, China und Europa zeichnen sich neue Wellen ab. Es braucht eine Impfung, um das Virus zu stoppen – und die Suche danach läuft rund um die Uhr. Tausende Forscher arbeiten in Laboren, Instituten, Unternehmen und Kliniken daran.

Nie zuvor ist so viel Geld und Arbeit in ein einziges Projekt gesteckt worden. Ein Wettkampf, den manche schon mit der Landung auf dem Mond vergleichen. Der eigentliche Gegner dabei ist das Virus, dazu aber tobt die Auseinandersetzung zwischen den USA, China und Europa. Jeder will der Erste sein, um die eigene Bevölkerung am besten und schnellsten impfen zu können.

Mainzer Biotechunternehmen gehört zu den großen Hoffnungen beim Kampf gegen Corona
Das Mainzer Biotechunternehmen gehört zu den großen Hoffnungen beim Kampf gegen Corona

In zwölf bis 18 Monaten, so versichern die meisten Experten, könnte es eine Impfung geben. Was in der Regel 15 bis 20 Jahre braucht, soll nun übermorgen einsatzfähig sein. Im Blitztempo starten klinische Studien. Noch bevor klar ist, ob ein Impfstoff wirkt, ziehen Länder Fabriken hoch, die ihn millionenfach herstellen sollen. Logistikketten werden aufgebaut, damit am Tag X die Verteilung funktioniert. Denn eines ist klar: Schnell einen Impfstoff zu entwickeln ist eine Herkulesaufgabe. Aber wenn sie gelöst ist, wartet auch schon die zweite: den Impfstoff tatsächlich zu produzieren. Und zwar für acht Milliarden Menschen.

Schnell und schneller

„Lichtgeschwindigkeit“ hat Biontech sein Projekt passenderweise genannt. Schon Mitte Januar, wenige Tage nachdem China den Gencode des Virus veröffentlicht hatte, trommelte Firmengründer Ugur Sahin Vorstand und Aufsichtsrat zusammen. Deutschland lebte da noch im alten Normal, die Wirtschaft lief. Doch Sahin, Doktor und Professor der Medizin, war alarmiert: „Wir müssen uns um diese Krise kümmern. Das ist eine Menschheitsaufgabe.“

„Wir waren alle schnell dafür, es anzugehen“, sagt heute Sierk Poet­ting, „auch wenn das sämtliche Planungen durcheinanderwirbelte.“ Der frühere McKinsey-Mann tat, was sein Job ist: Finanzmittel eintreiben, Partner ins Boot holen. Sobald klar war, dass Pfizer (USA) und Fosun Pharma (China) sich mit Millioneninvestitionen an der Entwicklung beteiligen würden, machten sie Reinräume frei, deckten sich mit Zutaten ein: Nukleotide, Basen, Lipide, was man so braucht für einen Impfstoff. Sie wussten, dass sie bald nicht mehr die einzigen Nachfrager sein würden.

Knapp sechs Monate später stecken laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 132 Corona-Impfstoffkandidaten in präklinischen Versuchen – frühe Phasen, in denen an Tieren getestet wird. Aber 23 Unternehmen weltweit testen Ende Juli ihre Impfstoffe auch schon an Menschen – fünf davon sogar in groß angelegten Studien, meldet die WHO, die in ihrer „Covid Landscape“ alle Kandidaten registriert. Ein kunterbuntes Trüppchen.

Im Rennen tummeln sich Weltkonzerne wie Johnson & Johnson oder Pfizer aus den USA, aber auch Milliarden-Start-ups wie Biontech oder Curevac aus Deutschland, die an innovativen Methoden arbeiten, aber noch kein Produkt am Markt haben. China ist mit zahlreichen weithin unbekannten Biotechunternehmen dabei. Auffällig viele Konsortien stehen auf der Liste, oft Verbunde aus Unternehmen und Forschungsinstituten.

Zweimal pro Woche aktualisiert die WHO die stetig wachsende Kandidatenliste. Doch allzu großen Optimismus bremst die Statistik. Bevor nämlich ein Impfstoff eingesetzt werden kann, muss er vier Hürden nehmen. Zunächst wird er in Tierversuchen getestet. Dann folgen die sogenannten klinischen Studien an Menschen, bei denen in drei Phasen die Verträglichkeit (Phase 1), Wirksamkeit (Phase 2) und der Impfschutz unter realen Bedingungen (Phase 3) untersucht werden.

Allerdings schaffen bei der Entwicklung einer Impfung nur sieben Prozent aller Impfstoffe überhaupt den Sprung vom Tierversuch zur klinischen Erprobung. Davon machen das Rennen am Ende vielleicht 15 bis 20 Prozent – die anderen bleiben auf der Strecke, weil es Nebenwirkungen gibt oder der Stoff nicht wirkt. Und diese Quote dürfte bei Sars-CoV-2 sogar noch schlechter aussehen, weil die Entwicklung so dramatisch beschleunigt ist.

Den Großteil der Hürden in der Impfstoffentwicklung hat Biontech bereits genommen. In der letzten Juliwoche startete das Unternehmen mit einer globalen „Phase II/III-Studie“ mit 30.000 Testpersonen weltweit. Erst wenige Tage zuvor hatte Biontech bei einem Test an 60 Personen positive Ergebnisse erzielt. Sein Impfstoffkandidat BNT162b1 habe schon bei einer niedrigen Dosierung Antikörper- und T-Zell-Antworten angeregt. Ist die aktuelle Studie erfolgreich planen Biontech und Pfizer, im Oktober das Zulassungsverfahren zu beantragen.

Ein weiterer Kandidat für eine Zulassung ist derzeit ein Duo aus dem schwedisch-britischen Pharmaunternehmen Astra Zeneca und Forschern der Universität Oxford. Sie stecken bereits in Phase 3 der klinischen Tests, die als Feuerprobe gilt: Zehntausende Menschen werden in einem Corona-Hotspot geimpft, um zu sehen, wie gut der entwickelte Stoff gegen das Virus schützt. Im Fall von AstraZeneca sollen die Großversuche im August in den USA starten. Die Impfung basiert hier auf der sogenannten „Vektor“-Technik: Dabei wird ein anderes, harmloseres Virus mit Erbgut des Coronavirus versetzt. Als Träger des Erbguts (Vektor) dient den Briten ein Erkältungsvirus von Schimpansen, beladen mit dem Genmaterial des Coronavirus. Erste Tests von mehr als 1000 Freiwilligen Mitte Juli hatte bereits gezeigt, dass der Wirkstoff AZD1222 eine Antwort des Immunsystems hervorrufe und keine Nebenwirkungen zeige, teilte der Astra Zeneca.

Es gibt noch andere Techniken, auf denen Impfungen basieren: Proteine, RNA, DNA, inaktiviert oder lebend. Was nach einer verwirrenden Bandbreite von Methoden klingt, reduziert sich aber im Wesentlichen auf vier bekannte Impfstrategien. Erstens: Man spritzt abgetötete oder abgeschwächte Sars-CoV-2-Viren. Zweitens: Man spritzt – wie AstraZeneca – ein anderes Virus, versetzt mit Sars-CoV-2-Erbgut. Drittens: Man bringt nur den Bauplan des Erreger-Erbguts in den Menschen ein – etwa bei den sogenannten mRNA-Impfstoffen. Viertens: Man verabreicht bei der Impfung nur Bruchstücke der Virenhülle oder einzelne Virenproteine.