ReportageDas Geschäft mit dem Tod

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Der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz schlägt QR-Codes in Grabsteine
Der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz schlägt QR-Codes in Grabsteine
© epd

Das digitale Grab

Als der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkreuz 2012 über den Kölner Friedhof Melaten spazierte, stellte er fest, dass immer weniger Besucher kommen. Auch gab es immer weniger neue Gräber. Der Friedhof war mal auf Jahre „ausgebucht“, sagt Rosenkranz. Keine Chance, dort einen Platz zu bekommen. Rosenkranz erinnert sich an eine Anzeige in der Zeitung: „Suche Wohnung, biete Grabstelle auf Melaten.“ „So war dat mal“, sagt er. Nicht nur sein Zungenschlag erinnert an BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, auch der Spitzbart und das Barett. Heute aber, sagt er, werde der Friedhof ständig verkleinert. Wegen der günstigeren Feuerbestattungen.

Bei seinem Spaziergang kam ihm die Idee zum Onlinefriedhof. In Schweden und Japan gab es das bereits. Warum also nicht in Deutschland? Grabsteine und -platten werden immer kleiner. Besonders an den Urnengräbern. Meist stehen nur noch Name, Geburts- und Sterbedatum auf ihnen. Alles andere ist zu teuer. Ein Buchstabe kostet 12 Euro, zu viel, finden manche. Rosenkranz entwarf in seinem Atelier den ersten Grabstein mit QR-Code. Er fräste den Code in Form eines Kreuzes in den Stein. Als er sein Werk begutachtete, dachte er: „Das ist entweder total geil oder total daneben.“

Nicht mehr an Konventionen gebunden

Wer den Code mit seinem Smartphone einscannt, kommt auf eine Website, die Rosenkranz pflegt. Dort können Informationen zu den Toten stehen, Bilder oder ein Kondolenzbuch. Trauer 2.0.

„Die neue Trauerkultur ist nicht mehr gebunden an Konventionen“, sagt Rosenkranz. Seine Kunden sahen das ähnlich, die Stadt Köln allerdings nicht. Sie wollte die QR-Codes von den Friedhöfen verbannen. Doch 2013 gab der Deutsche Städtetag eine Handlungsempfehlung zum Umgang mit QR-Codes auf Friedhöfen ab – und damit grünes Licht für Rosenkranz’ Idee. Seitdem hat er mehrere Dutzend Grabsteine mit QR-Codes im gesamten Bundesgebiet ausgeliefert. „Meist sind die Verstorbenen junge Leute“, sagt der Steinmetz. Aber auch ein 75-Jähriger hat auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg einen Grabstein mit Barcode.

Das selbstpflegende Grab gibt es auch mit Kamera
Das selbstpflegende Grab gibt es auch mit Kamera
© Ériver Hijano

Asche für den 3D-Drucker

Es ist nicht die einzige erstaunliche Neuerung der Branche. Start-ups haben mittlerweile ganze Internetfriedhöfe entwickelt. Virtuelle Orte zum Abschiednehmen. Imaginäre Kerzen können entzündet, Pixelblumen ans Grab gelegt werden. Die Berliner Firma Columba wiederum ist ein „digitaler Nachlassdienst“ und stöbert Spuren Verstorbener im Netz auf. Kostenpflichtige Konten werden gelöscht, Guthaben gesichert. Zu buchen ist das Onlineschutzpaket über den Bestatter.

Oder das selbstpflegende Grab „Ewig nah“. 2014 war es die Sensation auf der Bestattermesse Befa. Es verbindet reale und virtuelle Welt. Das Grab hat Wassertank, Pumpe und Sensoren. Ist der Tank leer, wird eine SMS verschickt. Die Luxusvariante ist ausgestattet mit einer solarbetriebenen Kamera, die das Grab filmt. Ein Friedhofsbesuch per Mausklick.

An Absurdität kaum zu überbieten aber ist die Erfindung eines chinesischen Designers. Er hat eine Methode entwickelt, die die Asche eines Verstorbenen in Material für einen 3D-Drucker verwandeln kann. Zu Lebzeiten eingescannt, kann so aus dem Toten eine originalgetreue Figur gedruckt werden.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 10/2016 unter dem Titel „HImmelfahrtskommando“ erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.