ReportageDas Geschäft mit dem Tod

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In Münnerstadt gibt es den einzigen Lehrfriedhof Europas
In Münnerstadt gibt es den einzigen Lehrfriedhof Europas
© Ériver Hijano

Die Meisterschule

Im fränkischen Münnerstadt betreibt der Verband ein Bundesausbildungszentrum mit einem Lehrfriedhof. Die Institution ist weltweit einmalig. Seit 2003 gibt es den Ausbildungsberuf Bestattungsfachkraft, seit 2010 den Bestattermeister. Das Zentrum bietet zudem Kurse zum zertifizierten Bestatter an. Auf die Billigkonkurrenz ist hier niemand gut zu sprechen. „Sind das überhaupt Bestatter?“, fragt Oliver Wirthmann, der Theologe, der auch einer der 70 Dozenten ist. Die „Marktteilnehmer“ könnten nur eines: „Entsorgen!“ Ein Bestatter sei aber nicht nur für die Toten da, sondern auch für die Hinterbliebenen. Er helfe beim Umgang mit der Trauer, beim Abschiednehmen, dabei, dem Verstorbenen ein Andenken zu setzen – oder dessen Wünsche, die er vor seinem Tode geäußert hat, umzusetzen. Hinzu komme die Bürokratie, die mit dem Tod einhergehe. „Die Beisetzung ist nur der kleinste Teil unserer Aufgabe“, sagt Wirthmann.

„Wie soll das gehen?“, empört sich ein Meisterschüler über die Preise aus dem Internet. Er habe es schon häufiger erlebt, dass Kunden zur Beratung ein Angebot aus dem Netz mitgebracht hätten – und diesen Preis einforderten. Dabei unterscheiden sich bereits die Kosten der Kommunen für einen Grabplatz drastisch, selbst das Ausstellen des Totenscheins kann zwischen 34 und 180 Euro variieren. Traueranzeigen unterscheiden sich im Preis, Zeremonien im Aufwand. Wirthmann warnt: „Die Angebote im Netz sind voller versteckter Kosten.“ Und: „Viele der Internetportale sind nur Vermittler, die Provisionen zwischen 12,5 und 20 Prozent kassieren.“ Geld, das zulasten der Leistung gehe.

In einer modernen Pathologie lernen die Bestatter Leichen zu rekonstruieren
In einer modernen Pathologie lernen die Bestatter Leichen zu rekonstruieren
© Ériver Hijano

Pathologie zum Üben

Hinter der Tür mit der Aufschrift „Hygiene“ verbirgt sich eine Pathologie, in der an vier Tischen aus Edelstahl die Bestatter Leichen herrichten. Sie haben Anatomieunterricht, lernen Naht- und Konservierungstechniken. Bei der Fortbildung zum Thanatopraktiker werden Unfallopfer rekonstruiert, Brandverletzungen kaschiert. An Dummys wird geübt, an künstlichen Gesichtern. Aber auch an echten Leichen.

In einem anderen Raum geht es um Materialkunde. Dutzende Särge und Urnen stapeln sich in Regalen. In einer Lehrkapelle wird Blumenschmuck arrangiert. Die Azubis üben das Halten von Trauerreden, das Herrichten und Auskleiden von Särgen. Und auf dem Friedhof lernen sie, Gräber auszuheben.

Der Theologe Oliver Wirthmann, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutscher Bestatter und Dozent in Münnerstadt
Der Theologe Oliver Wirthmann, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutscher Bestatter und Dozent in Münnerstadt
© Ériver Hijano

Unter den Dozenten am Ausbildungszentrum sind Psychologen, Theologen und Juristen. Es geht um Ethik, Würde und Kultur, aber auch um kaufmännisches Wissen und rechtliche Vorschriften. All das gehört zum Beruf des Bestatters.

Die Form des Trauerns ändert sich. „Der Kulturwandel in unserer Branche geht immer einher mit dem Wandel der Gesellschaft“, sagt Wirthmann. Und deshalb beschäftigt man sich auch mit der Digitalisierung.