ReportageDas Geschäft mit dem Tod

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Hartmut Woite ist der
Hartmut Woite ist der „Aldi“ unter den Bestattern
© Ériver Hijano

Der „Aldi“ unter den Bestattern

Hartmut Woite, ein hagerer Mann im dunklen Anzug und mit akkurat gebundener Krawatte, war der erste deutsche Bestatter, der Leichen nach Tschechien zur Kremierung brachte. Mehrmals in der Woche fahren seine Sprinter mit vier Särgen über die Grenze. Er selbst nennt sich „den Aldi der Bestatter“.

Tief gebeugt sitzt der 73-Jährige über einem iPad vor einem Regal mit einem knappen Dutzend Urnen in einer seiner vier Filialen, gleich gegenüber den DRK-Kliniken in Berlin-Westend. Premiumlage für Bestatter. Über dem Eingang prangt ein großes Schild: „Sarg-Discount“. Und etwas kleiner: „Der innovative Bestatter“.

Woite ist ein Typ mit preußischem Einschlag. Er redet nicht viel, aber pointiert. Vom Begriff „Billigbestatter“ fühlt er sich geehrt. Er verkauft sich als Helfer der Armen, denen die Bestatter den letzten Cent abknöpfen wollen: „In keiner Branche ist es so einfach, etwas so teuer zu verkaufen wie bei uns. Die Menschen sind in einer Ausnahmesituation, und das wird ausgenutzt.“

Das Geld wird im Osten gemacht

Von Mauscheleien spricht er, von Abzocke. Im Stechschritt geht er zu seinen ausgestellten Särgen und nimmt einen Sarggriff. „Hier“, sagt er, „wird gerne verkauft. Kostet ein paar Hundert Euro. Braucht man aber nicht. Man kann den Sarg auch ohne Griffe tragen.“ Er fasst in eine Nut, hebt den Sarg an. „Seh’n Se?“ Die Griffe, die nicht kremiert werden dürften, würden mehrfach verkauft, behauptet Woite. Auch wenn das nicht erlaubt sei. Mit der Innung liegt er wegen solcher Aussagen im Streit. Sie hat ihn ausgeschlossen.

Die Idee zum Sargdiscount kam ihm bereits Anfang der 80er-Jahre. In Dahlem, einem Berliner Nobelstadtteil, sah er, wie Rolls-Royces bei Aldi vorfuhren und die Besitzer dort Champagner kauften. „Da war mir klar: Jeder versucht zu sparen“, sagt Woite. Also nannte er sein Institut in Berolina Sargdiscount um und setzte auf Masse und Kampfpreise.

Vor der Wende kaufte er seine Särge in der DDR. „Gleiche Qualität und 80 bis 90 Mark billiger“, sagt er. Und er ließ in Ostberlin kremieren. Für 100 D-Mark. Im Westen hätte es das Vierfache gekostet. „Abends wurde der Sarg abgeholt, am nächsten Morgen hatte ich die Urne.“ Dann kam die Wende. „Das Geld wird im Osten gemacht“, sagt er. Er suchte Partner in Polen, Bulgarien und der Ukraine. Gefiel ihm alles nicht. Bis er in Tschechien fündig wurde. „Qualität, Preis – alles passt.“

Rein, raus, fertig

Wie viele Bestattungen Woite durchführt, will er nicht sagen. Er lächelt: „Betriebsgeheimnis.“ Aber allein 1 500 bis 2000 Aufträge bekäme er im Jahr von der Stadt. Er hat die Ausschreibung vom Ordnungsamt gewonnen, das für die Sterbefälle ohne zahlungspflichtige Angehörige verantwortlich ist. Die Hälfte seiner sonstigen Aufträge kämen mittlerweile über das Internet. „Rein, raus, fertig“, sagt Woite. Mehr wollen die Leute nicht. Grenzen kennt aber auch er. Wenn Anrufer fragen, ob er nicht einfach eine blaue Tüte habe, dann schnaubt er zurück: „Wir sind nicht die Straßenreinigung.“

Wer im Netz nach „Billigbestatter“ sucht, erhält Hunderte Treffer. Woite verspricht, jedes Angebot um 30 Euro zu unterbieten. Der Preiskampf ist in vollem Gange. Das liegt auch daran, dass Bestatter kein geschützter Beruf ist. Jeder kann ein Institut eröffnen. Sehr zum Missfallen des Bundesverbands Deutscher Bestatter, quasi den Vertretern des altehrwürdigen Berufs.