Interview„Das europäische Zeitalter ist definitiv zu Ende“

Symbolbild: EU-Flagge
Symbolbild: EU-FlaggePixabay

Professor Reinhard, Europas Position in der Welt ist heute unsicherer denn je. Viele sprechen vom asiatischen Jahrhundert. Und in Europa fürchtet man Abstieg und Bedeutungsverlust. Warum hat Europa überhaupt so lange, so stark das Weltgeschehen dominiert?

Zunächst, im Mittelalter, hatte Europa eine Reihe weltgeschichtlicher Wettbewerbsvorteile, die sich zusätzlich durch ihre Häufung ausgewirkt haben: Eine maritime geographische Orientierung. Eine expansive Dynamik einer Vielzahl rivalisierender politischer Herrschaften: Adel, Fürsten, Städte. Autonome Städte – Städte als kapitalbildende Wirtschaftssubjekte gab es vielerorts, autonome aber nur in Europa. Eine kreative Spannung „Staat“–„Kirche“ – die gab es nur in Europa. Ein missionarischer Impuls des Christentums. Eine seit den alten Griechen kulturell institutionalisierte Neugier. Ein gewohnheitsmäßiger Umgang mit fremden Sprachen und Kulturen: Hebräisch, Griechisch, Latein mit Juden, Griechen, Römern. Die Folge war die Eroberung und Besiedelung Amerikas infolge der damaligen maritimen, militärischen und kulturellen Übermacht Europas im 16. Jahrhundert. Zu Land spielten sich entsprechende Vorgänge im russischen Asien ab.

Wie sah es hingegen damals in Asien aus?

Im übrigen Asien gab es zwar eine partielle Übermacht der Portugiesen, Niederländer, Engländer, Franzosen zur See, die in Verbindung mit dem Silber spanisch Amerikas den ersten Welthandel mit wertvollen Gütern – Gewürze, Textilien, Tee –  hervorgebracht hat. Politisch gaben aber bis ins 18. Jahrhundert nach wie vor die asiatischen Imperien – Japan, China, Indien – den Ton an. Von europäischer Übermacht konnte hier nicht entfernt die Rede sein.

Wann änderte sich das?

Das änderte sich mit der endgültigen Ausbildung der modernen Staaten Europas im 18./19. Jahrhundert, deren einheitliche und durchgreifende Struktur auch die gewaltigen Imperien Asiens wegen ihrer losen Struktur nicht mehr gewachsen waren. Dabei ging es nur sekundär um militärische und industrielle Überlegenheit, primär um Herrschaftsorganisation und Staatsfinanz. Jetzt erst war es den Europäern möglich, im 18. bis 20. Jahrhundert Asien und im 19./20. Jahrhundert auch Afrika zu erobern.

Wie zentral war beim diesem 600 Jahre währenden Aufstieg Europas der offene Austausch und Welthandel?

Gewinnstreben war wohl der wichtigste Impuls der europäischen Expansion. Demgemäß entdeckte der europäische Handel erfinderisch immer neue Wege, die freilich aufs Ganze gesehen nur ausnahmsweise auf ausdrücklichen Freihandel hinausliefen. Bis ins 19. Jahrhundert handelte es sich vielmehr durchweg um Monopole oder Oligopole beziehungsweise Monopsone oder Oligopsone der europäischen Länder. Erst im 19./20. Jahrhundert wurde der Freihandel vorübergehend zur Regel, freilich im Zeichen britischer Seeherrschaft, die dann im Zeitalter des Imperialismus umgehend von den anderen Mächten angefochten wurde. Der Freihandel hat den ersten Weltkrieg nicht überlebt und wurde erst nach dem Zweiten neu belebt. Außerdem konnte in Britisch-Indien die längste Zeit von Freihandel sowie nicht die Rede sein.

Gab es auch protektionistische Elemente, die bei der europäischen Expansion half?

Kolonialherrschaft war grundsätzlich eigentlich immer protektionistisch. Auch England konnte sich seinen Freihandel als kostengünstigste Lösung nur leisten, solange die Konkurrenz noch keine Rolle spielte.

Was bedeutete das für die Industriepolitik?

Industriepolitisch bestand in der Regel die „klassische“ Vorstellung von der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Europa – mit USA und Japan – als Importeur von Rohstoffen und Exporteur von Fertigwaren einerseits, dem Rest der Welt als Abnehmer von Fertigwaren und Lieferant von Rohstoffen andererseits.

Was bedeutete das für den Rest der Welt?

Außereuropäische Industrieentwicklung, etwa in Indien, hatte es schwer und hat vor allem in Afrika noch heute mit den Folgen dieser früheren weltwirtschaftlichen „Arbeitsteilung“ zu kämpfen.

Wann begann Europas Dominanz zu bröckeln?

Die Unabhängigkeit Amerikas um 1800 und der Aufstieg der USA bedeutete eine Schwerpunktverschiebung, aber keine Beeinträchtigung der europäischen Dominanz. Im Gegenteil, die europäische Expansion konnte, wie wir sahen, weltweit erst jetzt richtig einsetzen.

Der Niedergang begann also erst später…

Die europäische Weltherrschaft endete erst ziemlich plötzlich im Zweiten Weltkrieg und danach. Europa hatte politisch abgewirtschaftet, während die neuen Weltmächte USA und UdSSR die Führung übernahmen. Die weltweite Dekolonisation erfasste Asien in den 1940er und 1950er Jahren, Afrika zwischen den 1950er und 1970er Jahren. Die jetzt unabhängig gewordenen Länder hatten inzwischen gelernt, ihrerseits das Instrumentarium des von Europa erfundenen modernen Staates anzuwenden.

Stehen wir denn heute tatsächlich am historischen Ende des europäischen Zeitalters?

„Das europäische Zeitalter“ im Sinne wirtschaftlicher und politischer Dominanz war schon 1945 definitiv zu Ende. Kulturell ist die Welt zwar ein für alle Mal europäisch geprägt, aber das ist nur noch ein historisches Phänomen. Denn die Weltkultur ist nicht mehr „Eigentum“ der Europäer, sondern aller Völker, die sich daran „bedienen“ wollten und wollen.

Asien steigt nun auf und Europa steigt ab…

Mit weiterem Aufstieg Chinas, aber auch Indiens, Indonesiens und anderer sowie einem neuen Aufstieg Russlands ist zu rechnen, ebenso mit dem weiteren Abstieg Europas. Denn die Europäer sind offensichtlich unfähig sich zu einigen, was der Brexit auch den begriffsstutzigsten Zeitgenossen klar gemacht haben sollte. Zu Zeiten seiner Dominanz war Europas politischer Pluralismus eine Quelle von Macht, auf der heutigen weltpolitischen Bühne ist er hingegen eine Quelle von Schwäche. Europa hat nicht einmal mehr die Chance, einer der vier oder fünf neuen Großblöcke unter anderen zu bleiben. Schade!

Gibt es Parallelen zwischen dem derzeitigen Aufstieg Chinas und der historischen „europäischen Expansion“ in der Vergangenheit?

Hier sehe ich keine Parallelen, erstens wegen der Zeitverschiebung, denn in China ging es historisch um nachholende Industrialisierung gegenüber Europa; zweitens, weil es sich im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern um die erfolgreiche Planwirtschaft einer strategischen Elite handelt, drittens weil die Wirtschaft seit der zweiten und dritten Industrialisierung gegenüber der ersten, die für Europa maßgebend war, ihren Charakter grundlegend geändert hat.

Gibt es Ähnlichkeiten in Punkto Kolonialisierung? Zum Beispiel in der Form wie China in Afrika expandiert?

Die chinesische Expansion nach Afrika, in den „Rohstoffkontinent“, ist in der Tat eine Art von „informellem Kolonialismus“, wie ihn Großbritannien, später die USA in Lateinamerika, dann die europäischen Mächte im Osmanischen Reich, in Iran und in China betrieben haben und wie ihn europäische Länder, besonders Frankreich, samt der EU immer noch betreiben. Es geht dabei um wirtschaftliche und politische Kontrolle, die aber formal die Souveränität der Partner respektiert, was außerdem kostengünstiger ist. Notfalls werden dann aber doch Marines oder die Bundeswehr eingeflogen. Soweit ist China noch nicht gegangen, rasselt aber doch bedrohlich mit dem Säbel – oder mit Flugzeugträgern, Atombomben, Raketen und Satelliten. Zusätzlich ist außerdem unbedingt der Hinweis am Platz, dass China ganz in der Tradition des Qing-Imperialismus des 18. Jahrhunderts nach wie vor in Tibet, der Mongolei und Xinjiang brutalsten direkten Kolonialismus betreibt, wie er anderswo längst nicht mehr üblich ist.

Eine dominante Rolle Asiens in der Weltwirtschaft war über Jahrhunderte bereits Realität. Sehen wir hier derzeit nicht einfach nur eine Normalisierung?

Was soll denn für wen „normal“ sein? Aber Asien hat in der Tat bis ins 18./19. Jahrhundert die Weltwirtschaft dominiert und kehrt heute ganz offensichtlich zu dieser Führungsrolle zurück. Also in der Tat kein Grund zur Panik?

Von einem historischen Blickwinkel aus betrachtet: Kann Europa neben einem starken Asien nicht einfach koexistieren oder gar florieren?

Es könnte, wenn es wollte, will aber offensichtlich nicht. Noch einmal: schade!


Wolfgang Reinhard ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte in Freiburg. Sein bekanntes Buch zum Thema „Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015“ ist im C.H.Beck Verlag erschienen (4. Auflage, München 2018).