AnalyseDas Ende des Start-up-Booms

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Die „Unicorn-Bubble“ ist eine elitäre Blase

Die Frage, die sich nicht wenige Gründer stellen, ist dennoch: Wie geht es jetzt weiter? „Wer jetzt nicht genug Kapital hat und ein Geschäftsmodell, das läuft und überzeugt, hat ein echtes Problem“, sagt der Gründer eines britischen Fintechs.

Über die Einhorn-Blase ist viel gerätselt und orakelt worden, weil man unweigerlich an den Neuen Markt und die Dotcom-Blase denkt. Doch es gibt klare Unterschiede: Die „Unicorn-Bubble“ ist eine elitäre Blase, fast in einer Parallelwelt, in der Menschen mit sehr viel Geld Unternehmern sehr viel Geld geben.

Statt durch einen schnellen Börsengang sammeln viele Gründer heutzutage Kapital länger bei privaten Investoren ein. Und Geld gibt es reichlich. „100 Mrd. Dollar Risikokapital jagen um den Globus“, sagt Schoendorf. „Deswegen erleben wir diese Art von Megadeals.“ Was also ist das Problem? Verlieren im Ernstfall nicht einige Milliardäre einfach ein paar Milliarden? Eine Krise könnte trotzdem ausbrechen – denn wenn reihenweise Start-ups pleitegehen würden, könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Sowohl für die Gründer als auch für Investoren gibt es nur einen Exit: Die Firmen müssen Geld verdienen.

In Start-ups zu investieren ist zudem mehr Mainstream geworden, als viele ahnen. Unter den Investoren finden sich nicht mehr nur Angel-Investoren oder Wagniskapitalfirmen. Längst sind institutionelle Geldgeber, Pensionskassen, Universitäten und Family-Offices dabei. Das liegt am Mangel attraktiver Alternativen und den Null- und Negativzinsen.

Es könnte für viel mehr ein böses Erwachen geben. „Viele der Einhörner werden sich als Pferde entpuppen, denen man einen Stock auf die Stirn geklebt hat“, warnte Josh Kopelman von First Round Capital schon im vergangenen Jahr.

Kevin Kinsella von Avalon Ventures nutzt eine andere Tiermetapher: Es wäre, sagt er, als würde ein Katzenliebhaber zwei Siamkatzen mit je 500.000 und ein Hundebesitzer seinen Golden Retriever mit 1 Mio. Dollar bewerten. Man könne, so Kinsella, dieses „Spiel reicher Leute“ ewig weiterspielen – bis sie in eine Tierhandlung gehen und dort erfahren, was ein Hund und eine Katze wirklich kosten.

Auch in Deutschland mehren sich die Sorgen

Ein weiteres Symptom sorgt für Nervosität: Die vermeintlich großen Ideen werden kleiner. „In Berlin gibt es inzwischen mehr Lieferdienste als Einwohner“, lästert eine Gründerin in der deutschen Hauptstadt.

Wer auf die Liste der Start-ups schaut, die Mitte Februar beim „Demo Day“ – den der Accelerator 500 Startups organisierte – ihre Ideen präsentiert haben, sieht wenig Revolutionäres und Disruptives: Lawnguru etwa, wo man jemanden zum Rasenmähen bestellen kann. Pupbox schickt Hundebesitzern monatlich eine Kiste mit „Spielzeug, Hundeleckerli und Trainingsanleitungen für Welpen“. Auch Kitterly, ein Anbieter von „kuratierten Strick- und Häkel-Baukästen“, sucht Investoren.

In Deutschland mehren sich die Sorgen, vor allem wegen Rocket Internet, der Start-up-Fabrik, die derzeit vordringlich damit beschäftigt zu sein scheint, für ihre Welteroberung frisches Geld aufzutreiben. Zuletzt über ein neues Vehikel, den Rocket Internet Capital Partners Fund, mit dem CEO Oliver Samwer 420 Mio. Dollar eingesammelt hat. Erst Anfang Februar verschaffte sich Samwer zudem Luft, indem er Essenslieferdienste in Südeuropa und Lateinamerika für 125 Mio. Euro an die britische Lieferplattform Just Eat losschlug. Dabei galten für Rocket Essensdienste als heißeste Wette des Planeten.

Beobachter wie Schoendorf glauben allerdings, dass vor allem die Gründer in Schwierigkeiten kommen werden – weniger die Investoren. „Die meisten Geldgeber haben strenge Klauseln in die Verträge schreiben lassen, um ihre Anteile zu schützen – wenn die Gründer neues Geld brauchen, werden vor allem ihre Anteile verwässert.“ Daneben werden Mitarbeiter, die niedrige Gehälter im Tausch für Anteile akzeptiert haben, die Leidtragenden sein. „Wir werden auch Blut und Tränen sehen“, sagt Schoendorf.

Auf lange Sicht aber begrüßen die meisten im Valley den neuen Realismus. „Es zieht wieder mehr Balance ein bei den Bewertungen und dem Geld, das in Ideen und Firmen investiert wird“, sagt True-Ventures-Partner Schneider.

Schoendorf rät, bei all den Aufs und Abs stets das „Big Picture“ zu sehen. „Natürlich werden viele der 150 Einhörner scheitern. Aber das macht nichts.“ Fünf der wertvollsten Unternehmen der Welt seien genauso entstanden – mit viel Kapital und Risiko: Apple, Google, Facebook, Amazon und Microsoft.

Und wenn man 20 Jahre zurückschaue, da sei Mark Zuckerberg noch in der Highschool, Amazon gerade erst online und Apple kurz vor der Pleite gewesen. „Wenn nur zwei der Einhörner in zehn Jahren zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gehören, dann wäre das alles doch ein ziemlich guter Deal.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 3/2016 erschienen.