UhrenGlashütte - das Dorf der Uhrmacherkunst

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Euphorie um die „Lange 1“

Blümlein und Lange hatten eine Vision, aber keine Uhren, keine Mitarbeiter, keine Gebäude und keine Maschinen. Sie kalkulierten mit 500.000 Mark an Investitionen. Es wurden knapp 20 Millionen in den ersten Jahren. Lange wollte das alte Stammhaus kaufen, in dem er aufgewachsen war. Der Zustand war erbärmlich, bis auf wenige Büros stand es leer. Doch die Treuhand stellte sich quer: Nur wenn er die GUB fortführe, bekomme er das Haus, erklärte man Lange. Es hätte bedeutet, die immer noch 1000 Mitarbeiter des DDR-Betriebs zu übernehmen. Wirtschaftlich war das nicht zu stemmen.

Lange entschied, die Firma unter der Briefkastenadresse einer Freundin in Glashütte anzumelden – am 7. Dezember 1990, auf den Tag genau 145 Jahre nach der Gründung seines Urgroßvaters. Nachdem er und Blümlein am Rand von Glashütte eine passende Produktionsstätte gefunden hatten, brauchten sie nur noch Uhrmacher. Die Bewerbungsgespräche fanden im April 1991 statt, auf einem Parkplatz 20 Kilometer außerhalb der Stadt. Ein gutes Dutzend Uhrmacher wurde eingestellt.

Dreieinhalb Jahre später, am 24. Oktober 1994, lud Lange zwölf renommierte Juweliere nach Glashütte ein und präsentierte seine ersten Neuentwicklungen, darunter die „Lange 1“. Die Euphorie war groß. Alle 123 Uhren, die Lange bis dahin gefertigt hatte, wurden an jenem Tag verkauft.

Nomos – der Underdog

Auch Roland Schwertner von Nomos war mittlerweile zurück in Glashütte. Im März 1992 mietete er eine kleine Wohnung an, in der drei Uhrmacher seine in Berlin entwickelten Modelle mit gekauften Werken zusammensetzten. Darunter war die „Tangente“, der Nomos-Klassiker. Schlicht und hochwertig sollten die Uhren sein, mit denen Schwertner eine Nische besetzte: zu exklusiv, um die breite Masse anzusprechen, zu günstig, um den Edelmanufakturen Konkurrenz zu machen. Ein Berater warnte: „Damit gehst du pleite.“

Aber das Konzept ging auf. Seitdem pflegt Nomos das Image des Underdogs und überrascht auf den Messen Jahr für Jahr mit Neuerungen wie etwa dem Swing-System. Mit diesem eigens entwickelten „Assortiment“, wie im Branchenjargon das taktgebende Herzstück einer Uhr heißt, ist Nomos das Kunststück gelungen, unabhängig von der Swatch-Tochter ETA zu werden, die große Teile der Uhrenindustrie beliefert.

Nomos-Uhren - schlichte Eleganz
Nischenprodukt: Die Uhren von Nomos besetzen das Preissegment zwischen 1000 und 4000 Euro (Foto: Gene Glover)

1994 kam auch die Rettung für die GUB, die zu diesem Zeitpunkt auf 72 Mitarbeiter geschrumpft waren und günstige Armbanduhren produzierten. Zwei Unternehmer aus dem Westen stiegen ein, schufen die Marke Glashütte Original und setzten ähnlich wie Lange auf Luxusuhren. Mit der günstigeren Marke Union Glashütte rundeten sie das Portfolio ab. Auf der Weltkarte der edlen Uhren war die sächsische Kleinstadt damit endgültig wieder ein Fixpunkt.

Längst ist der Name Glashütte eine Auszeichnung. Verwenden dürfen ihn nur Manufakturen, die hier ihren Sitz haben und mehr als 50 Prozent der Wertschöpfung vor Ort erzielen. Die Vorschrift, die sicherstellen soll, dass der Name nicht verwässert, stammt von 1906. Dreimal hat sie schon Gerichte beschäftigt.

In Glashütte ist mittlerweile jede Baulücke zugepflastert. 2015 weihte Angela Merkel die neue Manufaktur von A. Lange & Söhne ein. Die letzte Freifläche im Ort hat sich Nomos gesichert, auch wenn es mit der Bebauung noch dauern wird. „Wir müssen das Geld für Investitionen erst verdienen, damit wir uns nicht übernehmen“, sagt Roland Schwertner, dessen Firma inzwischen einer der wenigen unabhängigen, inhabergeführten Uhrenbetriebe hier ist. Glashütte Original und Union wurden 2000 von der Schweizer Swatch-Gruppe gekauft, A. Lange & Söhne gehört seit 2001 zum Luxuskonzern Richemont.

Wettbewerb wird schärfer

Der Wettbewerb wird spürbar schärfer. Auch Nomos muss seine Nische gegen Großkonzerne verteidigen, die mit Macht in den Markt und in die Schaufenster der Händler drängen. „Gerade die kleineren Hersteller müssen sich beim Fachhändler behaupten, damit die eigenen Uhren gut platziert sind“, sagt Schwertner. An einen Verkauf denkt er trotzdem nicht, dafür macht ihm das Geschäft noch zu viel Spaß.

Auch der Anwalt aus Manhattan hatte Spaß bei seinem Manufakturbesuch. Auf der Rückfahrt nimmt er seine „Saxonia“ vom Handgelenk und schaut durch den Saphirglasboden dem Spiel der Rädchen und Federn zu. Dann döst er ein. Wie übrigens ganz Glashütte, wenn die Uhrmacher Feierabend haben.