UhrenGlashütte - das Dorf der Uhrmacherkunst

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Sachsens Armenhaus

Dabei beginnt die Geschichte des Clusters mit bitterer Armut. Das Erzgebirge lebte lange vom Bergbau, von Kupfer und Eisen, doch Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Ressourcen aufgebraucht. Die Menschen darbten, versuchten mit Landwirtschaft, Korbflechten und Holzschnitzerei zu überleben. Die Stadt bettelte bei der sächsischen Regierung um die Ansiedlung von Gewerbe. Davon erfuhr Ferdinand A. Lange.

Der Uhrmacher war nach Jahren der Wanderschaft nach Dresden zurückgekehrt. Bei den Besten seiner Zunft hatte er gelernt, sogar in Paris war er gewesen, dem damaligen Zentrum der Uhrmacherkunst. Nun fasste Lange einen Plan: Er wollte 15 Glashütter zu Uhrmachern ausbilden, um mit ihnen einen Industriestandort zu gründen.

Lange überzeugte die Regierung und bekam ein Darlehen von knapp 7000 Talern. 1845 gründete er seinen Betrieb. Bereits zehn Jahre später gab es in Glashütte mehr als 100 Uhrmacher. Der Ruf der raffinierten Taschenuhren reichte bis nach Russland, Zar Alexander II. war ein begeisterter Kunde. Es war der Anfang des Uhrenclusters.

Mythos Manufaktur

Heute wirken die modernen Manufakturen wie eine Mischung aus Hochsicherheitstrakt und Klinik. An Neuentwicklungen wird hier oft jahrelang unter strenger Geheimhaltung gefeilt, bevor sie bei den Messen in Genf und Basel einem elitären Publikum präsentiert werden.

Glashütte Original bietet Führungen durch seine Werkhallen an, vorbei an Fenstern, hinter denen Uhrmacher und Finisseure in weißen Kitteln arbeiten, eine Lupe im Auge, eine Pinzette in der Hand. Aus Hunderten von Einzelteilen setzen sie ihre Werke zusammen, deren Details oft weniger als ein Haar breit sind. Das Bild vom hoch konzentriert arbeitenden Feinmechaniker ist Teil des Mythos, den die Manufakturen pflegen. Es ist still, nirgends spielt ein Radio, kaum jemand spricht.

Eine Uhrmacherin von Glashütte Union bei der Arbeit
Eine Uhrmacherin von Glashütte Original bei der Arbeit (Foto: Ériver Hijano)

Man muss geboren sein für diesen Job. „In Glashütte ist Ticktack vergraben, so wie an anderen Orten Kohle“, sagt Roland Schwertner, der Gründer von Nomos. Soll heißen: Die Ressource des Clusters ist der Faktor Mensch. „Seit Generationen arbeiten die Menschen in der Region als Uhrmacher“, sagt Wilhelm Schmid, der Chef von A. Lange & Söhne, der sich keinen alternativen Standort vorstellen kann. „Glashütte ist historisch gewachsen, und damit auch das Know-how“, sagt Thomas Meier, der seit Oktober 2016 die Luxusmarke Glashütte Original leitet. „Der Vater hat hier sein Wissen an den Sohn weitergegeben, und der an den Enkel.“

Es klingt nach kleiner, heiler Welt. Doch der Uhrenmarkt ist hart umkämpft. Auf der einen Seite sind da die Schweizer, der Inbegriff der Haute Horlogerie. Auf der anderen Seite stehen die Glashütter Betriebe untereinander im Wettbewerb, auch wenn Lange-Chef Schmid sagt, der Konkurrenzgedanke sei hier wenig ausgeprägt, jede Manufaktur bediene ein anderes Segment. Es sagt sich leicht, wenn man auf der Leiter oben steht: Die günstigste Uhr bei Lange kostet 14.000, die teuerste, die „Grand Complication“, knapp 2 Mio. Euro.