WirecardDas Doppelleben des Jan Marsalek

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Für viele, die mit ihm zu tun hatten, selbst jene, die ihm nahestanden, bleiben seine Motive unbegreiflich. „Er wollte Einfluss haben und Netzwerke aufbauen“, vermutet einer mit Blick auf seine mangelnde Bildung. Er sei in Österreich und Deutschland ein Außenseiter geblieben, der mit dem Bedürfnis groß wurde, akzeptiert zu werden und zu beeindrucken.

Um genau das zu tun, habe Marsalek gelernt, Geheimhaltung und Unterschiedlichkeit als Werkzeuge einzusetzen. Insbesondere in Wien, wo hinter den Kulissen die Party-Netzwerke politisch Gleichgesinnter das Geschäftsleben dominieren, scheint Marsalek verzweifelt versucht zu haben, ein eigenes Netz von Verbündeten und Platzhaltern aufzubauen. „Das Einzige, was er mehr zu mögen schien, als Geheimnisse zu haben und in all diese verstohlenen Dinge verwickelt zu sein, war, darüber zu plaudern“, sagt ein anderer.

Mit Geheimberichten gegen Leerverkäufe

So verhielt es sich auch 2018, als Marsalek im Dienst von Wirecard mit einem höchst ungewöhnlichen Dossier in London auftauchte, das er Händlern und Spekulanten offenlegte – offenbar in einem Versuch, sie zu kompromittieren oder zu beeindrucken. Wirecard – und insbesondere Marsalek – waren zu der Zeit verzweifelt bemüht, Leerverkäufe von Wirecard-Aktien abzuwehren und wenn möglich zu neutralisieren.

Marsalek war im Besitz von vier hochsensiblen, als geheim eingestuften Berichten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW), die eine detaillierte Analyse des russischen Komplotts vom März 2018 in der verschlafenen englischen Kathedralenstadt Salisbury enthielten. Dort war bei einem gescheiterten Mordversuch gegen Sergei Skripal, einem Überläufer der GRU, eines der tödlichsten Nervengifte der Welt eingesetzt worden.

Die sensiblen Akten enthielten die genaue Formel für Novichok – ein von sowjetischen Wissenschaftlern im Kalten Krieg entwickeltes Gift. Wo Marsalek solche Dokumente herbekommen konnte, ist unklar. Undichte Stellen in der OVCW in Den Haag, einer der sichersten internationalen Organisationen der Welt, sind unbekannt. Monate vor Marsaleks Reise nach London wurde sie jedoch Ziel einer von der GRU geführten Hackerkampagne, die im Oktober 2018 von den niederländischen Geheimdiensten aufgedeckt wurde.

Dass Marsalek in London derart dreist solch sensible Dokumente feilgeboten hat – und das zu einer Zeit, als britische Geheim- und Sicherheitsdienste in höchster Alarmbereitschaft gegenüber russischen Operationen und auf intensivster Spurensuche zum Salisbury-Vorfall waren – spricht für eine Verwegenheit, die selbst in den Augen russischer Agenten als übertrieben gelten dürfte.

Dass der jetzt untergetauchte Konzernvorstand solche Dokumente überhaupt in seinem Besitz haben sollte, zeichnet ihn andererseits als mehr als nur einen Fantasten aus.

 

Mitarbeit: Henry Foy und Max Seddon in Moskau, Andrew England und Dan McCrum in London, Erika Solomon in Berlin und Olaf Storbeck in Frankfurt

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