WirecardDas Doppelleben des Jan Marsalek

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Palastartige Villa gegenüber dem russischen Konsulat

Die Prinzregentenstraße 61 bezeichnete Marsalek als sein Zuhause. Doch die riesige Stadtvilla gegenüber dem Gelände des russischen Konsulats in München war nach innen so kalt wie hübsch nach außen. Gäste wurden von einer Assistentin in einen makellosen Salon geführt. Gewienerte Böden und weiße Wände, die spartanisch, aber auffallend mit moderner Kunst geschmückt waren, verliehen dem Ort eine unheimliche Formalität, erinnern sich Besucher – irgendwo zwischen dem Charme eines Apple-Stores und einer extrem teuren Anwaltskanzlei.

Eine ähnliche Ästhetik pflegte Marsalek in der Art, sich zu kleiden: eine unveränderliche „Uniform“ aus maßgeschneidertem Anzug und gestärktem, strahlend weißem Hemd, am Kragen offen, wie eine Quelle es beschrieb. Der offizielle Anlass des Treffens in der Prinzregentenstraße im Februar 2018 war eine Besprechung über den humanitären Wiederaufbau in Libyen.

Monate zuvor hatte Marsalek eine kleine Gruppe österreichischer Sicherheits- und internationaler Entwicklungsexperten für ein solches Projekt rekrutiert. Das geschah über Kontakte, die er bei der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft geknüpft hatte – einer von der Regierung in Moskau unterstützten Organisation zur Förderung der Vernetzung zwischen hochrangigen politischen Entscheidungsträgern in beiden Ländern.

Diese Freundschaftsorganisation stand schon in der Vergangenheit in der Kritik, wegen ihrer großen Nähe zu Moskau. Vergangene Woche geriet sie in Österreich in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass ihr Finanzsekretär von Marsalek geheime Dokumente – illegal vom österreichischen Innenministerium und Sicherheitsdienst beschafft – erhalten und sie an die rechtspopulistische FPÖ weitergegeben hatte.

Einige der Personen, zu denen Marsalek über die Gesellschaft Zugang suchte – darunter hochrangige österreichische Regierungsbeamte und ehemalige Diplomaten – fühlten sich jedoch mit dessen Interesse an Libyen nicht mehr wohl, nachdem sie mehr darüber erfuhren.

Deckmantel humanitärer Wiederaufbau

Wie aus einer informellen Vereinbarung hervorgeht, die in einer Reihe von E-Mails erwähnt wurde, hatte Marsalek ihnen ursprünglich 200.000 Euro geboten, um für se zu arbeiten und einen Bericht zu erstellen, der in ihrem Sinn ausfallen würde. Durch Kontakte in der Freundschaftsorganisation sicherte er sich laut unterzeichneten offiziellen Dokumenten die Zusage für eine Zusatzfinanzierung in Höhe von 120.000 Euro von österreichischer Regierungsseite, darunter des Verteidigungsministeriums.

Mit der Zeit schien Marsalek aber das Interesse daran zu verlieren, kriegsverwüstete Gemeinden in Libyen wiederaufzubauen, wie es ursprünglich diskutiert worden war. „Die Anliegen von Herrn Marsalek waren ganz andere als die der wirtschaftlichen Entwicklung“, sagte eine an dem Projekt beteiligte Person. „Ich weiß nicht, was seine wirklichen Pläne waren, aber wir sollten ein Feigenblatt sein für das, was er tat“, sagte ein anderer. „Wir waren da, um den Dingen einen humanitären Anstrich zu geben.“

Tatsächlich war der Wirecard-Vorstand viel mehr daran interessiert, wie man die Migrationsströme an der südlibyschen Grenze mit Waffengewalt unter Kontrolle bringen könnte, sagten drei seiner Mitarbeiter.

„Für JM hat Vorrang, ‚die Grenze zu schließen‘, vorzugsweise über eine ‚15.000 Mann starke Grenzpolizei‘, die aus ehemaligen Milizen bestehen würde. Er wiederholte dies während des gesamten Gesprächs“, so das Protokoll des Treffens vom Februar 2018, das an die Teilnehmer verschickt wurde und von der Financial Times eingesehen werden konnte. „Dies könnte seiner Meinung nach bei der nationalen Regierung in Tripolis als Druckmittel gegen die Gegenregierung im Osten eingesetzt werden. Die Schließung der Grenze kann der EU als ‚Lösung der Migrationskrise‘ verkauft werden… .“