KolumneDas Bayer-Karussell

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Lange galt das weltweite Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln als ziemlich langweilig. Momentan aber erinnert die Branche mehr an ein wildes Haifischbecken, in dem jeder nach jedem schnappt. So gut wie alle großen Anbieter stecken momentan in Gesprächen über Übernahmen und Zusammenschlüsse aller Art. Und kein Deal ist bisher wirklich final ausverhandelt.

Bei der großen Fusion der amerikanischen Chemieriesen Dow Chemical und Dupont, die ihre Agrarsparten zu einer gesonderten Einheit zusammenlegen wollen, fehlen noch die detaillierten Auflagen der Kartellbehörden. Die Konkurrenz hofft also weiter auf die Gelegenheit, die eine oder andere Geschäftseinheit von Dow und Dupont zu kaufen. Auch die schon vor Monaten angekündigte Übernahme der Schweizer Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern Chemchina zieht sich noch hin, weil es offenbar in den USA größere Bedenken gegen den Zusammenschluss gibt. Auch dort könnten sich also noch Schnäppchen ergeben.

Bei den Gesprächen zwischen Bayer und Monsanto ist bisher noch alles in der Schwebe. Das leicht erhöhte Angebot, das letzte Woche aus Leverkusen kam, überzeugt die Amerikaner auf jeden Fall nicht. Selten liefen Übernahmegespräche so komisch wie zwischen den beiden Konzernen aus Deutschland und den USA. Und um alles noch komplizierter zu machen, arbeitet natürlich auch BASF hinter den Kulissen weiter an verschiedenen Optionen, um am Ende der ganzen Übernahmerunde nicht als einziger Verlierer übrigzubleiben. Schließlich arbeiten Monsanto und BASF seit langem in der Forschung zusammen.

Großkonzerne und Nischenanbieter bleiben übrig

In der Agrarchemie vollzieht sich momentan das Gleiche, was vorher schon einmal in der weltweiten Pharmabranche zu beobachten war. Kommt erst einmal das Übernahmekarussell in Fahrt, will so gut wie jeder aufspringen. Am Ende bleiben nur ganz große Konzerne übrig – und kleine Nischenspieler. Schwer tun sich dagegen mittelgroße Unternehmen, die mit den großen Wettbewerbern nicht mehr mithalten und anders als die kleinen auch keine Möglichkeit finden, sich auf einige wenige profitable Produkte zu konzentrieren.

Am Ende der jetzigen Schlacht bleibt im globalen Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutz nichts mehr wie es vorher war. Diese Erkenntnis setzt sich allmählich auch bei denen durch, die noch vor kurzem keinen Handlungsdruck sahen. Noch vor wenigen Wochen hörte man zum Beispiel von BASF-Chef Kurt Bock die Botschaft, der Ludwigshafener Konzern könne in dieser Branche auch gut alleine weiter machen. Und an einen Verkauf der Agrarchemie sei schon gar nicht zu denken, da es ein integraler Bestandteil des BASF-Geschäftsmodells sei.

Warten wir ab! Man sollte auf solche Beteuerungen in der jetzigen Situation nicht allzu viel geben. Selbst die konservativsten Unternehmen bleiben nicht abseits, wenn sich die Gelegenheit ergibt, in ganz neue Umsatz- und Gewinndimensionen vorzustoßen. Allerdings muss man dazu ja nicht unbedingt einen ganz großen Deal wagen. Viele kleine tun es auch. Vielleicht fällt bei den großen Fusionen und Übernahmen am Schluss auf Druck der Kartellbehörden noch so viel ab, dass sich die Resteverwertung lohnt. Viele kleine Fische können schließlich genauso satt machen wie ein großer.

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