GeldwäscheDanske Bank - der unglaubliche 230-Milliarden-Skandal

Geschäftsleute aus Russland brachten mithilfe der Danske Bank in Estland über Jahre hohe Milliardenbeträge in den Westen
Geschäftsleute aus Russland brachten mithilfe der Danske Bank in Estland über Jahre hohe Milliardenbeträge in den Westen Stuart Patience

Das Vertrauen in die Kollegen verliert Howard Wilkinson an Weihnachten. Wilkinson, ein Mittvierziger mit grauem Haarkranz und Nickelbrille, arbeitet 2013 als Chef des Handelsgeschäfts bei der estnischen Tochter der Danske Bank, Dänemarks größtem Finanzinstitut. Er verdient ein ordentliches Gehalt, mit seiner Frau und seinen Töchtern lebt der Brite etwas außerhalb von Tallinn.

Die Geschenke sind längst ausgepackt, als ihn an Weihnachten 2013 der Gedanke an einen Vorgang aus der Bank wieder einholt. Eineinhalb Jahre zuvor war Wilkinson auf verdächtige Geldflüsse bei einem Kunden aufmerksam geworden: einer englischen Briefkastenfirma, die laut Jahresabschluss im britischen Handelsregister keinerlei Vermögen besaß – obwohl über ihr Konto binnen fünf Monaten fast 500 Mio. Dollar flossen. Damals hatten seine Kollegen in Tallinn die Auffälligkeiten heruntergespielt: Der falsche Jahresabschluss sei nur ein simpler Bürofehler der Firma, kein Grund zur Sorge. Doch seit dem Herbst ist Wilkinson über neue Hinweise gestolpert, dass seine Bank in Geldwäsche verwickelt sein könnte.

Spur zu Putin

An dem Tag, den die Engländer „Boxing Day“ nennen, will Wilkinson nachschauen, was aus dem verdächtigen Kunden geworden ist – so erzählt er es später dem „Wall Street Journal“. Für 1 Pfund lädt er sich erneut den Jahresabschluss der Lantana Trade LLP herunter und gleicht ihn mit den Daten ab, die bei seiner Bank vorliegen. Nach Hinweisen von Wilkinsons Kollegen hat Lantana den Jahresabschluss überarbeitet, nun ist ein Guthaben von 15.689 Pfund angegeben. Bloß belegen die Kontodaten, dass bei Lantana täglich mehrere Millionen Dollar bewegt wurden. Ein typisches Geldwäschemuster. Wilkinson ist alarmiert: Die Firma täuscht die Behörden offenbar systematisch über ihre wahren Vermögensverhältnisse. Und seine Kollegen haben nichts gegen den dubiosen Kunden unternommen.

Am 27. Dezember, vor Sonnenaufgang, tippt er eine E-Mail an einen Vorstand und drei weitere Manager in der Zentrale in Kopenhagen. Betreff: „Whistleblower-Mitteilung – wissentliche Geschäfte mit Kriminellen in der estnischen Niederlassung“. In der Mail listet Wilkinson seine Erkenntnisse auf: die gefälschten Abschlüsse, die auffälligen Transaktionen, die Verschleierung, wem die Firma letztlich gehört. Nur über Kollegen konnte Wilkinson erfahren, dass die Firma enge Verbindungen zu einem Cousin des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem Inlandsgeheimdienst FSB haben soll.

Als er auf Senden drückt, kann er nicht ahnen, was er damit beginnt: die Aufdeckung des größten Geldwäscheskandals, den es bislang in Europa gab. Jahrelang diente die kleine Danske-Bank-Tochter in Estland als Drehscheibe für Geld aus trüben und kriminellen Quellen in Russland und Zentralasien. Mindestens 6000 dubiose Kunden; 230 Mrd. Dollar, die zwischen 2007 und 2015 in den Westen flossen und dort zum Kauf von Immobilien oder Luxusgütern dienten – der allergrößte Teil illegale Zahlungen, wie die Bank heute annimmt.

Nicht nur der riesigen Summen wegen sorgt der Skandal international für Erschütterungen. In Estland, Dänemark und Großbritannien laufen Ermittlungen. Auch das US-Justizministerium hat sich eingeschaltet. Im Herbst musste der lange gefeierte Danske-Chef zurücktreten, im Dezember nahm die estnische Polizei zehn von Wilkinsons früheren Kollegen fest, weil sie Kunden bei der Geldwäsche geholfen haben sollen. In den Strudel der Affäre geraten sind aber auch weitere Institute, die für die Danske Zahlungen im Dollarraum abwickelten. Allen voran: die Deutsche Bank, die erst als letzte von mehreren Partnerbanken ihre Geschäfte mit den Dänen kappte.

Auch wenn die Aufklärung nun läuft, bleiben viele Fragen: Wie konnte das System bei einer Bank aus einem EU-Musterstaat wie Dänemark so lange funktionieren? Wer genau waren die kriminellen Kunden? Und welche Rolle haben die Aufsichtsbehörden in Estland und Dänemark gespielt? „Wenn es keinen Whistleblower gegeben hätte, wäre das mit Sicherheit noch lange weitergelaufen“, sagt der Geldwäscheexperte einer Wirtschaftsprüfungsfirma, die mit dem Skandal beschäftigt ist.