IT-SicherheitHier entwickelt Israels Armee den ersten Cybersecurity-Cluster

In Be'er Sheva entsteht der erste Cybersecurity-Cluster
In Be'er Sheva entsteht der erste Cybersecurity-ClusterJonas Opperskalski

Im Schrittempo lenkt Monique Lance den Wagen durch das Parkhaus in Tel Aviv, als plötzlich der Scheiben­wischer anspringt. „Ich habe nichts gemacht!“, ruft die gebürtige Australierin. Als Nächstes dreht die Geschwindigkeitsanzeige durch, lässt den Zeiger wild hin und her springen. Die Anzeige des Entertainmentsystems blinkt hektisch rot. Und dann fallen auch noch die Bremsen aus. Lance drückt das Bremspedal durch, doch das Auto rollt weiter durch die leere Parkhausgasse. „Ein gruseliges Gefühl“, sagt Lance und lacht. „So fühlt es sich an, gehackt zu werden.“

Monique Lance, Marketingchefin von Argus Cyber Security
Monique Lance, Marketingchefin von Argus Cyber Security (Foto: Jonas Opperskalski)

Monique Lance ist Marketingdirektorin von Argus Cyber Security, einem israelischen Start-up, das sich auf Cybersicherheit für Autos spezialisiert hat. Den Angriff hat eine Mitarbeiterin auf der Rückbank des Autos simuliert, mit Laptop auf den Knien, um einen Eindruck zu vermitteln, was Hacker anrichten könnten. Millionen Autos weltweit sind schon heute vernetzt, vom Navi- über das Entertainmentsystem bis hin zu Reifensensoren – und Experten halten einen Angriff auf diese Systeme für durchaus realistisch. Wenn eines Tages autonome Fahrzeuge die Straßen beherrschen, könnte eine ganze Autoflotte zum tödlichen Gefängnis werden: Hacker könnten etwa die Bremsen eines bestimmten Modells blockieren, um Lösegeld zu fordern.

Die 100 Mitarbeiter von Argus arbeiten daran, die Soft- und Hardware künftiger Autos vor digitalen Angriffen zu schützen, um derartige Horrorszenarien zu verhindern. Im vergangenen November wurde das 2013 gegründete Start-up vom deutschen Automobilzulieferer Continental für einen dreistelligen Millionenbetrag übernommen. „Langfristig wird Argus’ Cybersecurity in sämtliche Produkte von Continental integriert sein“, sagt Lance.

Die Übernahme zeigt den Boom im Markt für digitale Sicherheit – und den gibt es nicht nur im Automobilbereich: Fast alle Branchen müssen sich und ihre Kunden vor Cyberangriffen schutzen. Jede App, jeder „smarte“ Staubsauger könnte ein Einfallstor für einen Hackerangriff bieten, Verbraucher, große Firmen und ganze Staaten das Ziel sein. Wannacry, ein weltumspannender Cyberangriff, infizierte im Mai 2017 über 200 000 Computer in 150 Ländern, darunter 450 Rechner der Deutschen Bahn. Es war ein Vorgeschmack auf das, was möglich sein könnte. Schon in drei Jahren werde der weltweit durch Cyberverbrechen verursachte wirtschaftliche Schaden 6 000 Mrd. Dollar jährlich betragen, schätzt der Branchenanalyst Cybersecurity Ventures.

Deshalb suchen Staaten und Firmen rund um den Globus nach innovativen Schutzmaßnahmen. Und viele von ihnen blicken dabei nach Israel. Das kleine Land am Mittelmeer, dessen 8,5 Millionen Einwohner gerade einmal 0,01 Prozent der Weltbe- volkerung stellen, lockte im vergangenen Jahr 16 Prozent der globalen Investitionen in Cybersicherheit an, rund 815 Mio. Dollar; einzig in die USA floss noch mehr Geld. Volkswa- gen beispielsweise tat sich 2016 mit drei führenden israelischen Sicherheitsexperten zusammen, darunter einem früheren Geheimdienstchef, um das Cybersecurity-Start-up Cymotive zu gründen. Nicht ohne Grund verlegte auch die Münchner Sicherheitskonferenz ihren „MSC Cyber Security Summit“ im vergangenen Jahr nach Tel Aviv. Gelegentlich ist die Rede vom israelischen Start-up-Wunder. Doch mit einem Wunder hat der Erfolg wenig zu tun: Er ist das Ergebnis langfristiger Planung, von Geopolitik und einer engen Zusam- menarbeit von Staat, Wissenschaft, Industrie – und der Armee.

Ein Park für 1. Mrd. Dollar

Es gibt einen Ort, an dem sich dieses Zusammenwirken aus der Nähe besichtigen lässt: Be’er Sheva, die größte Stadt der Wüste Negev im Süden des Landes. Vor wenigen Jahren noch galt Be’er Sheva als reizlose Arbeiterstadt, fad, arm und staubig. Doch ausgerechnet hier soll, mit den Worten des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, einer „der wichtigsten Orte für Cybersicherheit in der westlichen Hemisphäre“ entstehen.

Herz des ehrgeizigen Vorhabens ist der Gav-Yam Negev Advanced Technologies Park, für dessen Errichtung die örtliche Ben-Gurion University, die Stadt und zwei Bauunternehmen in öffentlich-privater Partnerschaft kooperieren. Für rund 1 Mrd. Dollar sollen hier in den kommenden Jahren 20 Gebäude aus dem harten Wüstenboden wachsen, finanziert und hochgezogen von der israelischen Baufirma Gav-Yam und dem US-japanischen Konsortium KUD International. Zwei der Gebäude stehen bereits, große, verglaste Türme, an deren Fassaden bekannte Logos prangen: Oracle, Deutsche Telekom, Lockheed Martin.

Die Brücke in den Park ist einer Doppelhelix nachempfunden
Die Brücke in den Park ist einer Doppelhelix nachempfunden (Foto: Jonas Opperskalski)

Die Regierung unterstützt das Vorhaben, indem sie Hightech-Firmen mit finanziellen Anreizen in den Park lockt. 70 Firmen haben sich hier schon niedergelassen, lokale Start-ups und globale IT-Multis. Eine weiße Brücke in Form einer Doppelhelix, kürzlich mit einem internationalen Designpreis ausgezeichnet, verbindet den Tech-Park mit dem Bahnhof und dem Campus der Universität. In einigen Jahren soll in nächster Nähe ein zweiter Campus entstehen: Die Armee, die Israel Defense Forces (IDF), wird ihre technologischen Einheiten nach Be’er Sheva verlegen und hier mehrere Tausend Soldaten in Cyberabwehr ausbilden.

„Während ihres Wehrdienstes können die Soldaten schon in Kontakt mit hier ansässigen IT-Firmen kommen“, sagt Roy Zwebner, der 38-jährige CEO des Hightech-Parks. „Werden sie aus der Armee entlassen, müssen sie nur über die Straße gehen und können entweder stu- dieren, in der Industrie arbeiten oder ihr eigenes Start-up gründen.“ Zwebner sitzt in einem Konferenzraum des Gebäudes Nummer 1. Aus dem Fenster im vierten Stock fällt der Blick auf die braune Brache, auf der in den kommenden Jahren ein einzigartiges Ökosystem entstehen soll. Geplant sind, neben den Bürotürmen, ein Konferenzzentrum, Hotels und eine Kindertagesstätte, alles auf engem Raum: Die IT-Experten, die Zwebner anlocken will, sollen es so bequem wie möglich haben. „Vor zehn Jahren gab es hier nur Fabriken“, sagt er. „Heute dreht sich alles um Hightech.“

Die Telekom an der Uni

Regierungsunterstützung gibt es auf nationaler Ebene genauso wie auf lokaler, in Worten, Taten, finanziell. So hat der Staat das Nationale Cyberzentrum in den Park verlegt, das für die Sicherheit der zivilen Infrastruktur des Landes zuständig ist. Und er lockt mit saftigen Steuererleichterungen und Subventionen. „Ein Unternehmen, das in irgendeiner Form mit Cybersecurity zu tun hat, kann von der Regierung 25 bis 30 Prozent seiner Lohnausgaben erstattet bekommen“, sagt Zwebner, „allein dafür, dass es sich hier ansiedelt.“

Es gebe weltweit kein Vorbild für eine derartige Clusterbildung, im Gegenteil: Staats- und Firmenchefs aus aller Welt würden nach Be’er Sheva pilgern, um sich Anregungen zu holen, sagt Zwebner. Er winkt seiner Assistentin zu: „Elina, wer war zuletzt Interessantes da?“ Die junge Frau reicht ihm eine Liste herein, er wirft einen flüchtigen Blick darauf: „Letzte Woche hatten wir den Bürgermeister von Schanghai, davor den bulgarischen Präsidenten und den Bürgermeister von Houston.“

Unter den Firmen, die bereits einen Standort in Be’er Sheva unterhalten, ist auch ein großer deutscher Name: die Telekom. Seit 14 Jahren betreibt sie an der Ben-Gurion Uni- versity ein Innovation-Lab, in dem Studenten und Wissenschaftler Cybersecurity-Lösungen entwickeln. In manchen Fällen tritt die Telekom mit konkreten Fragen ans Lab heran, in anderen regen die Forscher an, sich bestimmten Problemen zu widmen. Die Arbeit im Lab wird in den Stundenplan oder die Abschlussarbeit der Studenten integriert.

In Deutschland, wo allzu große Nähe zwischen Wissenschaft und Industrie als anrüchig gilt, wäre eine solch enge Zusammenarbeit kaum denkbar. Für Oleg Brodt, den Direktor für Forschung und Entwicklung des Labs, scheint sie das normalste der Welt. „Wir schreiben nicht nur Artikel für die wissenschaftliche Gemeinschaft, wir gehen auf Konferenzen und die Leute klatschen. Wir versuchen, Probleme zu lösen, die eines Tages Probleme des wahren Lebens sein werden.“

Brodt, 37 Jahre alt, trägt ein kurzärmliges Karohemd, das bevorzugte Kleidungsstück für Männer der israelischen IT-Szene, in der Formalitäten wenig zählen. Das gilt auch für den Umgang zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten – anders als etwa in Deutschland, wie Brodt beobachtet hat. „In deutschen Unternehmen sagt der Boss dir, was zu tun ist, und du tust es, ohne Fragen zu stellen“, sagt er. „In Israel versuchst du, ihn zu überzeugen, dass er in Wahrheit etwas ganz anderes braucht.“

Diese Mentalität, meint Brodt, habe ihren Ursprung ausgerechnet in der Armee: „Hier wollen die Soldaten die Logik hinter einer Anweisung verstehen, und wenn sie anderer Meinung sind, widersprechen sie ihrem Kommandeur. Das gehört hier dazu.“ Brodt selbst diente, wie so viele Angehörige der israelischen IT-Industrie, in einer Software-Einheit. Er studierte Ingenieurwesen an der Akademie der Luftwaffe und nach seiner Entlassung aus der Armee Jura an einer Privatuniversität. Zehn Jahre arbeitete er für verschiedene Tech- und Rechtsfirmen in Tel Aviv, bis er vor dreieinhalb Jahren mit seiner Frau nach Be’er Sheva zurückkehrte, ihre gemeinsame Heimatstadt, und die Stelle im Telekom Innovation-Lab antrat. „Zu dem Zeitpunkt begann die Tech-Branche hier gerade aufzublühen.“

Das Projekt soll 1 Mrd. Dollar kosten; zwei Gebäude stehen schon
Das Projekt soll 1 Mrd. Dollar kosten; zwei Gebäude stehen schon (Foto: Jonas Opperskalski)

Seitdem wächst sie ungebremst, und der Staat liefert den Dünger. In einigen Jahren soll nach einem Beschluss der Regierung das letzte Puzzlestück fertiggestellt werden: jener „digitale Campus“ der IDF, auf dem dann mehrere Tausend Soldaten in Cyberabwehr aus- gebildet werden. In Israel herrscht Wehrpflicht, Männer werden für drei, Frauen für zwei Jahre eingezogen. Auch die Armee verspricht sich Vorteile von der Nähe zu Forschung und Firmen. „Wir können uns zusammensetzen, ein Vertreter aus der Wirtschaft, ein Start-up-Mensch und jemand von uns“, sagt Oberstleutnant Itay Sagie, Projektleiter des Armee-Campus, „und dann arbeiten wir an einer gemeinsamen Studie oder entwickeln eine gemeinsame Lösung für ein Problem. Wir schaffen in Be’er Sheva eine neue Arbeitsumgebung, die Kreativität und Innovation befördert.“ Dass die enge Zusammenarbeit zur Enthüllung militärischer Geheimnisse führen könnte, fürchte er nicht: „Wir arbeiten schon heute mit Wissenschaft und Firmen zusammen, wir wissen, wie wir sensible Bereiche schützen.“

Die Hightech-Armee

Die exzellente Ausstattung und technologische Ausbildung der IDF gelten als die wichtigsten Faktoren für die Stärke und Innovationskraft israelischer Tech-Firmen. „Israels geheime Cybermaschine“ nannte das US-Magazin „Forbes“ eine elitäre Aufklärungseinheit der IDF, die besonders viele Start-up-Gründer hervorbringt. „Die Armee hat Cyber in den 90er-Jahren als eine eigene Kampfdomäne definiert, wie Wasser und Luft, und begonnen, Expertise aufzubauen“, erklärt Haya Shulman, Co-Leiterin des Fraunhofer Projekt- zentrums für Cybersecurity an der Hebräischen Universität von Jerusalem. „Alle Israelis gehen zur Armee, viele von ihnen werden in Cybersecurity ausgebildet. Dieses Training unterscheidet sich von dem, was Universitäten tun, weil es sehr praktisch und spezifisch ist.“

Technische Überlegenheit gehört zu den Prinzipien der israelischen Sicherheitsstrategie. Schon die frühen Zionisten verstanden, dass sie „massiv in Humankapital über Bildung, Wissenschaft und Technik investieren“ müssten, um in einem kleinen, ressourcenarmen Land zu überleben, schreiben die israelischen Sicherheitsexperten Lior Tabansky und Isaac Ben Israel in ihrem Buch „Cybersecurity in Israel“.

Um den militärischen Nachteil des schmalen Landstrichs auszugleichen, gaben sämtliche Regierungen seit der Staatsgründung 1948 etwa der Aufklärung durch Geheimdienste hohe Priorität und trieben die Forschung voran. Die aktuelle Regierung macht da keine Ausnahme: Premierminister Benjamin Netanjahu hat es zur Chefsache erklärt, Israel zu einem weltweit führenden Standort für Cybersicherheit zu machen, militärisch wie zivil. Auf der Cyber Week, einer Branchenmesse in Tel Aviv im Juni, warnte er persönlich vor der künftigen Bedrohung durch Cyber-Angriffe. „Das ist ein großer Test unserer Zivilisation“, rief er den versammelten IT-Experten, Unternehmen und Investoren zu. „Für Cybersecurity hätten Sie an keinen besseren Ort kommen können.“

Auf einen Unsicherheitsfaktor haben jedoch auch israelische Experten noch keine Antwort gefunden: den Menschen. Im Juli wurde bekannt, dass es der islamistischen Hamas gelungen war, auf Handys israelischer Soldaten zuzugreifen. Dazu hatten die Islamisten zwei Apps entwickelt, die sie in den Google-Store stellten und mithilfe von Fake-Accounts über soziale Medien bewarben. Eine App lieferte Updates zur Fußball-WM, die zweite war eine Dating-App.

Hunderte israelische Soldaten luden sie herunter, einige von ihnen waren an der Nähe zum Gazastreifen stationiert. Über die Apps konnte die Hamas offenbar die Handys der Sol- daten manipulieren und Ton- und Bildaufnahmen von Militärbasen machen. Zwar wurde der Angriff entdeckt, und die Armee erklärte, dass kein sicherheitsrelevanter Schaden entstanden sei. Doch der Vorfall war eine Erinnerung: Die ausgefeiltesten Pläne, die höchsten Investitionen, die beste Strategie helfen nicht gegen menschliche Schwäche. Erst recht nicht, wenn es um Liebe und Fußball geht.