IT-SicherheitHier entwickelt Israels Armee den ersten Cybersecurity-Cluster

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Unter den Firmen, die bereits einen Standort in Be’er Sheva unterhalten, ist auch ein großer deutscher Name: die Telekom. Seit 14 Jahren betreibt sie an der Ben-Gurion Uni- versity ein Innovation-Lab, in dem Studenten und Wissenschaftler Cybersecurity-Lösungen entwickeln. In manchen Fällen tritt die Telekom mit konkreten Fragen ans Lab heran, in anderen regen die Forscher an, sich bestimmten Problemen zu widmen. Die Arbeit im Lab wird in den Stundenplan oder die Abschlussarbeit der Studenten integriert.

In Deutschland, wo allzu große Nähe zwischen Wissenschaft und Industrie als anrüchig gilt, wäre eine solch enge Zusammenarbeit kaum denkbar. Für Oleg Brodt, den Direktor für Forschung und Entwicklung des Labs, scheint sie das normalste der Welt. „Wir schreiben nicht nur Artikel für die wissenschaftliche Gemeinschaft, wir gehen auf Konferenzen und die Leute klatschen. Wir versuchen, Probleme zu lösen, die eines Tages Probleme des wahren Lebens sein werden.“

Brodt, 37 Jahre alt, trägt ein kurzärmliges Karohemd, das bevorzugte Kleidungsstück für Männer der israelischen IT-Szene, in der Formalitäten wenig zählen. Das gilt auch für den Umgang zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten – anders als etwa in Deutschland, wie Brodt beobachtet hat. „In deutschen Unternehmen sagt der Boss dir, was zu tun ist, und du tust es, ohne Fragen zu stellen“, sagt er. „In Israel versuchst du, ihn zu überzeugen, dass er in Wahrheit etwas ganz anderes braucht.“

Diese Mentalität, meint Brodt, habe ihren Ursprung ausgerechnet in der Armee: „Hier wollen die Soldaten die Logik hinter einer Anweisung verstehen, und wenn sie anderer Meinung sind, widersprechen sie ihrem Kommandeur. Das gehört hier dazu.“ Brodt selbst diente, wie so viele Angehörige der israelischen IT-Industrie, in einer Software-Einheit. Er studierte Ingenieurwesen an der Akademie der Luftwaffe und nach seiner Entlassung aus der Armee Jura an einer Privatuniversität. Zehn Jahre arbeitete er für verschiedene Tech- und Rechtsfirmen in Tel Aviv, bis er vor dreieinhalb Jahren mit seiner Frau nach Be’er Sheva zurückkehrte, ihre gemeinsame Heimatstadt, und die Stelle im Telekom Innovation-Lab antrat. „Zu dem Zeitpunkt begann die Tech-Branche hier gerade aufzublühen.“

Das Projekt soll 1 Mrd. Dollar kosten; zwei Gebäude stehen schon
Das Projekt soll 1 Mrd. Dollar kosten; zwei Gebäude stehen schon (Foto: Jonas Opperskalski)

Seitdem wächst sie ungebremst, und der Staat liefert den Dünger. In einigen Jahren soll nach einem Beschluss der Regierung das letzte Puzzlestück fertiggestellt werden: jener „digitale Campus“ der IDF, auf dem dann mehrere Tausend Soldaten in Cyberabwehr aus- gebildet werden. In Israel herrscht Wehrpflicht, Männer werden für drei, Frauen für zwei Jahre eingezogen. Auch die Armee verspricht sich Vorteile von der Nähe zu Forschung und Firmen. „Wir können uns zusammensetzen, ein Vertreter aus der Wirtschaft, ein Start-up-Mensch und jemand von uns“, sagt Oberstleutnant Itay Sagie, Projektleiter des Armee-Campus, „und dann arbeiten wir an einer gemeinsamen Studie oder entwickeln eine gemeinsame Lösung für ein Problem. Wir schaffen in Be’er Sheva eine neue Arbeitsumgebung, die Kreativität und Innovation befördert.“ Dass die enge Zusammenarbeit zur Enthüllung militärischer Geheimnisse führen könnte, fürchte er nicht: „Wir arbeiten schon heute mit Wissenschaft und Firmen zusammen, wir wissen, wie wir sensible Bereiche schützen.“