FinanzevolutionCrowdinvesting vor Bewährungsprobe

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Intransparenz und unklare PR-Rhetorik

Wer schon einmal in einem oder für ein zahlungsschwaches Unternehmen gearbeitet hat, der weiß, dass Sozialversicherungsträger nicht bei der ersten Zahlungsverzögerung sofort zum Insolvenzgericht rennen. Normalerweise gibt es hier stets Spielraum, über den man sprechen kann. Hier könnte also vermutet werden, dass bereits während der Fundingphase hinter den Kulissen mächtig um fällige Verbindlichkeiten von Vibewrite gerungen wurde.

Erstaunlich, dass in zwei Updateberichten von den Problemen mit den Sozialversicherungsbeiträgen am 7.11.2014 und selbst am 12.12.2014 nichts zu lesen war. Man erfuhr lediglich, dass sich die Marktreife für das Produkt um mindestens neun Monate verzögern werde und die Suche nach weiteren Investoren zunächst erfolglos gewesen sei. Erst drei Tage später las man von den eigentlichen Problemen. Mit dieser kommunikativen “Glanzleistung” hat nun auch die digitale Wirtschaft ein Beispiel für Intransparenz und unklare PR-Rhetorik hingelegt, für die sonst stets die Banken gescholten wurden.

Nun muss man fair sein. Ein Start-up zum Laufen zu bringen und liquide zu halten, ist insbesondere in Deutschland echte Knochenarbeit. Ich verneige mich vor jedem Gründer, der diesen beinharten und oft nicht von (finanziellem) Erfolg gekrönten Weg geht. Dies vorangestellt erzeugt dieser Fall dennoch einen negativen Beigeschmack, weil möglicherweise in der Fundingphase wichtige Informationen den Interessenten nicht zur Verfügung gestellt wurden.

Die Bewährungsprobe ist da

Der Fall Vibewrite könnte Wasser auf die Mühlen der Gegner dieser neuen Finanzierungsform sein. Für mich ist er freilich eher ein Meilenstein, der die Professionalisierung fördern kann. Ich hatte bereits vor zwei Jahren kritisiert, dass viele Präsentationen die Chancen neuer Geschäftsmodelle überbetonen, die Risiken dagegen meist nur am Rande, im Disclaimer oder im Kleingedruckten erwähnen. Den Investoren vorgelegte Planungen gleichen dabei eher den Wünschen der Gründer und kratzen oft nur die Oberfläche. Ich schrieb außerdem:

“Die erste Bewährungsprobe wird kommen, wenn erste Investments über die Crowd ausfallen und sich herausstellt, dass dabei schlecht, zu wenig oder im schlimmsten Fall sogar falsch informiert wurde.”

Genau diese Bewährungsprobe ist nun da. In der Szene wird nun intensiv darüber diskutiert, wie man auf solche Fälle reagieren sollte. Dazu gehört auch die Verantwortung der Plattformen selbst. Nun hat hier Seedmatch eine juristische Konstruktion gewählt, mit der das finanzierende Unternehmen nicht die Pflicht hat, einen sonst ab 100.000 Euro für öffentliche Finanzierungen erforderlichen Verkaufsprospekt zu erstellen (siehe diesen Text der BaFin zur Prospektpflicht beim Crowdfunding). Kein Prospekt für die Anleger heißt aber auch, deutlich weniger Informationen (was dagegen die Finanzaufsicht erwartet, kann man in dieser “Überkreuz-Checkliste für Vermögensanlagen-Verkaufsprospekte” nachlesen).

Leider unterstreicht dieser Fall, dass wir viele der unhandlichen und gründungsfeindlichen Gesetze in Deutschland immer wieder solchen Fällen zu verdanken haben. Im letzten Sommer lief die Crowfundingszene zu Recht Sturm gegen den Entwurf für ein “Kleinanlegerschutzgesetz”. Zwar will das Gesetz die Grenze für die Prospekte deutlich anheben, aber insgesamt sehen die Vertreter in der Fülle neuer und zum Teil sehr unpraktikabler Vorschriften eher eine Gefährdung der noch jungen Branche (ausführliche Stellungnahme des Branchenverbands „German Crowdfunding Network“ unter diesem PDF-Link).

Der bürokratische Aufwand, der etwa hinter der Prospektpflicht und vielen anderen Regelungen steckt, ist hoch. Dabei decken etwa die nach der oben verlinkten Checkliste geforderten Informationen nicht einmal das ab, was sonst professionelle Investoren in einer Due Diligence erwarten. Dennoch, bei vielen Crowdinvesting-Angeboten besteht Nachholbedarf bei der Professionalisierung und Standardisierung der bereitgestellten Informationen. Wenn die Plattformen die eingangs erwähnte Wachstumsdelle ausbügeln wollen, müssen sie hier mehr Qualität von den Unternehmen einfordern und die eigene Qualitätssicherung verbessern. Die Crowd kann bei entsprechenden Anreizen hier sicher hilfreich sein, genauso wie Leadinvestoren, die einen verbesserten Zugang zu Informationen bekommen.

Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass Qualität dabei nicht heißt, dass Investments ohne Risiko sein müssen. Qualität heißt aber, dass Investoren die Risiken auf Basis der bereit gestellten Informationen möglichst klar selbst einschätzen können. Ein Hinweis im Kleingedruckten auf einen möglichen Totalverlust, mag zwar rechtlich angemessen sein, ökonomisch ernst genommen wird man so freilich von Investmentprofis nicht.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite