WeltwirtschaftCoronavirus: Es gibt kein Zurück zur Vorkrisen-Normalität

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Höhere Kosten für Unternehmen

Blackrock-Investmentstratege Mike Pyle formuliert es so: Im Ergebnis können wir Lieferketten haben, „die weniger effizient aber widerstandsfähiger sind“. Er teilt die Sicht von einem schnelleren Trend zur Entkopplung und einer sich umkehrenden Gobalisierung im Fahrwasser der Infektionswelle.

Eine Abkehr von der völlig entfesselten Globalisierung kann auch einige Vorteile mit sich bringen (wie Raghuram Rajan in seinem Buch ausführlicher erläutert). Unternehmen müssen aber kurz- und mittelfristig mit höheren Kosten rechnen. Länder wie Vietnam können ja nicht über Nacht sämtliche Produktionsausfälle chinesischer Fabriken auffangen.

Wenn die Entkopplung sich also fortsetzt, werden internationale Konzerne kostenträchtige Entscheidungen über Arbeitskräfte, Produktivität und Transportwege zu fällen haben, um die Verlagerung weg von China zu organisieren. Viele Anleger setzen genau darauf, und das vor dem Hintergrund, dass die wahrscheinlichsten Sieger der US-Wahlen 2020, Donald Trump oder Bernie Sanders (der von vielen inzwischen als Favorit der Demokraten angesehen wird*) beide der Meinung sind, dass ein stärkerer wirtschaftlicher Nationalismus eine gute Sache ist.

Sanders möchte, wie viele andere Demokraten, die zunehmende Konzentration in der Wirtschaft bremsen, die zwar den Margen gutgetan hat, nicht aber den Steuereinnahmen des Staates, dem Einkommen der Arbeitnehmer oder dem Wettbewerb. Viele auf beiden Seiten des politischen Spektrums der USA (von Europa ganz zu schweigen) würden die Marktmacht der großen Technologieunternehmen und Schwergewichten im S&P-500-Index  nur allzu gerne eindämmen – aus verschiedenen politischen Gründen, die von nationaler Sicherheit und Wettbewerbsbedenken bis zu Datenschutz und Steuergerechtigkeit reichen.

Keine Rückkehr zur Normalität

Über viele Jahrzehnte haben rücksichtslose Außenhandels- und Steuerpolitik, denen Präsident Trump 2017 mit Steuersenkungen und anderen neuen Regeln Tür und Tor öffnete, Unternehmen üppige Profite beschert. Aber auch hier bewegt sich etwas. Einige europäische Länder besteuern die Tech-Riesen. Die OECD macht Druck auf ihre Mitglieder, sich auf Regeln für eine Digitalsteuer zu einigen. Und einige Staaten, darunter Kalifornien, denken über eine Besteuerung digitaler Dividenden nach. In einer Welt, in der Populisten Auftrieb haben, kann ich mir kaum vorstellen, dass Unternehmenssteuern oder Einkommen von Arbeitnehmern sich in eine andere Richtung bewegen als nach oben.

In der Zwischenzeit steigert das Schreckgespenst von langsamerem Wachstums oder gar einer Rezession bis November die Wahrscheinlichkeit einer Sanders-Präsidentschaft. Aber selbst wenn Trump wiedergewählt wird, oder die US-Notenbank mehr Anleihen auf den Markt werfen würde, wage ich zu bezweifeln, dass die Gewinnmargen der US-Unternehmen auch nur annähernd auf das Niveau der letzten Jahre zurückkehren.

Präsident Trump legt Anlegern verständlicherweise nahe, Aktien zu kaufen. Aber die richtige Reaktion auf diesen Rat hängt davon ab, ob man auf lange Sicht an eine Rückkehr zur Normalität glaubt. Ich kann das nicht erkennnen. Es kann gut sein, dass die Märkte sich wieder erholen. Vielleicht als positive Reaktion auf geldpolitische Anreize der Zentralbanken, oder auf eine langsamere Ausbreitung des Coronavirus oder auf beides. Aber ich bezweifle, dass der Kursverlauf der Börsen ein perfektes V ergeben werden. Dafür hat das andere große V – das Virus – zu viel Verletzlichkeit offenbart.

Copyright The Financial Times Limited 2020

* Anm. d. Red.: Der Text wurde vor den US-Vorwahlen in 14 Bundesstaaten geschrieben.