ExklusivCorona-Studie: der Plan hinter dem „Heinsberg-Protokoll“

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Doch schon am Gründonnerstag unmittelbar nach der Vorstellung der Zwischenergebnisse regte sich Kritik an der Qualität der wissenschaftlichen Präsentation, die sich auf zwei dürre Seiten beschränkte. Einige von Streecks Kollegen wie der Charité-Virologe Drosten und der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause wiesen auf offene Fragen zu der Methodik und der eiligen Veröffentlichung hin. Streeck selbst räumte am Karfreitag bei „Zeit online“ ein, die Studie sei „mit heißer Nadel gestrickt“ worden – und nannte auch einen Grund dafür: Man habe sie noch vor der politischen Entscheidung über einen verlängerten Shutdown nach Ostern vorlegen wollen. Zwei Tage später erschien dann ein Interview mit dem „Tagesspiegel“, in dem Streeck sein Vorgehen verteidigte. Darin erklärte der Forscher nun: „Die Veröffentlichung ist keinesfalls leichtfertig erfolgt. Wir haben bis in die Nacht auf Donnerstag darüber diskutiert, ob wir jetzt erste Daten präsentieren sollen.“

Allerdings hatte die NRW-Landesregierung bereits am frühen Mittwochabend die Einladung für die Pressekonferenz am nächsten Vormittag verschickt, auf der „erste Zwischenergebnisse“ der Studie vorgestellt werden sollen. Auf Capital-Anfrage erklärte die Staatskanzlei, die Entscheidung für den Termin am Gründonnerstag sei „vonseiten der mit dem Forschungsprojekt Covid-19 Case-Cluster-Study befassten Wissenschaftler getroffen“ worden – also von Streeck und seinen Kollegen, die noch in der Nacht mit sich gerungen haben wollen, überhaupt Daten vorzulegen.

Weitere mögliche Sponsoren angefragt

Tatsächlich stand der Termin Gründonnerstag aber auch schon im Storymachine-Konzept aus den ersten April-Tagen: Dort wird ein „Zwischenbericht“ bis Gründonnerstag geplant – als Abschluss der ersten von drei Kommunikationsphasen. Auf die Frage, wer die Entscheidung für diesen Termin für den Zwischenbericht getroffen habe, antwortete Mitinhaber Jessen: „Das entzieht sich unserer Kenntnis. An dieser Entscheidung waren wir nicht beteiligt.“ Studienleiter Streeck äußerte sich auch zu dieser Frage nicht.

Die Frage, ob mit Blick auf die anstehende Bund-Länder-Entscheidung über die Exit-Strategie Druck auf Streeck und seine Kollegen ausgeübt wurde, wissenschaftlich noch nicht ausreichend belastbare Zwischenstände zu präsentieren, beschäftigt inzwischen auch den nordrhein-westfälischen Landtag. Dazu läuft eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion. Darin geht es um die zeitlichen Abläufe, aber auch um die Rolle der „Partner“ von Storymachine, die einen Teil der Kosten für das PR-Projekt übernommen haben. Darüber hinaus prüft auch der Deutsche Rat für Public Relations das Engagement der Firma bei dem „Heinsberg-Protokoll“. Das Selbstkontrollorgan will unter anderem untersuchen, ob die Agentur ihre Geldgeber rechtzeitig offengelegt hat.

Wie Capital-Recherchen ergeben, hat sich Storymachine im Vorfeld des Projekts zunächst auch um weitere Finanziers bemüht – über die beiden öffentlich genannten Unternehmen Deutsche Glasfaser und Depot hinaus. Dafür hat sie bei mehreren Unternehmen, Verbänden, Stiftungen und Einzelpersonen angeklopft. Konkret bestätigte der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB), in dem die Landesbanken sowie die Förderbanken von Bund und Ländern organisiert sind, von der Agentur angefragt worden zu sein. Auch der Verein Atlantik-Brücke bestätigte eine Anfrage. Man habe sich aber gegen eine Beteiligung entschieden, teilten beide Institutionen mit.

Auf Anfrage schloss Storymachine-Mitinhaber Jessen aus, dass sich neben den beiden genannten Firmen weitere Sponsoren finanziell engagieren. Weiter erklärte er, Studienleiter Streeck habe gewusst, dass man für das Projekt mit Partnern zusammenarbeite, die einen Teil der Kosten tragen. Die Landesregierung, die Streecks Studie finanziert, erfuhr von den Sponsoren nach Jessens Darstellung allerdings nichts.

 


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