Interview„Corona ist für den Fußball, was Lehman für die Finanzwelt war“

Leeres Stadion in München: Die Folgen der Corona-Krise setzt auch der Bundesliga zu. Bei vielen Clubs ist die Finanzlage angespanntimago images / Sven Simon

Capital: Für die Proficlubs gelten derzeit unterschiedliche Vorgaben für die Zulassung von Zuschauern – je nach Corona-Lage und Entscheidung der zuständigen Behörden. Zum Saisonauftakt waren bei RB Leipzig 8.500 Zuschauer erlaubt, beim 1. FC Köln keine, beim KSC dürfen vorerst 450 rein. Ist das nicht eine Wettbewerbsverzerrung?

Dirk Adam ist Rechtsanwalt und Partner der Sozietät Wellensiek. Als Restrukturierungs- und Sanierungsexperte berät er mittelständische Unternehmen, auch aus dem Profifußball. Im Frühjahr war er beim Karlsruher SC als Berater daran beteiligt, die Insolvenz zu vermeiden

DIRK ADAM: Natürlich. Die unterschiedlichen Erlöspotenziale bei den Ticketverkäufen führen zu einer ganz erheblichen Verzerrung des wirtschaftlichen Wettbewerbs. Die Folgen hieraus werden oftmals erst mit zeitlichem Versatz sicht- und fühlbar.

Sollte die DFL dann einheitlichen Vorgaben für die Clubs erlassen?

Aus meiner Sicht ist hier nicht in erster Linie die DFL gefragt, sondern die Politik. Letztlich sind die unterschiedlichen Vorgaben für die Zuschauerzahlen ein Ergebnis des Föderalismus, weil für den Infektionsschutz die Länder zuständig sind. Was wir brauchen, ist eine bundeseinheitliche, systematische, aber auch risiko-dynamische Regelung für Lockerungen in den Stadien, die mit einheitlichen Hygiene-Konzepten umgesetzt werden.

Durch das Wegbrechen der Ticketerlöse und anderer Einnahmen in der Corona-Krise ist deutlich geworden, wie dünn die Kapitalpuffer bei einigen Bundesligisten sind. Schalke benötigt eine Staatsbürgerschaft, Werder Bremen einen KfW-Kredit. Beim KSC haben Sie im Frühjahr eine Insolvenz knapp abgewendet, indem Gläubiger auf Forderungen verzichtet haben. Wie ernst ist die Lage der Branche?

Ich glaube, dass viele Clubs ähnliche Probleme haben wie der KSC, einige sogar noch deutlich gravierendere. So wie sie in den vergangenen Jahren gehaushaltet haben, können zahlreiche Vereine die Krise nicht überstehen – abgesehen von den drei oder vier finanzstärksten Clubs. Doch manche Clubmanager verkennen die Krise und setzen lieber auf eine Strategie aus Hoffen, Bangen und Fokussierung auf sportliche Aspekte.

Droht auch im Profifußball eine Pleitewelle?

Ob es zu einer Pleitewelle kommt, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Aber sollte tatsächlich ein Club Insolvenz anmelden müssen, könnte das zu einem Dominoeffekt führen. Gefährlich werden könnte es etwa, wenn die Politik die Beschränkungen für Großveranstaltungen, die bislang bis Jahresende befristeten sind, verlängern sollte. Dann müssten alle Vereine ihre Umsatzplanung für 2021 überarbeiten, und manche könnten feststellen, dass sie nicht mehr durchfinanziert sind. Deshalb sollten sich die Vereine und Spielbetriebsgesellschaften frühzeitig Rat holen – und zwar nicht von klassischen Sportberatern und Sportrechtlern, sondern von Restrukturierungs- und Sanierungsexperten.

In der Fußballbranche ist die Bereitschaft, sich Rat von außen zu holen, nicht besonders ausgeprägt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Dieser Eindruck ist auch bei mir entstanden. Bei vielen Vereinen gibt es im Umfeld Leute mit einem gewissen Sachverstand, die in Gremien sitzen oder dem Club nahestehen, und sich voller Enthusiasmus einbringen wollen. Zum Beispiel jemand, der sagt: Ich habe ein Unternehmen mit 3.000 Leuten, ich weiß, wie das läuft. Doch diese Leute können in der Regel nicht nüchtern und objektiv entscheiden, wenn es um den Club geht, bei dem sie Mitglied oder Fan sind. Und nicht jeder, der ein Unternehmen hat, weiß auch, wie ein Turnaround funktioniert und was zu tun ist, wenn es wirklich eng wird.

Das heißt, die unzureichende Corporate Governance in vielen Fußballunternehmen wird jetzt zu einem Faktor, der die Krise noch verschärft?

Definitiv. Im Fußball sind die Gremien eines Clubs nicht selten von Sympathien und Antipathien geprägt. Das führt dazu, dass wichtige Entscheidungen stark durch Emotionen beeinflusst werden. Das erschwert manchmal, sachliche Lösungen zu finden. Auch deshalb können in der Krise Berater von außen helfen, weil sie unbelastet sind und objektiv entscheiden können. Beim KSC ist uns die Rettung gelungen, weil wesentliche Gremien des Vereins und der Spielbetriebsgesellschaft von Beratern vertreten wurden, die trotz unterschiedlicher Interessen vertrauensvoll und zielorientiert zusammengearbeitet haben.

„Viele Vereine benötigen jetzt eine Brückenfinanzierung, um Zeit zu gewinnen. Das wäre auch eine Aufgabe der KfW“

Dirk Adam

In der Krise haben Bund und Länder viele Hilfsprogramme für einzelne Branchen aufgelegt. Braucht auch der Profisport ein Rettungspaket der KfW?

Die meisten Bundesligisten haben das gleiche Grundproblem wie viele Unternehmen aus anderen Branchen: Sie haben zu wenig Eigenkapital und zu wenige Rücklagen und sind deshalb schnell am Limit. Viele Vereine benötigen jetzt eine Brückenfinanzierung, um Zeit zu gewinnen, frisches Eigenkapital zu beschaffen und bilanziell sinnvoll langfristig aufzubauen. Genau das wäre die Aufgabe der KfW, unter Vermittlung von DFL und DFB solche Brückenfinanzierungen bereitzustellen, vielleicht auch mit geringen Sicherheiten. Dabei ist auch vorstellbar, dass die DFL oder der DFB Garantien für die Ausfallrisiken übernimmt. Auf diese Weise könnten die Vereine endlich beginnen, ihre Bilanzen zu sanieren. Denn gesunde Bilanzen sind die Voraussetzung, um Eigenkapital aufzubauen, etwa durch den Verkauf von Anteilen und Aktien an Investoren und nicht zuletzt an Fans.

Eigentlich soll das Lizenzierungsverfahren der DFL verhindern, dass Vereine unsolide wirtschaften. Warum sind die Bilanzen vieler Clubs trotz eines jahrelangen ununterbrochenen Booms der Bundesliga so katastrophal?

Die DFL prüft in ihrem Lizenzierungsverfahren schwerpunkthaft, ob ein Bundesligist ausreichend Liquidität hat, um am Spielbetrieb der kommenden Saison teilzunehmen. Die langfristige Verschuldung spielt im Lizenzierungsverfahren eine nur untergeordnete Rolle. Das Grundproblem im Profifußball ist der wahnsinnige Investitionsdruck, der zu einer Schuldenspirale führt. Auch das System, nach dem heute die Medienerlöse der Bundesliga unter den 36 Proficlubs verteilt werden, fördert Überinvestitionen, indem die sportlich erfolgreichsten Clubs am meisten Geld bekommen – unabhängig von ihrem finanziellen Einsatz. Das hat dazu geführt, dass die Vereine kaum oder jedenfalls zu wenig Rücklagen haben und jetzt in der Krise sofort verwundbar sind.