Interview„Corona ist für den Fußball, was Lehman für die Finanzwelt war“

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Wie lassen sich diese Anreize zum Schuldenmachen beheben?

Die DFL könnte die Fehlanreize beheben, indem sie bei der Verteilung der Medienerlöse das Verhältnis von sportlichem Erfolg und finanziellem Einsatz der Vereine stärker gewichtet und letztlich honoriert. Wenn zum Beispiel zwei Clubs am Ende der Saison auf den Plätzen acht und neun landen und der Neunte nur die Hälfte des Etats zur Verfügung hatte, dann sollte er mehr Geld aus dem Medientopf der DFL bekommen als der Achte. Denn dieser Verein hat eine ähnliche sportliche Leistung gebracht bei einer viel geringeren Investitionssumme. Auf diese Weise könnte die DFL dem Wettbewerb der Überinvestitionen die Grundlage entziehen. Damit wäre auch dem Anreiz der immer weitergehenden Verschuldung die Grundlage entzogen.

Das wäre ein Thema für die Task Force, die für DFL-Chef Christian Seifert Vorschläge für die Zukunft des Profifußballs erarbeiten soll…

Wenn wir über die Zukunft des Profifußballs sprechen, dann wäre auch eine „Task Force Bilanzsanierung“ der DFL sinnvoll, die sich mit der Eigenkapitalsituation und der Verschuldung der DFL-Mitgliedsunternehmen beschäftigt. Diese Task Force sollte in die Clubs entsandt werden, um diese bei der Befundanalyse und der anschließenden Sanierung zu unterstützen. Im Fußball hat sich in den vergangenen Jahren eine Finanzierungskultur etabliert, bei der wesentliche Verbindlichkeiten gar nicht in der Bilanz auftauchen – beispielsweise über Schuldscheindarlehen mit Nachrangabreden und Besserungsschein. Die 20 Mio. Euro, die wir im Frühjahr beim KSC entschuldet haben, waren in der Bilanz beispielsweise größtenteils nicht sichtbar.

Ein anderes Beispiel ist der HSV, der in seinen Anleiheprospekten Schuldscheindarlehen erwähnte. Welche Vereine nutzen diese Instrumente noch?

Ich bitte um Verständnis, dass ich zu konkreten Vereinen nichts sagen kann. Aber aus meinen Mandaten und dem Austausch mit Kollegen ist mir bekannt, dass viele Bundesligisten in der Vergangenheit auf Schuldscheindarlehen mit Besserungsschein zurückgegriffen haben, um Spielertransfers und Unterdeckungen in einer abgelaufenen Saison zu finanzieren. Das Problem dieser Finanzierungsinstrumente ist es, dass sie künftige Gewinne aufsaugen und Investitionen verhindern – denn wenn Einnahmen etwa durch Transfererlöse fließen, müssen zuerst die Besserungsscheine bedient werden. Das schreckt auch Investoren ab: Eine Aktie, die auf mittlere Sicht keine Dividenden abwirft, weil zunächst Transferverbrechen der Vergangenheit bereinigt werden müssen, will eigentlich sehenden Auges niemand kaufen.

„Die akuten Probleme des deutschen Fußballs können nicht durch eine Reform der 50+1-Regel gelöst werden“

Dirk Adam

Manche Clubs hoffen darauf, sich in der Krise durch Anteilsverkäufe über Wasser halten zu können. Selbst der FC Schalke als einer der letzten eingetragenen Vereine in der Bundesliga erwägt die Ausgliederung seiner Profiabteilung. Ist die Hoffnung, sich zur Not von Investoren retten zu lassen, also trügerisch? 

Wer jetzt unter Druck eine Ausgründung mit Aktienverkäufe durchzieht, geht nicht zuletzt auch strafrechtliche Risiken ein. Denn solange die Bilanzen nicht sauber sind, kann es sein, dass ein Verein Aktien verkauft, für die es praktisch – wegen der auflebenden Besserungsscheinabreden – keine Gewinnbezugsrechte gibt. Bevor ein Bundesligist seriös über den Verkauf von Anteilen nachdenken kann, um frisches Eigenkapital aufzunehmen, muss er sich daher im ersten Schritt zwingend entschulden. Deshalb ist es auch viel zu früh, jetzt unter dem Eindruck der Corona-Krise über die 50+1-Regel und die Rolle von Investoren in der Bundesliga zu diskutieren. Die akuten Probleme des deutschen Fußballs können nicht durch eine Reform der 50+1-Regel gelöst werden. Erst wenn die akuten Probleme im Bereich Verschuldung und Eigenkapital gelöst sind, gewinnt 50+1 in der Praxis überhaupt erstmals in der Breite Relevanz.

Kann die Corona-Krise am Ende auch eine reinigende Wirkung für die Branche haben?

Die Corona-Krise ist für den Fußball, was die Lehman-Krise für die Finanzwelt war – ein Anlass zum Analysieren und Reformieren. Die Branche sollte innehalten und sagen: So geht es nicht weiter. Auch im Fußball sind in den vergangenen Jahren viele Zombie-Unternehmen entstanden, die sich immer an der Grenze der Zahlungsfähigkeit bewegt haben. Jetzt führt die Krise dazu, dass der schon lange subcutan vorhandene Handlungsbedarf mit existentieller Tragweite offensichtlich wird. Das tut zwar weh, weil der Anlass schmerzhaft ist. Aber es ist immer gut, wenn man die Probleme angeht – vor allem, weil die Situation dafür günstig ist: Solange ich als Turnaround-Spezialist und Sanierer in besonderen Situationen tätig geworden bin, waren die Gläubiger noch nie so verständnisvoll und bereit, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, wie in dieser Zeit. Dadurch sind Entschuldungen innerhalb kurzer Zeit möglich, wenn man sie professionell angeht. Der Bedarf hierfür ist derzeit auf breiter Ebene gegeben – nicht nur im Fußball.

 


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