EnergiewendeCO2-Sauger: Rettet diese Maschine die Erde?

Wunderwerk: die CO₂-Filter­anlage des deutsch-schweizerischen Start-ups Climeworks
Wunderwerk: die CO₂-Filter­anlage des deutsch-schweizerischen Start-ups ClimeworksClimeworks

Das ist also das Gerät, das unser Klimaproblem lösen soll. Es steht auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage im Städtchen Hinwil bei Zürich. Brummt vor sich hin, während es vorn Luft aus der Umgebung ansaugt und hinten wieder auspustet, im Grunde wie ein Ventilator. Genau so sieht die Anlage auch aus: wie eine Batterie aus 18 mannshohen Ventilatoren, sechs nebeneinander, drei übereinander. Doch die Maschine des deutsch-schweizerischen Start-ups Climeworks kann mehr als bloß Luft umwälzen. Ihre 18 Kollektoren filtern Kohlendioxid (CO₂) aus der Umgebung, sie reinigen die Luft von Treib-hausgas. Das ist revolutionär. Die Anlage ist weltweit die erste, mit der sich CO₂ ausfiltern, sammeln und kommerziell vermarkten lässt. Erfunden haben die Maschine zwei deutsche Ingenieure: Jan Wurzbacher und Christoph Gebald. Die Idee kam den beiden, als sie gemeinsam Maschinenbau an der ETH Zürich studierten. „Als wir dann die Entwicklung der Anlage im großen Maßstab starteten, sagten viele: ,Das schafft ihr nicht, das kriegt ihr nicht hin‘“, erinnert sich Wurzbacher, ein hochgewachsener Mittdreißiger mit Dreitagebart und leuchtenden Augen. „Aber wir haben es geschafft.“

Heute betreibt Climeworks 14 Sauganlagen in sechs Ländern, darunter die Schweiz, Italien, Island, auch in Karlsruhe wird CO₂ abgesaugt. Das Apple der erneuerbaren Energien solle Climeworks werden, hat Gebald einmal gesagt. Er und Wurzbacher haben bereits um die 50 Mio. Euro von internationalen Geldgebern eingesammelt, Hauptfinanzier ist die Zürcher Kantonalbank. Bei Wettbewerbern aus den USA sind unter anderem der Ölmulti Chevron, der Rohstoffkonzern BHP Billiton sowie Microsoft-Gründer Bill Gates eingestiegen. Investoren, denen es nicht nur ums grüne Gewissen geht – sie wollen Rendite.

Ein Milliardengeschäft

CO₂-Sauger könnten ein Multimilliardengeschäft werden, weil die globale Erwärmung so rapide voranschreitet. Schon jetzt liegt die Durchschnittstemperatur des Planeten um 1,1 Grad höher als im vorindustriellen Zeitalter. Den Anstieg auf zwei Grad, besser noch auf anderthalb Grad zu begrenzen ist das Ziel, das auf diversen Weltklimakonferenzen beschworen wurde. Dazu müssten die Emissionen radikal sinken. Doch trotz aller guten Vorsätze steigen sie weiter.

Auf der Website des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC tickt eine symbolische Uhr. Mit jeder Sekunde schrumpft dort das verbliebene Kohlendioxidbudget der Menschheit: die maximale Menge, die wir noch emittieren dürfen. Für das Erwärmungsziel von 1,5 Grad sind es aktuell etwas weniger als 360 Milliarden Tonnen CO₂ – das entspricht derzeit dem globalen Ausstoß von nicht einmal neun Jahren. Für das Zwei-Grad-Ziel sind noch 1100 Milliarden Tonnen CO₂ drin – die wären in 26 Jahren ausgestoßen. Danach dürften wir dann gar kein Treibhausgas mehr emittieren, weder durch Industrieproduktion noch durch Landwirtschaft oder Flugzeuge, von Kraftwerken ganz zu schweigen.

„Wir werden unser CO₂-Budget überziehen“, sagt Jan Minx, Forscher am MCC und Professor für Klimawandel an der Universität Leeds. „Und dann werden wir den CO₂-Bruttoausstoß noch immer nicht auf null gebracht haben.“ Der Wissenschaftler sieht nur einen Ausweg: Man muss das CO₂, das wir jetzt in die Atmosphäre blasen, später wieder aus ihr entfernen. Auch in vielen Szenarien des Weltklimarats IPCC zur Begrenzung der Erwärmung spielen solche sogenannten negativen Emissionen eine tragende Rolle.

Nur mit technischen Neuerungen also wird sich die Menschheit aus der Lage befreien können, in die sie technische Neuerungen gebracht haben. Die Quadratur des Kreises wäre es, CO₂ zu annehmbaren Kosten aus der Luft zu filtern und damit gutes Geld zu verdienen. Tech-Start-ups rund um den Planeten wetteifern um die beste Methode: Carbon Engineering aus Kanada, Global Thermostat aus den USA, Ineratec aus Karlsruhe – und eben Climeworks.

Wurzbacher und Gebald sind vorne mit dabei im Rennen, aber noch weit weg vom Massengeschäft. Ihre Filteranlage in Hinwil, die 2017 startete, erntet im Jahr 900 Tonnen CO₂. Das entspricht in etwa den Emissionen von 170 Erdbewohnern. Um den globalen CO₂-Ausstoß zu neutralisieren, müssten 40 Millionen solcher Anlagen laufen.