InterviewClemens Fuest: „Für eine Rezession spricht derzeit wenig“

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts
Clemens Fuest, Präsident des Ifo-InstitutsRomy Vinogradova / ifo

Capital: Herr Fuest, mittlerweile haben nahezu alle Wirtschaftsforschungsinstitute die Wachstumsprognosen für Deutschland halbiert. Auch Sie prognostizieren ein Wachstum von 0,6 Prozent. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in diesem Jahr?

CLEMENS FUEST: Wir befinden uns in einem Abschwung mit deutlich sinkenden Wachstumsraten, aber für eine Rezession, also eine Schrumpfung der Wirtschaft im Jahr 2019, spricht derzeit wenig. Dafür gibt es zu viele stützende Faktoren.

Ende letzten Jahres sind wir knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Die Zahlen vom vierten Quartal könnten aber noch korrigiert werden. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir bereits in einer Rezession waren?

Vor allem im dritten Quartal 2018 hatte die Auto-Industrie große Probleme mit den neuen Zulassungsverfahren, und diese Probleme haben auch den Rest des Jahres beeinträchtigt. Man kann nicht ausschließen, dass die revidierten Zahlen auch für das vierte Quartal leicht negatives Wachstum zeigen, das wäre dann eine ‚technische‘ Rezession. Wichtiger sind die Aussichten für 2019, und die sind derzeit nicht so negativ.

Welche Gründe gibt es denn für die Abschwächung der Konjunktur?

Die Abschwächung hat mit den Problemen in der Autobranche zu tun, sie geht aber über den Sektor hinaus und betrifft mittlerweile große Teile der Industrie, insbesondere der Export-Industrie. Protektionismus und eine nachlassende Weltkonjunktur reduzieren derzeit die Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“.

Nächste Woche stehen Verhandlungen im Handelskonflikt zwischen China und den USA an. Würde eine Einigung die Rezessionsgefahr in Deutschland deutlich mindern?

Eine Eskalation des Handelskonflikts würde der Konjunktur in den USA und China schaden. Zwar wäre zu erwarten, dass dann beide Länder stärker auf Importe europäischer Produkte ausweichen, aber die negativen Wirkungen auf die Weltkonjunktur insgesamt wären vermutlich stärker.

Auch die EU rückte jüngst in den Fokus von Trumps Handelspolitik. Könnte dieser schwelende Konflikt in den kommenden Monaten das deutsche Wachstum drücken?

Das wäre vor allem dann zu erwarten, wenn die USA die angedrohten hohen Zölle auf Autoimporte aus Deutschland tatsächlich einführen. Dann müsste die EU Gegenmaßnahmen ergreifen, beides würde das deutsche Wachstum dämpfen.

Sie gehen in Ihrer Prognose von einem geordneten Brexit aus. Bleiben Sie auch nach den jüngsten Entwicklungen weiterhin dabei?

Die britische Politik hat sich in eine Sackgasse manövriert, und es schwer vorhersehbar, wie sie da wieder herauskommen will. Ich halte es trotzdem für wahrscheinlich, dass man einen Brexit ohne Abkommen noch vermeiden kann. Die Zeit drängt allerdings.

„Ich wäre dafür, den Brexit bis 2020 zu verschieben und in diesem Zeitraum umfassend über die künftigen Beziehungen zu verhandeln“

Clemens Fuest

Welche Auswirkungen auf das deutsche Wachstum hätte eine Verschiebung des Brexits?

Eine Verschiebung bedeutet anhaltende Unsicherheit über das Endergebnis, ist aber besser als ein schneller Brexit ohne Abkommen. Ich wäre dafür, den Brexit bis 2020 zu verschieben und in diesem Zeitraum umfassend über die künftigen Beziehungen zu verhandeln.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor, der derzeit nicht so stark im Rampenlicht steht: Italien befindet sich in einer Rezession, zudem droht eine Neuverschuldung. Welche Auswirkungen kann das auf die deutsche Wirtschaft haben?

Italien ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland. Die schwache Wirtschaftsentwicklung trifft uns auch und trägt zur aktuellen Konjunkturschwäche bei. Deutschland hat ein hohes Interesse an einer Stabilisierung der italienischen Wirtschaft. Das erfordert unter anderem eine solide Finanzpolitik, die stärker wachstumsorientiert ist, die Neuverschuldung aber nicht weiter ausdehnt.

Abgesehen von der abgeschwächten Weltkonjunktur: Hat auch die Bundesregierung zum wirtschaftlichen Abschwung beigetragen?

Man kann die Bundesregierung für viele Dinge kritisieren, aber ihr vorzuwerfen, sie hätte die aktuelle Konjunkturabkühlung verursacht, geht dann doch zu weit.

Einige Experten fordern bereits ein Konjunkturprogramm oder zumindest mehr Investitionen der Regierung in die Infrastruktur. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Konjunktur-Programme sollte man nur bei einem massiven wirtschaftlichen Einbruch auflegen, jetzt besteht dazu kein Anlass. Unabhängig davon wäre es wünschenswert, lange überfällige Infrastruktur-Investitionen anzuschieben. Das Problem liegt hier weniger in mangelndem Geld, sondern im Widerstand der Bevölkerung gegen neue Infrastruktur-Vorhaben und auch in einer stark ausgelasteten Bauindustrie.

Olaf Scholz hat diese Woche den Bundeshaushalt für 2020 vorgestellt. Wird diese Planung der konjunkturellen Lage gerecht?

In den letzten Jahren war die Finanzpolitik prozyklisch, trotz sehr guter Wirtschaftslage hat der Staat seine Ausgaben kräftig erhöht. Aktuell schwächt die Konjunktur sich ab, die Zeit für eine Ausgaben-Überprüfung wurde einmal mehr verpasst.

Sie erwarten für 2020 einen Anstieg des Wirtschaftswachstums auf 1,8 Prozent. Welche Gründe gibt es für diesen Aufschwung?

Wir erwarten, dass Belastungsfaktoren wie die Unsicherheit über den Brexit und die Probleme der Auto-Industrie mit den Zulassungen bis 2020 überwunden sind.