InterviewWarum es beim Grundeinkommen um mehr als nur Geld geht

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Wenn Sie sagen, es hat das Menschenbild verändert, wünschen sich jetzt alle Gewinner ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden?

Das war auch interessant: Spontan gab es auf diese Frage manches Nein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle war zunächst keineswegs selbstverständlich. Die meisten waren erstmal nur dankbar, dass sie selbst solch eine Erfahrung machen durften. Manche fanden zum Beispiel, dass Reiche kein Grundeinkommen bekommen sollten. Ab wann genau denn jemand reich sei, haben wir dann gefragt. Und dann gerieten alle ins Schwanken. Eine Gewinnerin, die von 800 Euro im Monat lebt, hielt Menschen mit 1600 Euro im Monat für reich. Wer mehr verdiente, sagte eine höhere Zahl. Reich sind immer nur die anderen. Gilt übrigens auch für Armut: Selbst der Obdachlose fand, dass andere das Grundeinkommen dringender bräuchten. Wir haben auch nach stigmatisierten Gruppen gefragt: Grundeinkommen für Junkies, Nazis, Verbrecher? Auch da gab es oft reflexhaft ein Nein, aber wenn wir nach konkreten Grenzen gefragt haben, begann die Reflektion. Und meist gab es dann ein vorsichtiges Ja. Wenn bedingungslos, dann bedingungslos.

Sie haben erzählt, dass die Menschen fast dankbar waren, Ihnen von den Erfahrungen zu erzählen. Haben sie das denn nicht auch im eigenen Umfeld getan?

Erstaunlicherweise waren viele sehr vorsichtig damit, von ihrem Gewinn zu erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Es gibt eine Scham, reich zu sein, und einige hatten auch Angst vor Neid. Viele fanden nicht, dass sie es verdient hätten. Geld ist ganz stark verknüpft mit Schuld und mit unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. Deswegen reden viele Menschen ungern darüber. Für einige war es das erste Mal, dass sie darüber nachgedacht haben, deswegen hatten sie so einen riesigen Redebedarf.

Der Verein verteilt ja nicht einfach nur Grundeinkommen, sondern kämpft auch für die allgemeine Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Ist die Aussagekraft eines Ein-Jahres-Experiment nicht sehr begrenzt, wenn es um eine langfristige Einführung geht?

Stimmt, dies ist ein Experiment im Reagenzglas. Ich sage immer: Wir lernen schwimmen. Da überquert man ja auch nicht gleich kraulend den Ärmelkanal, sondern startet im Nichtschwimmerbecken. Unser Experiment ist das Seepferdchen des Sozialstaats. Wir üben, damit wir irgendwann ohne Angst im Meer schwimmen. Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist sehr groß. Wir wollen uns vorsichtig annähern. Im nächsten Jahr werden wir ein etwas größeres Pilotprojekt starten. Da wird das Experiment auf drei Jahre verlängert, mit Kontrollgruppen und wissenschaftlicher Begleitung. Davon erhoffen wir uns noch tiefere Erkenntnisse.

2014 startete „Mein Grundeinkommen“. Damals war die Idee noch einigermaßen unbekannt, zumindest wurde sie von den meisten nicht als ernsthafte Politikoption betrachtet. Das hat sich geändert. Große Parteien diskutieren darüber, in manchen Ländern gibt es Pilotprojekte, digitale Vordenker plädieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wieso passiert da so viel?

Tatsächlich ist meine Geschichte mit dem bedingungslosen Grundeinkommen noch länger: Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren mit dem DM-Gründer Götz Werner zusammen. Als 2007 sein erstes Buch zu dem Thema erschien, hielten ihn alle für völlig verrückt. Beim zweiten Buch 2010 war die Idee schon etwas populärer, aber galt weiterhin als unrealistisch. In den letzten Jahren ändert sich das. Aufgrund der spürbaren Folgen der rasanten Digitalisierung hat auch die Mittelschicht Sorge vor Jobverlust. Plötzlich werden Fragen rund um Arbeit und Lohn neu gestellt. Dazu kommen andere Debatten: Aktuell die Diskussion über Hartz IV und Sanktionen, aber auch die feministische Kritik an der unfairen Verteilung und Bewertung von Pflege- und Erziehungsarbeit. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte eine originelle Lösung für manches Problem sein – auch, weil es das traditionelle Gegensatzpaar von Egalitarismus und Liberalismus plötzlich miteinander kombiniert.

Und was wird in den nächsten vier Jahren passieren?

Die Diskussion wird weiter brodeln, das ist klar. Bislang ging es immer um Finanzfragen, jetzt kommen wir zunehmend zu Gerechtigkeitsfragen. Unser Buch bringt erstmals eine psychosoziale Sicht in die Diskussion. Denn wir brauchen derzeit nicht nur technische, sondern vor allem auch soziale Innovationen. Auch wird es sicher mehr und mehr Experimente geben, rund um den Globus. Allerdings ist unseres bislang das weltweit einzige nicht-staatliche Experiment, das allein aus der Zivilgesellschaft getragen wird. Ich hoffe, dass wir Deutschen in diesem Feld weiterhin kreative Pioniere sind.