InterviewWarum es beim Grundeinkommen um mehr als nur Geld geht

Claudia Cornelsen
Claudia CornelsenOliver Betke


Seit 2014 haben 272 Menschen die 1000 Euro im Monat von „Mein Grundeinkommen“ erhalten. Claudia Cornelsen hat mit dem Gründer Michael Bohmeyer eine erste Bilanz gezogen. Für das Buch „Was würdest du tun?“ haben die beiden verschiedene Gewinner getroffen.


Capital: Für Ihr Buch haben Sie viele Menschen getroffen, die in den letzten vier Jahren ein einjähriges, bedingungslosen Grundeinkommen gewonnen haben. Was waren das für Menschen?

CLAUDIA CORNELSEN: Wir haben zwischen Flensburg und München insgesamt 24 Menschen getroffen, die nicht hätten bunter gemischt sein können. Die Jüngste war zwei Jahre alt, die Älteste 67. Es waren vom Obdachlosen bis zur Hotelerbin, vom prekär Beschäftigten bis zum Beamten alle sozialen Schichten darunter.

Buchcover "Was würdest du tun?"
Das Buch „Was würdest du tun?“ erschien am 25. Januar 2019 im Econ Verlag.

Und waren alle dazu bereit, mit Ihnen zu sprechen?

Überraschenderweise ja. Wir hatten bewusst nicht diejenigen angefragt, die bereits auf dem Blog des Vereins ihre Erfahrungen geteilt hatten. Denn statt der zur Schau gestellten Geschichten der Extrovertierten wollten wir die leisen, eventuell sogar unangenehmen Erfahrungen hören. Insofern waren wir überrascht, dass sich wirklich alle sofort zurückmeldeten – fast dankbar, dass sie mal gefragt wurden. Bei zwei, drei passte es dann terminlich nicht, alle anderen haben wir getroffen.

Haben Sie dann auch alle porträtiert, die sie getroffen haben?

Wir wollten unbedingt nicht nur die vermeintlich schönen Anekdoten rauspicken, sondern erzählen, was Realität ist. Dazu gehörten auch heikle Geschichten. Unser Ansatz: So ist Deutschland und so ist das Grundeinkommens-Deutschland. Wir beschönigen nichts. Auch nicht unsere eigenen Denkfehler und Vorurteile. Vor Drucklegung haben wir allen Interviewten die sie betreffenden Textstellen zugeschickt. Sie hatten das Recht, sie anonymisieren zu lassen. Dafür haben sich einige entschieden, weil sie eben auch über intime Dinge wie Ehekrisen oder Konflikte mit dem Chef geredet hatten. Aber wir haben nichts ausgelassen.

Das ruft nach einer Nachfrage: Was waren das für heikle Geschichten?

Zur sozialen Realität in Deutschland gehört nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Ein Gewinner bezog Hartz IV und hat das Grundeinkommen nicht beim Jobcenter gemeldet – rechtlich betrachtet ist das Sozialversicherungsbetrug. Wir haben einen Vater getroffen, der keinen Unterhalt für sein Kind zahlt, und wir haben alleinerziehende Mütter getroffen, die solch unsoziales Verhalten ausbaden müssen. Emotional besonders herausfordernd war für uns ein total sympathischer Mann, der sich am Ende des Gesprächs als Reichsbürger entpuppte. Darüber haben wir lange nachgedacht und unsere Gedanken auch im Buch geteilt: Wie kann jemand so Freundliches einen solchen Zorn auf unseren Staat entwickeln? Unsere Antwort: Die Umstände beeinflussen, wie Menschen denken und handeln. Auch in diesem Fall. Wir müssen beim Thema Grundeinkommen über sehr viel mehr sprechen als nur über Geld.

Nun geht das Experiment nur ein Jahr lang. Wie hat sich das Grundeinkommen denn langfristig auf die Menschen ausgewirkt?

Wir haben nur Menschen getroffen, die das Grundeinkommensjahr bereits abgeschlossen hatten oder im letzten Monat waren. Vereinzelt lag die Erfahrung sogar schon ein paar Jahre zurück. Alle haben uns von enormen Veränderungen erzählt – verrückterweise, egal wie reich oder arm sie waren. Alle haben uns begrüßt und gesagt: Das hat mein Leben verändert! Sogar weit über das Jahr hinaus. So etwas hatten wir in keinster Weise erwartet.

Inwiefern hat sich das Leben verändert?

Anfangs fühlten sich die meisten wie bei einem Lotterie-Gewinn. Aber dadurch dass die 1000 Euro jeden Monat wieder kamen, einfach so, ohne jeden Kommentar, ohne irgendeine Forderung – dadurch entstand mehr daraus. Das hat die Weltsicht und das Menschenbild der Leute verändert. Es ging plötzlich gar nicht mehr darum, was sie mit dem Geld gemacht haben, sondern darum, was das Geld mit ihnen gemacht hat. Entscheidend war diese radikale Bedingungslosigkeit, also dass sie Geld bekamen ohne irgendeine Voraussetzung und ohne jede Gegenleistung: Sie kriegen Grundeinkommen, einfach weil sie sind! Solch eine fundamental neue Erfahrung hat offenbar eine ziemlich starke Auswirkung auf unser Leben.