KolumneChristine Lagarde ist eine gute Wahl für die EZB

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Keine verpasste Chance für Deutschland

Aus deutscher Sicht heißt die Entscheidung für Lagarde auch, dass der Präsident der Bundesbank erneut nicht zum Zuge kommt. Das mag eine verpasste Gelegenheit sein. Aber macht es einen großen Unterschied? Die Erwartungen, die manche deutsche Beobachter mit einem möglichen Wechsel von Jens Weidmann von der Bundesbank zur Europäischen Zentralbank verbunden haben, waren immer übertrieben. Schließlich ist Weidmann ein echter Bundesbanker. In der Zeit, in der die Bundesbank bis 1998 unsere Geldpolitik gestaltet hat, war sie wesentlich pragmatischer, als das ihrem heutigen Image entspricht. Unter der Bundesbank war die deutsche Inflation im Regelfall doppelt so hoch wie heute. Wenn es wirtschaftlich – oder politisch – geboten war, hat auch die Bundesbank früher immer mal wieder für den französischen Franc oder die italienische Lira interveniert. Dass Krisen den Einsatz besonderer Mittel erfordern können, gehörte auch für einen echten Bundesbanker dazu.

Die Zinsen sind bei uns heute außerordentlich niedrig. Das hat wenig damit zu tun, dass die EZB eine Geldpolitik betreibe, die sich mehr an Italien als an Deutschland orientiere, wie es manchmal in Deutschland so heißt. In der Schweiz mit eigenständiger Geldpolitik sind die Zinsen noch stärker im negativen Bereich. Stattdessen drücken Wackelkonjunktur und Niedriginflation der Geldpolitik ihren Stempel auf.

Mit Krisen kennt sich Lagarde aus

Zudem wird der Einfluss des Zentralbankpräsidenten oftmals überschätzt. In normalen Zeiten diskutieren und entscheiden im Zentralbankrat der EZB 25 gestandene Männer und Frauen über den Kurs der Geldpolitik. Sie lassen sich kaum bevormunden. Wenn Weidmann seinen Platz in diesem Rat von dem des Bundesbank-Präsidenten auf den des Vorsitzenden des gesamten Gremiums hätte wechseln können, hätte dies die Debatte wohl nur begrenzt beeinflusst. Dem fachlich versierten Weidmann hätten wir diesen Aufstieg gerne gegönnt. Aber auch er hätte das zu erwartende Zinsprofil vermutlich nicht entscheidend ändern können oder wollen.

Auf die Person an der Spitze kann es vor allem dann ankommen, wenn in akuten Krisen Entscheidungen rasch vorbereitet werden müssen. In dieser Hinsicht bringt Lagarde viel Erfahrung mit. Das Management von Krisen ist schließlich das Hauptgeschäft des Währungsfonds. Hoffentlich steht uns keine unmittelbare Krise bevor. Dann dürfte Lagardes Wechsel nach Frankfurt sehr wenig ändern. Sollte es aber wider Erwarten in absehbarer Zeit doch zu einer erneuten Krise kommen, könnten wir der krisenerprobten Christine Lagarde zutrauen, unser Geld relativ sicher durch eine solche Krise zu steuern.


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.