Interview„China hat keine Freunde“

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„Besessenheit mit China“

Und die hat doch dann tatsächlich das globale Gleichgewicht verändert.

Es gibt in Deutschland und anderen westlichen Ländern eine Besessenheit mit China. Aber China ist nur zur Weltmacht geworden, weil es die Wachstumswellen davor gab. Es gäbe heute keine chinesische Wirtschaftsmacht, wenn Japan, Taiwan, Südkorea oder Singapur nicht in China investiert hätten. Durch den von den USA betriebenen Handelskrieg intensivieren sich diese Beziehungen sogar noch.

Endet die Entwicklung mit diesem Aufstieg Chinas?

Nein, natürlich nicht. Denn jetzt folgt die vierte Wachstumswelle. Mit Südasien, von Pakistan bis Indonesien. Das sind 2,5 Mrd. Menschen. Sehr junge Bevölkerungen – fast all diese Staaten sind im Schnitt zehn Jahre jünger als die chinesische Bevölkerung. Diese Staaten ziehen mehr Auslandsinvestitionen an als China.

„Wir schreiben China mehr zu als es eigentlich will“

Was bedeutet das für die Haltung der westlichen Industrieländer?

Zunächst einmal ist es völlig falsch, sich immer auf einen Staat zu konzentrieren, der die angebliche Nummer 1 ist. Noch einmal zum Beispiel Japan: Auch Japan wurde in den 80er-Jahren im Westen als wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen. Das aber hat sich völlig anders entwickelt. Japan ist einer der treuesten Partner der USA überhaupt.

Ist das eine Blaupause für das, was uns im Umgang mit China erwartet?

Das ist denkbar. Nicht, weil China sich von alleine ändern wird, das wird es nicht tun. Aber China kann, so wie Japan, auch gestaltet werden.

Anders als Japan wird China aber ja nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als geopolitische Bedrohung wahrgenommen. Ist das falsch?

Das ist nicht falsch. Aber wir machen einen grundsätzlichen Fehler: Manchmal schreiben wir China mehr zu als es eigentlich will. Und nicht alles, was wir China zuschreiben, muss auch zwangsläufig so eintreffen. China improvisiert genau so wie alle anderen auch. Das lässt sich zum Beispiel an der Reaktion auf die Finanzkrise nachweisen.