ExklusivDas Start-up, das dem Mittelstand hilft

Irgendwann muss der Junior ran, doch was ist, wenn der gar nicht will?
Irgendwann muss der Junior ran, doch was ist, wenn der gar nicht will?dpa

Der deutsche Mittelstand steht vor vielen Herausforderungen. Eine der drängendsten ist der demografische Wandel: Waren Unternehmensinhaber 2002 noch im Schnitt 45 Jahre alt, lag das Durchschnittsalter 2016 schon bei 51 Jahren. Mehr als ein Drittel war älter als 55 Jahre. Für diese Generation wird es höchste Zeit, ihre Nachfolge zu regeln. Bis Ende 2020, schätzt die KfW, dürften fast 230.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) übergeben werden – das sind sechs Prozent aller mittelständischen Firmeninhaber.

Den richtigen – oder überhaupt einen – Nachfolger oder Käufer zu finden, ist dabei keine triviale Aufgabe. Meist sind es lokale M&A-Berater, die dabei helfen, seit einigen Jahren versuchen auch digitale Kleinanzeigenportale wie Nexxt-Change (initiiert von Bundeswirtschaftsministerium und KfW) oder die Deutsche Unternehmerbörse (gehört zum Handelsblatt) Angebot und Nachfrage in diesem kleinteiligen und intransparenten Markt zusammenzubringen.

Zwei Gründer, deren Renteneintritt noch in weiter Ferne liegt, schicken sich nun an, die Regeln dieser Branche noch einmal neu zu verhandeln. Kurosch Habibi und Pascal Stichler kennen sich seit Schultagen, haben zusammen einen Debattierclub gegründet und als Schülervertreter gewirkt. Vor knapp drei Jahren haben sie, frisch aus dem Studium, das Start-up Carl Finance gegründet, mit dem Ziel, für Nachfolge und Unternehmensverkauf im Mittelstand eine digitale Lösung zu finden.

„Wir bringen die richtigen Leute an den Tisch und orchestrieren den Prozess für sie“

Pascal Stichler

„Nachfolge ist ein unfassbar großes Marktsegment“, sagt Stichler. „Viele haben uns gesagt, das wäre super persönlich und man könnte es nicht digitalisieren. Aber das haben die Leute auch über den Schuhversand gesagt“ – und heute ist es das normalste der Welt, bei Zalando zu bestellen.

Das Start-up versteht sich als „Managed Marketplace“, das heißt, es übernimmt viel mehr Aufgaben als nur den Marktplatz für Anbieter und Käufer bereitzustellen. „Wir bringen die richtigen Leute an den Tisch und orchestrieren den Prozess für sie“, sagt Stichler. Das übernimmt entweder das Carl-Finance-Team oder ein Netzwerk von 220 freien Beratern, die den Verkaufsprozess begleiten, der zudem mit eigener Software effizienter und standardisierter gemacht wird. Im Erfolgsfall bekommt das Start-up eine anteilige Vergütung.

Das Ziel sei, auch kleineren Mittelständlern mit Jahresumsätzen von 1 bis 50 Mio. Euro endlich „den gleichen Zugang zu einem professionellen und kosteneffizienten Verkaufsprozess zu bieten, wie er großen Konzernen bereits seit langem zur Verfügung steht“, so das Unternehmen. Mit 30 Mitarbeitern in Berlin betreut das Start-up aktuell ein Dealvolumen von 800 Mio. Euro in 120 Transaktionen.

Investoren werden hellhörig

Ein Deal, der erfolgreich via Carl Finance über die Bühne ging, betraf etwa eines der größten Unternehmen der Forstwirtschaft in Deutschland, erzählt Mitgründer Habibi. Ein strategischer Käufer übernahm die Firma, sicherte die 130 Arbeitsplätze und behielt auch die historische Marke bei, was der Verkäuferfamilie wichtig war.

Solche Erfolgsbeispiele haben auch Investoren hellhörig werden lassen. Anfang 2018 gab es einen ersten Millionenbetrag von Geldgebern wie der Business-Angel-Gruppe SB21. Nun steigt nach Capital-Informationen mit Project A Ventures ein wichtiger Berliner Kapitalgeber ein. Knapp 3 Mio. Euro fließen in einer aktuellen Finanzierungsrunde, die Project A anführt und an der auch ein Family Office der Unger-Familie (ehemals A.T.U.) beteiligt ist.

Es sei ein fragmentiert Markt, in dem manuelles Projektgeschäft dominiere, heißt es von einem der beteiligten Geldgeber. Aber Carl Finance habe eine skalierbare Plattform aufgebaut und biete gleichbleibende Qualität. Was den Investoren gefällt, sind auch die ambitionierten langfristigen Planungen der Gründer.

Denn Nachfolge und Unternehmensverkauf soll für Carl Finance nur ein erster Schritt sein. „Wir nutzen diese Themen als Einfallstor, um langfristig den Kapitalmarkt für den Mittelstand zu bauen“, sagt Habibi. „Wir wollen irgendwann alles anbieten können: Minority Equity, Secondaries, Mezzanine, Fremdkapitalsyndikate, Fundraising von Fonds. Dieser unstrukturierte graue Kapitalmarkt ist heute noch voller Broker und Berater, die vom Golf- zum Rotary-Club fahren. Das ist absolut ineffizient, voll hoher Transaktionskosten.“

Praktisch für das Start-up: Wechselt ein Mittelständler den Besitzer, kommt häufig ganz automatisch das gesamte Firmen-Setup auf den Prüfstand, da wird dann „häufig eine Art Generalüberholung gemacht“, so Habibi. „Dann wird die Finanzierungssituation angeschaut, die Versicherungsstruktur, die Immobilien. Natürlicherweise werden viele Punkte in Frage gestellt – und das ist eine schöne Situation für uns, weil wir perspektivisch noch viel mehr Sachen anbieten können.“